Nächstes Ziel: 2738

Wieder ein Meilenstein. Vincent Keymer hat mit einem Sieg in der vierten Runde der polnischen Ekstraliga seine Elozahl über 2700 geschraubt: 2700,6. Der 17-Jährige ist der zweite Deutsche, dem es gelingt, diese Ratinghöhen zu erreichen. In der polnischen Liga steht Keymer nach 4 von 9 Runden jetzt bei 3,5 Punkten aus 4 Partien.

Etwas mehr als ein Jahr hat Keymer gebraucht, um vom 2600er zum 2700er zu werden:

Juli 2021: Als Vincent Keymer und Dmitrij Kollars dem 2600-Club beitraten.

Mit einem Rating von 2591 begann er seinerzeit das Rundenturnier in Dortmund, den “Deutschland Grand Prix”, Teil der “neuen” Dortmunder Schachtage. Und er begann mit zwei Niederlagen in Folge. In der dritten Runde folgte ein kurioser Sieg über Rustam Kasimdzhanov, der entnervt aufgab, weil während der laufenden Partien deutlich vernehmbar Wasser in den Turniersaal tropfte.

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Für Keymer markierte diese Kuriosität die Wende. Trotz des Fehlstarts schloss er den Wettbewerb mit 5 Punkten aus 9 Partien ab und sammelte obendrein zehn Elopunkte. Damit waren die 2600 erreicht, einst die Marke, die Träger des inoffiziellen Titels “Supergroßmeisterund die Zugehörigkeit zumindest zur erweiterten Weltklasse kennzeichnete.

Diese Marke hat sich um 100 Punkte verschoben. Wer heute ein “Supergroßmeister” sein will, der braucht die 2700 und steht damit tendenziell unter den Top 40 der Welt.

Dass dort ein deutscher Spieler platziert war, ist lange her. Bis auf Platz 18 der Weltrangliste kletterte Arkadij Naiditsch im Dezember 2013, als er 27-jährig sein bisheriges Elo-Hoch von 2737 erreichte. Für die Wegstrecke von 2600 bis 2700 hatte Naiditsch viereinhalb Jahre gebraucht: von Oktober 2004 bis April 2009.

Keymer hat diesen Abschnitt deutlich schneller und eher absolviert als sein Vorgänger. Mit 2700,6 steht er jetzt auf Rang 42 der Live-Weltrangliste.

Schon nach dem mühsam erkämpften Auftaktsieg in der polnischen Liga hatte sich Keymer ein erstes Mal in eine Ausgangsposition gebracht, in der ein Partiegewinn zum Überspringen der 2700 reichen würde. Allerdings ging es in dieser Partie mit Schwarz gegen Kirill Shevchenko (19), ein veritabler Gegenspieler, die größte Hoffnung des ukranischen Schachs und selbst Teil der Schar junger Spitzengroßmeister, die die 2700 anpeilen.

Die hochklassige, komplexe Partie zweier angehender Supergroßmeister endete remis.

Um sich direkt die zweite Chance auf 2700 zu erspielen, brauchte Keymer in der Runde danach einen vollen Punkt gegen den erfindungsreichen polnischen Großmeister Kacper Piorun, eine Weißpartie.

Vincent Walze rollte erfolgreich. Nach zu spekulativ vorgetragener Eröffnung des Schwarzen war Keymer stets am Drücker, musste aber einen Schreckmoment überstehen. Nachdem der Deutsche einen Ausknipser versäumt hatte, bot sich dem Polen in Zeitnot eine Rettungschance – die er verpasste. Weitere Chancen gewährte Keymer nicht.

Damit stand er bei 2699,4. Und er bekam eine weitere Weißpartie beschert, da am Spitzenbrett von “Minutor Energia Gwiazda Bydgoszcz” Radoslaw Wojtaszek aussetzte. So hatte es Keymer ganz vorne mit IM Michael Luch, Elo 2364, zu tun. Formal eine lösbare Aufgabe. Am Brett allerdings sah Keymers Spiel zeitweise etwas gekünstelt aus, während Luch sich als hartnäckiger Widersacher erwies. Erst ein Fehler des Polen in sich anbahnender Zeitnot (31…Dd6?) ließ die Partie kippen. Sechs Züge später war es vorbei.

