Eine exklusive Englisch-Lektion

In Deutschland entscheiden sich nur wenige Spitzentalente, zumindest auszuloten, ob es sich lohnen könnte, auch beruflich auf die Karte Schach zu setzen. Und kaum jemand setzt diese Entscheidung so konsequent um wie Dmitrij Kollars

2015 verließ Dmitrij das Gymnasium, um Schachprofi zu werden, ein im Freundes- und Bekanntenkreis wie in der Schachszene alles andere als unumstrittener Schritt, den der heute 19-Jährige mit Unterstützung seines Vaters und seines Trainers Jonathan Carlstedt gehen wollte. 

Carlstedt betreute Kollars seit 2013. Spätestens 2015 ging die Zusammenarbeit dann weit über ein reguläres Verhältnis zwischen Coach und Student hinaus. Die beiden bildeten eine Schach-WG, Carlstedt unterstützte seinen Schützling im Leben ebenso wie am Brett.

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Mehr als nur ein Coach und sein Schützling: Dmitrij Kollars und Jonathan Carlstedt bildeten zwei Jahre lang eine Schach-WG. (Foto: Hoogeveen Schaaktoernooi)

Die Zusammenarbeit und das Zusammenleben der beiden endete 2017, die tiefe Verbundenheit bleibt. „Ich bin stolz auf das, was unsere gemeinsame Arbeit hervorgebracht hat“, sagt Carlstedt – auch im Hinblick auf die jüngst in Magdeburg beendete Deutsche Meisterschaft, bei der Dimitrij Kollars mit 8 Punkten aus 9 Partien eine Elo-Leistung von knapp 2.800 hinlegte, sein bestes Turnier jemals. Dass das trotzdem „nur“ zum zweiten Platz reichte, liegt daran, dass der neue Deutsche Meister Niclas Huschenbeth sich im Duell mit Kollars zu einer ebensolchen Fabelleistung aufschwang.

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Wir haben bei Carlstedt angefragt, ob er uns anlässlich der Deutschen Meisterschaft eine kommentierte Kollars-Partie schicken möchte. Er mochte, sogar eine aktuelle. Exklusiv für unsere Leser kommentiert Carlstedt eine Partie aus Magdeburg, die zu seinem jüngst bei Chessemy veröffentlichten Englisch-Kurs „Jonnys Englisch“ passt. Und damit nicht genug. Seinen Schützling hat Carlstedt gefragt, ob der seinen Sieg über Jonas Roseneck ebenfalls mit ein paar Anmerkungen garnieren möchte.

Es entstand ein schachlicher Leckerbissen: Carlstedt kommentiert, Kollars ergänzt. Das Gespann erklärt nicht nur eine Englisch-Partie wie aus einem Guss, sondern erlaubt uns Einblicke in ihre Zusammenarbeit und nimmt uns obendrein noch mit ans Brett bei der Deutschen Meisterschaft.

Zum Nachspielen finden sich alle Züge und Varianten der Partie hier in einer Lichess-Studie.

Kollars, Dmitrij (2.561) – Roseneck, Jonas (2.403)
Deutsche Meisterschaft 2019, Englisch

Kommentar: Jonathan Carlstedt, Dmitrij Kollars

Für Dmitrij war die DEM in Magdeburg ein voller Erfolg, auch wenn er am Ende hinter seinem ehemaligen Mannschaftskollegen Niclas Huschenbeth aufgrund der schlechteren Feinwertung Zweiter wurde. Ein ordentliches Preisgeld sowie die Qualifikation für das Masters 2020 sind ihm sicher.

1. c4

Dmitrijs Hauptwaffe ist 1.e4. Als wir unsere Zusammenarbeit im Jahr 2013 begannen, kam er mit einem sehr starken Repertoire nach 1.e4 zu mir, an dem wir nur gelegentlich feilten und bei konkreten Vorbereitungen auf Gegner abwichen. Mit der Zeit hielt ich es für angebracht, ihm eine Zweitwaffe an die Hand zu geben. Nicht nur da ich mich einigermaßen mit der Englischen Eröffnung auskenne, sondern da Dmitrij so auch einen ganz neuen Stellungstyp lernen würde, entschieden wir uns für 1.c4 als zusätzliche Option. Damit fuhr Dmitrij über die Jahre sehr gut und auch in der 7. Runde der DEM war die Zeit gekommen den Gegner aus der Vorbereitung zu bringen.

