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Schwankungen sind bei jungen Spielern eher die Regel als die Ausnahme. ChessBase-India-Chef Sagar Shah hat das unlängst im Gespräch mit dieser Seite am Beispiel von Praggnanandhaa aufgezeigt, dem indischen Wunderknaben, der die 2600 schon geknackt hat, der zudem den „anand“ im Namen trägt – und doch manchmal grottenschlecht spielt (für seine Verhältnisse). Um bei nächster Gelegenheit wieder groß aufzutrumpfen.

Vor diesem Hintergrund wäre es nicht überraschend, würde Vincent Keymer zur Abwechslung ein Turnier misslingen, nachdem er bei seinem reduzierten Programm im vergangenen Jahr konstant jenseits der 2600 unterwegs gewesen war. Ginge nun ein Wettbewerb so richtig schief, niemand würde bezweifeln, dass der angehende Abiturient bald wieder glänzt. Und dass er trotzdem mit den Praggnanandhaas dieser Welt auf Augenhöhe ist. Er demonstriert die Augenhöhe ja regelmäßig bei der Junioren-Challenge, dem Online-Wettbewerb der weltbesten Jugendlichen, den im Wesentlichen Keymer, die Inder und zwei, drei osteuropäische Wunderknaben unter sich ausmachen.

Pavel Eljanov, der spätere Turniersieger, zeigt seinen Sieg über Vincent Keymer aus der zweiten Runde in Dortmund.

Beim „Deutschland Grand Prix“ im Rahmen der 48. Dortmunder Schachtage sah es jetzt aus, als gehe dieses Turnier so richtig schief. Mit null aus zwei gestartet, zwei Niederlagen zum Auftakt – das ist Keymer zuletzt vor mehr als zwei Jahren passiert: im April 2019 beim Grenke Classic. Seinerzeit waren es sogar vier Niederlagen zu Beginn. Die vier Gegner in diesen Partien: Magnus Carlsen, Fabiano Caruana, Viswanathan Anand, Arkadij Naiditsch.

Auch in Dortmund saß Keymer in der dritten Runde ein Exweltmeister gegenüber, nicht Anand, sondern Rustam Kasimdzhanov, FIDE-Weltmeister 2004/5 und seitdem als Sekundant/Trainer an jedem Weltmeisterschaftsmatch beteiligt.

Nach den zwei Nullen zum Auftakt hielt Keymer den Ball flach, um keine dritte Null zu riskieren. Bald entstand eine symmetrische Stellung, die es dem 16-Jährigen als Weißem erlaubte, mit einem halben Punkt in der Tasche dank Läuferpaar das eine oder andere zu versuchen – freilich ohne allzu große Aussichten, dass mehr als ein halber Punkt dabei herauskommt, aber eben auch ohne Verlustgefahr.

Dann das Kuriosum. Ausgangs der Eröffnung gab Kasimdzhanov auf.

Die Katastrophe, die weite Teile Westdeutschlands heimsuchte, zog auch am Dortmunder Schachturnier nicht spurlos vorüber. Vincent Keymer bescherte sie einen geschenkten halben Punkt in der dritten Runde – und sie markierte die Wende. Den 0/2 zum Auftakt folgten 5/7. Am Ende stand ein ehrenwerter vierter Platz mit 5/9 gegen einen Schnitt deutlich jenseits der 2600.

Abschlusstabelle des „Deutschland Grand Prix“. || via chess24

Neben Andreas Heimann war Keymer der einzige Spieler im Feld unter dieser Marke gewesen, die einst Zugehörigkeit zur Weltklasse markierte und heute immerhin die Zugehörigkeit zum Kreis sehr starker Großmeister. Zu denen gehört Keymer jetzt auch nominell. Trotz des Fehlstarts gewann er in Dortmund elf Elopunkte, sein Live-Rating steht bei 2601.

Vincent Keymer zeigt seinen Sieg über seinen Deizsauer Mannschaftskameraden Gata Kamsky.

Eine Gelegenheit, die Zahl weiter in die Höhe zu treiben, bekommt Keymer schon am kommenden Wochenende. Beim Meisterturnier des Schachfestivals Biel wartet erlesene Gegnerschaft – deren genaue Besetzung noch nicht feststeht. Als Teilnehmer neben dem Deutschen und dem Lokalmatador Noel Studer vorgesehen sind diese Herren:

Aber wer den World Cup verfolgt, der weiß, dass eine Reihe dieser Spieler noch in Sotschi um einen siebenstelligen Preisfonds und zwei Tickets fürs Kandidatenturnier kämpfen. Sollte zum Beispiel Pragg am heutigen Dienstag seinen Tiebreak gegen den polnischen Wunderopa Michail Krasenkow gewinnen, wird es in Biel nicht zum Vergleich mit Keymer kommen, weil der junge Inder stattdessen in Russland sein erstes World-Cup-Abenteuer fortsetzt.