Die Live-Weltrangliste reagierte sofort. Dort steht Keymer jetzt auf Platz 42. In der zuletzt vielbeachteten Junioren-Weltrangliste bleibt Keymer Sechster.

via 2700chess.com

Den fünften Platz hatte Keymer am Montag verloren, als Hans Moke Niemann mit Schwarz Magnus Carlsen schlug und zum ersten Mal über 2700 sprang. Die in der Partie gegen Carlsen gewonnenen Elopunkte wird der zwei Jahre ältere Niemann behalten. Zwar zählt die Partie nach Carlsens Rücktritt nicht für den Sinquefield-Cup, aber für die Elozahl ausgewertet wird sie trotzdem.

(Titelfoto: Minutor Energia Gwiazda Bydgoszcz)

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Thomas Richter
Thomas Richter
26 Tage zuvor

Und auch das: Ich hätte nicht gedacht, dass ich “als Datenmensch Naiditsch in Schutz nehme”, aber “damals” dauerte es generell länger. Nun brauchten Firouzja, Gukesh, Erigaisi, Niemann und Keymer von 2600 bis 2700 10-15 Monate (bei den letzten beiden “Stichtag” 1.10.2022 unter der Annahme, dass sie dann offiziell 2700+ haben. Die Ausnahme ist Abdusattorov (3 Jahre). Bei Praggnanandhaa sind es bisher 2 1/2 Jahre, aber ihn schätze ich (trotz Erfolgen im Internet-Schnellschach) etwas schwächer ein als die anderen. Soweit es vergleichbar ist, früher gab es auch keine monatlichen Elolisten: so schnell waren nur Carlsen und Giri (beide etwa 1 1/2… Weiterlesen »

Thomas Richter
Thomas Richter
26 Tage zuvor

Irgendwie paradox, dass dieser Artikel – betrifft Anzahl Kommentare – “im Niemannsland” landet. Und auch, dass Keymer sich (live) Elo 2700+ mit Siegen gegen “schwache” GMs hart erarbeiten musste, während Niemann es mit relativ leichten Siegen gegen etablierte Weltklassespieler schaffte und zunächst eher im internationalen Rampenlicht stand (bzw. weiterhin, aber auf das was dann kam kann er sicher verzichten). Das ja nur, weil Richard Rapport Impfverweigerer ist und deshalb nicht in die USA einreisen durfte. Sonst hätte Rapport in Saint Louis gespielt, und Niemann wie Keymer in der polnischen Liga (Brett 1 vor Bluebaum). Wer immer noch nicht geimpft ist,… Weiterlesen »

Chris
Chris
25 Tage zuvor
Reply to  Thomas Richter

Gegen etablierte Weltklassespieler bekommt man zwar mehr Elo, trotzdem muss man die erstmal schlagen.

Während der Herr Luch natürlich wenig Punkte gibt, aber auch deutlich schwächer als die 2700er Riege ist.

Thomas Richter
Thomas Richter
25 Tage zuvor
Reply to  Chris

Gegen durchgehend Spieler wie IM Luch bräuchte Keymer 7/7 (oder 11,5/12) um nun 2700 zu knacken, die anderen waren durchaus respektable GMs. Wobei seine Siege durchaus harte Arbeit waren, die von Niemann gegen Weltklassespieler relativ leicht durch frühe gegnerische Fehler – auch das meinte ich mit “paradox”.

Chris
Chris
24 Tage zuvor
Reply to  Thomas Richter

Er wir eben auch bezahlt für die sicheren Punkte, ich bin mir auch recht sicher das er dort sehr zuverlässig scored … (mal davon ab das Luch am brett eins dort auch die absolute ausnahme ist)

Aber du sollst auch kein Super gm werden, indem du ständig 10 Jährige von Brett putzt – sondern auch deine Qualität gegen die guten Zeigst.
Wenn Luch super GM wäre da er konsequent nur gegen Nulpen wie mich spielt, wäre das ja auch nicht repräsentativ und ich würde gegen ihn wohl kein Remis machen.