Kollars: „Meine Eröffnungswahl beruhte darauf, dass ich mich in der kurzen Pause zwischen Morgen- und Mittagsrunde die Möglichkeiten meines Gegners eingrenzen wollte: gegen 1.e4 wechselte er zwischen verschiedenen Systemen, während er sich nach 1.c4 zuletzt auf …e5 2.Sc3 Sf6 3.Sf3 Sc6 4.e3 Lb4 5.Dc2 Lxc3 6.Dxc3 De7 festgelegt hatte. Hier wurden im Spitzenschach kürzlich interessante neue Ideen für Weiß gefunden.“

1…g6 2. Nc3 c5

Kollars: „Eine Überraschung für mich.“

3. g3 Bg7 4. Bg2 Nc6

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Die Symmetrie-Variante. Unser Repertoire besagt 5.a3, wonach Schwarz diverse Optionen hat.

5. a3 e6 6. Rb1 Nge7 7. b4 d6

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Im Zuge meiner Aufnahme für Chessemy zur Englischen Eröffnung habe ich mit Nikolas Lubbe einige Übungspartien gespielt, die man sich kostenfrei auf Youtube anschauen kann. Auch diese Variante war dabei. Nikolas und ich wählten wie Dmitrij 8.e3, wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass 8.h4 gefolgt von Sf3 etwas besser ist. Eine Einschätzung, die auch Dmitrij nach dem Turnier teilte. 

(7… cxb4 8. axb4 d5 9. b5 Ne5 10. cxd5 exd5 11. d4 Nc4 12. e3 ist die Alternative zur Partie, die aber Weiß aufgrund des einfachen Spiels gegen den d5 beste Chancen bietet.)

8. e3

Kollars: „?!. Frühe Improvisation meinerseits, um von einer meiner aktuellen Vorgängerpartien mit 8.Sf3 abzuweichen.“

8…O-O?!

Kollars: „Jetzt kann Weiß seine typischen Ideen durchsetzen.“

(8… Ne5! ist der Versuch, den weißen Aufbau zu wiederlegen. Weiß hat weiterhin vernünftiges Spiel, doch es gibt keinen Grund Schwarz so viele Zugeständnisse zu erlauben. 9. Qc2

(9. Qe2 d5 Kollars: „Das hatte ich befürchtet, Schwarz übernimmt die Initiative.“ 10. cxd5 c4 11. d6 Nd3+ 12. Kf1 Qxd6 13. Nf3 Bd7 mit deutlichem schwarzen Vorteil in Lombaers,P (2372)-Jones,G (2691), Caleta 2019, 0-1 (25)) (9. Nge2)

9… cxb4 10. Nb5 a6 11. Nd4 Qc7 12. d3 bxa3 13. Bxa3 Hier hat man zwar Wolga-artige Kompensation, aber nicht die Art von Stellung die man eigentlich haben möchte.)

9. Nge2 e5

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Was mich in der Zusammenarbeit mit Dmitrij immer begeistert hat, dass er eine Woche nachdem wir ein bestimmtes Thema oder eine bestimmte Eröffnung besprochen haben, bereits mehr über das Thema wusste als ich. Im Zusammenhang mit der Englischen Eröffnung bedeutet dies, dass er ein sehr tiefes Verständnis hat, was sich in einer Stellung gehört und was nicht. 9…e5 ist ein Fehler, diese Stellung könnte Schwarz auch bekommen, hätte er direkt mit …e5 statt …e6 gespielt. Dieser Umstand blieb Dmitrij nicht verborgen und inzwischen hat er die Spielstärke aus solchen Ungenauigkeiten bereits Kapital zu schlagen.

Kollars: „9…e5 kostet Zeit. Weiß steht angenehmer, hat Raumvorteil.“

10. O-O Rb8 11. d3 Be6

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12. Bd2

Entwickelt die letzte Figur und verbindet die Schwerfiguren.

Kollars: „Ein Abwartezug, die erste schwierige Entscheidung der Partie. Weiß antizipiert 12…Dd7?! (logischer schien 12…a6), darauf soll 13.Se4 folgen (Doppeldrohung bc: und Sg5).“

(12. b5 Na5 13. e4 und Schwarz hat keinen Zugang nach d4, Weiß aber nach d5. Kollars: „12.b5 wäre stärker gewesen. Drängt den Sa5 ins Abseits, schließt aber auch den Damenflügel, das habe ich während der Partie nicht richtig eingeschätzt.“)

12… Qd7 13. Ne4!

Eine Zeit lang arbeiteten Dmitrij und ich daran, dass er erkennt, nicht immer alles durchrechnen zu müssen, sondern auch ein wenig mit Zwischenzielen zu arbeiten. In diesem Fall zum Beispiel mit Sg5 das Läuferpaar abholen zu können. Oder, dass eine trickreiche Drohung für den Gegner unangenehm sein kann und man diese trotzdem gelegentlich auch aufstellen sollte, wenn Dmitrij bereits selber sieht, wie der Gegner darauf optimal reagieren müsste.