Auch eine unmittelbare Revanche gegen Dmitrij Kollars wird es nicht geben. Der 21-jährige war derjenige gewesen, der Keymer in Dortmund die Auftaktniederlage zufügte. In der Folge schickte sich Kollars an, dort weiterzumachen, wo er zuletzt regelmäßig anzutreffen war: oberhalb des 2600-Levels.

Auftaksieg mit Schwarz gegen Vincent Keymer: Dmitrij Kollars zeigt, wie es passiert ist.

Auch Kollars sitzt am kommenden Wochenende wieder am Brett, aber nicht in Biel, sondern in Magdeburg, wo das Masters beginnt, der Wettstreit der besten deutschen Spieler, der kurioserweise nicht „Deutsche Meisterschaft“ heißt:

1Matthias Blübaum24GM26692685SF Deizisau
2Georg Meier33GM26282637SF Deizisau
3Rasmus Svane24GM26152620Hamburger SK
4Arik Braun33GM26092600SV Hockenheim
5Daniel Fridman45GM26082628SV Mülheim-Nord
6Dmitrij Kollars21GM26072646SF Deizisau
7Andreas Heimann29GM25992557SF Deizisau
8Alexander Graf58GM25692548SF Deizisau
9Luis Engel18GM25432540Hamburger SK
10Ashot Parvanyan20IM24512460SK Doppelbauer Kiel von 1910
Wäre Alexander Donchenko noch mit von der Partie, die Schachfreunde Deizisau würden mehr als die Hälfte aller Teilnehmer an der Deutschen Masterschaft stellen. Aber Donchenko spielt stattdessen in Biel beim sehr stark besetzten Meister-Open. Außerdem fehlt Liviu Dieter Nisipeanu, der nach seinem Sieg in Benasque seit wenigen Tagen wieder die deutsche Nummer eins in der Live-Rangliste ist.

Anders als in Biel steht das Feld hier fest, es sind keine World-Cup-Überschneidungen zu befürchten. Nachdem Arik Braun in Sotschi gegen Boris Gelfand ausgeschieden war und Rasmus Svane im Tiebreak-Drama gegen Ivan Cheparinov verloren hatte, hat es in der dritten Runde Matthias Blübaum erwischt. Aller Voraussicht nach wird Blübaum gerade rechtzeitig in Magdeburg eintreffen, um dort seinen Titel (den es kurioserweise nicht gibt – „Deutscher Master“?) zu verteidigen.

Sechs Dutzend Sportfachverbände gibt es in Deutschland, einer entwertet gezielt seine Deutsche Meisterschaft: Beim Schach wird die Deutsche Meisterschaft als B-Turnier unter Amateuren ausgespielt. DSB-Präsident Ullrich Krause hat einst durchblicken lassen, dass auch er diese Regelung als problematisch empfindet. Aber das war, bevor nach der Einführung des „Masters“ eine Reihe von internen Kriegen die Verbandsressourcen anderweitig banden. Würde Krause das Thema jetzt auf die Agenda setzen, wäre mit Widerstand der Landesverbände zu rechnen. Die erfreuen sich am Privileg, ihre besten Hobbyspieler zu einer „Deutschen Meisterschaft“ schicken zu können. Was der Entwicklung des Schachs nützt oder sie hemmt, spielt angesichts solch schöner Privilegien offenbar keine große Rolle.

Dmitrij Kollars‘ Live-Elo steht jetzt bei 2621, damit wäre er in Magdeburg die nominelle Nummer drei. Und der 21-Jährige muss nach seinen Leistungen der jüngeren Vergangenheit zumindest mit der Mitfavoritenrolle umgehen. Nach seinem Sieg beim Claus-Dieter-Meyer-Gedenkturnier und dem folgenden (geteilten) Sieg bei der Kader-Challenge, jeweils mit Performances nahe 2700, war auch Kollars Mitglied des 2600er-Clubs geworden.

Dass er da reingehört und noch Luft nach oben hat, zeigte der junge Bremer jetzt in Dortmund. Kollars glänzte ja nicht nur mit seinem Auftaktsieg gegen Vincent Keymer. Bemerkenswert auch sein Erfolg über den späteren Turniersieger Pavel Eljanov. Oder ein Schwarzremis aus der Position der Stärke gegen den einstigen FIDE-Weltmeister Ruslan Ponomariov.

Wäre da nicht diese vermaledeite Niederlage gegen Rustam Kasimdzhanov gewesen, die Spekulation des großen Griechen über einen deutschen Überraschungssieg in Dortmund wäre womöglich wahr geworden. Und auch so war zumindest ein geteilter Sieg bis ganz zum Schluss drin. Aber in der letzten Partie des Turniers gelang es letztlich Pavel Eljanov, noch einen vollen Punkt einzufahren und die Pole Position allein für sich zu reklamieren.

(Titelfotos: Christian Lünig/Arbeitsblende)

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