Eine italienische Faustregel

Es soll ja immer noch Leute geben, die glauben, eine Eröffnung zu lernen, bedeute das Auswendiglernen von Zugfolgen.

Falsch!

Wichtig ist, die sich aus einer Eröffnung ergebenden Stellungen zu verstehen. Wer eine Bauernstruktur mit den typischen Plänen verknüpfen kann, wer weiß, welche Puppen wo stehen wollen und was die Idee dahinter ist, der macht automatisch gute Züge, ohne sie lernen zu müssen.

Unser Maxim hat heute bei der Badischen U12-Meisterschaft in der vierten Runde ein schönes Beispiel dafür auf dem Brett gehabt. Mit den weißen Steinen hatte er diese typische Stellung aus der Italienischen Eröffnung auf dem Brett:

Maxim steht freilich noch ganz am Anfang seiner Schachreise. Er weiß, dass das Zentrum wichtig ist, dass er zu Beginn der Partie seine Figuren entwickeln und seinen König in Sicherheit bringen soll. Dazu kennt er die gängigen taktischen Motive, die Fesselung zum Beispiel.

Wer weiß, dass die Figuren raus müssen, wer außerdem weiß, dass Fesselungen für den Gegner unangenehm sind, der zieht hier 6.Lg5.

So wie Maxim.

Nach dem Turnier wird Maxim auf Lichess die Partie analysieren und die Eröffnung mit der Lichess-Datenbank aus Meisterpartien vergleichen. An dieser Stelle wird er eine überraschende Entdeckung machen. Und dann wird er eine wichtige Lektion lernen.

Kaum ein starker Spieler hat hier jemals den vermeintlich offensichtlichen Zug 6.Lg5 gespielt. Und diejenigen, die es doch getan haben, haben mit Weiß kümmerliche 22 Prozent der Punkte geholt. Erstaunlich, oder?

Nicht für starke Spieler. Die kennen nämlich eine Italienisch-Faustregel:

Weiß zieht erst Lg5, nachdem Schwarz kurz rochiert hat.

Maxims verfrühtes 6.Lg5 beantworten starke Spieler freudestrahlend mit 6…h6 7.Lh4 g5, und Schwarz kann sich sofort auf den weißen König stürzen. Seinen eigenen König versteckt er derweil am Damenflügel.

Sechs Partien, sechs Schwarzsiege: Die Bilanz in der Lichess-Datenbank deutet an, warum Weiß hier schon Probleme hat. Weil Weiß die wichtige Italienisch-Faustregel ignoriert hat, kann Schwarz ohne Sorge gegen den weißen König losrollen und seinen eigenen Monarchen bei Bedarf am Damenflügel verstecken.

Mit 6.Lg5 schenkt der Weiße dem Schwarzen Königsangriff. Wie so ein Angriff ablaufen kann, hat in einer ähnlichen Struktur 2018 beim Kandidatenturnier Vladimir Kramnik demonstriert.

Wartet Weiß in solchen Stellungen ab, bis Schwarz …0-0 gespielt hat, kann er ohne Bedenken per Lg5 den Sf6 fesseln. Schwarz wird dann nicht einfach so …h6 und …g5 ziehen können, weil er damit seinen König entblößen würde.

Ein einfaches Prinzip, aber man muss es halt wissen.

Maxim hat übrigens trotzdem gewonnen. Der Gegner wusste nämlich auch nicht, dass er per 6…h6 und 7…g5 einen Königsangriff einleiten sollte.

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