13… cxb4 14. axb4 b5 15. c5

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15… dxc5?!

So etwas wie der vorentscheidende Fehler. Eigentlich hat man mit Schwarz kein Interesse daran, auf c5 einen weißen Bauern zu erlauben, hier wäre es jedoch das Mittel der Wahl gewesen.

(15… d5 16. Ng5 Bf5 Kollars: „Ich hatte eher 16…Lg4 erwartet, und die Lage ist nicht so klar.“ 17. e4 dxe4 18. dxe4 Bg4 19. f3 Rbd8 20. Rb2 Be6 21. Nxe6 Qxe6 22. Qb1+=)

16. Nxc5 Qc8 17. Nxe6

Kollars: „Der Gewinn des Läuferpaars gab mir einfaches Spiel: Nachdem die einzige weiße Schwäche d3 gedeckt und der Hebel …a5 verhindert war, fehlte es Schwarz an Gegenspiel. Die schwarzen Springer fanden keine Stütztpunkte im Zentrum, während die weißen Figuren langsam aktiviert werden konnten.“

17… Qxe6

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Dmitrij hat eine Menge erreicht, in einer vergleichsweise offenen Stellung hat der starke Läufer auf g2 keinen Gegenpart und das Läuferpaar ist auch eine Macht. Zudem schafft Schwarz es nicht, seine Mehrheit am Dameflügel ins Spiel zu bringen, da a5 ausreichend überdeckt ist.

18. Qb3 Qd7

(18… Qxb3 Es sieht im ersten Moment verlockend aus, ein wenig Dampf aus der Stellung zu nehmen und die Damen zu tauschen. Doch Dmitrij und auch Jonas schätzten die Situation korrekt ein: Weiß würde von einem Tausch profitieren.)

19. Rxb3 Rfd8 20. Rc1 Rbc8 21. Rbc3 Nb8 

Schwarz erhält eine sehr passive Stellung.

19. Rfd1 Rfd8 20. Be1 Nd5 21. Rbc1 Nce7 22. d4!

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Weiß macht das Häkchen an eine weitere wichtige Idee in sizilianisch-ähnlichen Stellungen: d4 durchsetzen. Damit öffnet sich die Stellung weiter, und die Läufer werden noch stärker.

Kollars: „Viel Zeit verwendete ich für den typischen Vorstoß 22.d4, weil ich erst nach 15 Minuten die taktische Pointe 22…Dg4!? 23.e4! (23.f3 Dg5 oder 23.Da2 e4 gibt Schwarz Gegenchancen) Dxe2 24.Lf3 mit Damenfang fand.“

22… exd4 23. Nxd4 Qe8 24. Rc5 Bxd4 

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Verzweiflung. Wenn man diesen Läufer abgeben muss, sollte klar sein, dass es irgendwann auf den schwarzen Felder kritisch wird.

(24… Nf6?! 25. Qa2 Ng4 26. Qxa7 und der erste Bauer ist weg.)

25. Rxd4

Kollars: „Eine Ungenauigkeit beim Verwerten des Vorteils. 25.exd4 habe ich wegen 25…Dd7 verworfen, doch darauf war die Blockade auf d5 durch 26.Ld2! gefolgt von Lg5 zu brechen.“

25… Nb6 26. Rd1 Rxd1 27. Qxd1 Rd8 28. Qe2

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28… Nc4

(28… a6 Laut Engine hat Schwarz hier noch leichte Hoffnungen, die Stellung zu halten. Aus menschlicher Sicht ist Schwarz jedoch auf den schwarzen Feldern in einer hoffnungslosen Lage. Kollars: „28…a6 habe ich für die letzte Verteidigungschance gehalten, um das Feld c3 im nächsten Zug durch Sb6-a4 unter Kontrolle zu nehmen und die Aktivierung des Läufers e1 zu erschweren.“)

29. Bc3 

Kollars: „Jetzt dominieren die Läufer auf dem offenen Brett. Unter Zeitdruck konnte Schwarz die Drohungen nicht parieren.“

29… Rc8 30. Rxc8 Qxc8 31. Qd3 Nf5 32. Bh3

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Schwarz hat bereits genug gesehen und keine Lust mehr, sich quälen zu lassen, eine verständliche Entscheidung, droht doch e4 und die schwarzen Felder bieten weiterhin kein Anlass zur Freude. Damit blieb Dmitrij im Gleichschritt mit Niclas Huschenbeth, die am Ende beide mit 8 aus 9 die Ziellinie überquerten. Eine starke Leistung von Dmitrij, die ihm im Live-Rating das erste Mal über eine Zahl von 2580 bringt.

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