Kollars im Grand Swiss

Eine Reihe von Absagen überschattet die Grand Swiss’, die am morgigen Mittwoch mit 157 Spieler:innen in Riga beginnen. Um zumindest in der Nähe der angestrebten 164 Teilnehmer:innen zu bleiben, hat die FIDE kurzfristig bei einer Reihe von Schachmeistern angefragt, ob sie einsteigen wollen, nach Angaben des Schachbunds auch bei einigen deutschen. Alle von denen konnten den zweiwöchigen Ausflug ins Baltikum nicht spontan einrichten – bis auf einen: Dmitrij Kollars, den die Einladung erst am Donnerstag vergangener Woche erreichte, wird als fünfte:r Deutsche:r beim Grand Swiss mit von der Partie sein.

Die Partien der ersten Runde beginnen am Mittwoch um 14 Uhr. Zur Liveübertragung hier (chess.com) oder hier (chess24).

Dmitrij Kollars beim Bundesligafinale in Berlin, wo er mit den SF Deizisau Deutscher Vizemeister hinter der OSG Baden-Baden wurde. | Foto: Johannes Winkler

Für Kollars gilt angesichts der Stärke des Feldes dasselbe wie für Vincent Keymer, Matthias Blübaum und Alexander Donchenko: Am Ende etwas Zählbares neben der gewonnenen Erfahrung aus den abzusehenden elf Partien gegen internationale Spitzengroßmeister wäre eine Überraschung. Das betrifft vor allem die Hauptpreise, die zu gewinnen eine Platzierung unter den ersten acht des 107-köpfigen Feldes mit seinem 2638-Eloschnitt erfordert: zwei Tickets fürs Kandidatenturnier 2022, sechs Tickets für den Grand Prix 2022 in Berlin, der für deutsche Teilnehmer ein Heimspiel wäre.

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Dmitrij Kollars und Jonathan Carlstedt.

“Ich freue mich unheimlich, dass Dmitrij diese Gelegenheit erhält”, sagt Kollars’ langjähriger Wegbegleiter, Freund und Trainer Jonathan Carlstedt auf Anfrage dieser Seite. “Er schafft es langsam aus dem Schatten einiger seiner Konkurrenten heraus und hat nun die Chance, wieder zu beweisen, dass er ein Kandidat für die Nationalmannschaft ist.”

Beim nächsten Auftritt der Nationalmannschaft im November bei der Mannschaftseuropameisterschaft ist der 22-jährige Bremer noch nicht Teil des deutschen Teams (Nisipeanu, Donchenko, Blübaum, Keymer, Svane).

Für die Schachfreunde Kollars und Keymer ist die große Lotterie namens Grand Swiss eine schöne Gelegenheit, ihren jüngsten Aufwärtstrend fortzusetzen. Beide sind erst seit kurzem Mitglied des 2600-Clubs.

Selbst ein Geldpreis ist nominell nicht zu erwarten. Die gut 400.000 Dollar im offenen Grand Swiss werden unter den 40 Erstplatzierten verteilt. Bestgesetzter Deutscher ist Alexander Donchenko auf Rang 44.

Aleksandra Goryachkina sucht die stärkstmöglichen Gegner. Schon seit 2016 spielt sie bei der russischen Männermeisterschaft mit, jetzt hatte sie sich zum ersten Mal fürs Superfinale qualifiziert. Auch in Riga wird sie einige der stärkstmöglichen Gegner finden. | Foto: FIDE

Dieser “offene” Grand Swiss ist tatsächlich einer. Mit Aleksandra Goryachkina ist eine Frau Teil des Feldes. Mit ihren 2602 Elopunkten könnte sich die Russin in der Blase der internationalen Spitzenspielerinnen einrichten und dort ein mehr oder weniger bequemes Auskommen finden, aber ihre Ambitionen gehen darüber hinaus: Goryachkina sucht die bestmöglichen Gegner.

Nachdem die 22-Jährige als sechste Frau überhaupt die 2600-Elo-Hürde übersprungen hat, hat sie jetzt als erste Frau in der Geschichte am russischen Superfinale teilgenommen, der russischen Meisterschaft, die kurioserweise “Superfinale der Männer” heißt. Mit 4,5/11 hielt sie sich im Klassefeld wacker, und ihre Turnierleistung von 2618 hätte gereicht, um das parallele russische Superfinale der Frauen zu gewinnen. Nun legt sie gleich ein weiteres Turnier nach, bei dem ihr reihenweise 2650er und 2700er über den Weg laufen werden.

Konzeptionell soll das Grand Swiss ein Klassentreffen der Top 100 der Welt sein, aber das ließ sich umständehalber nicht annähernd verwirklichen. Ungeachtet der zwei Spots fürs Kandidatenturnier und der sechs für den Grand Prix (bei dem die letzten beiden Kandidatenturnierteilnehmer ermittelt werden) wird eine Reihe Weltklassespieler fehlen. Nach Hikaru Nakamura und Vidit Gujrathi, die schon abgesagt hatten, winkten jetzt auch die potenziellen WM-Kandidaten Shakh Mamedyarov, Alexander Grischuk und Richard Rapport ab. Auch Arkadij Naiditisch fehlt.

Beim World Cup wäre Fabiano Caruana in der ersten Runde beinahe an Corona gescheitert, siehe dieser Bericht. Später schied er überraschend gegen Rinat Jumabayev aus. Nun unternimmt er, anders als sein Landsmann Wesley So, in Riga einen neuen Anlauf, den Sprung ins Kandidatenturnier 2022 zu schaffen. | Foto: FIDE

Fabiano Caruana wird zwar mitspielen, eine Reihe anderer US-Spitzengroßmeister nicht. Sam Shankland etwa oder Wesley So. Der erklärte jetzt am Rande der US-Meisterschaft:

“Auf dieses Turnier bin ich vor zwei Jahren schon einmal hereingefallen. Offene Turniere sind hart. Du spielst gegen all diese 2600er, und die spielen sehr solide, weil sie mehr oder weniger mit beiden Farben mit einem Remis einverstanden sind. Das ist schwierig. Vor zwei Jahren habe ich zwei Wochen lang ein sehr hartes Grand Swiss gespielt und 1500 Dollar gewonnen. Da wäre ich besser zu Haus geblieben. Natürlich gibt es zwei Kandidaten-Spots, aber eben auch 120 Bewerber dafür. Und ich bin ziemlich müde. Würde ich jetzt unvorbereitet nach Riga fliegen, das gäbe ein Desaster.”

Die aktualisierte Top 10 der Teilnehmerliste.

Auch im Grand Swiss der Frauen wäre ein Hauptpreis für Elisabeth Pähtz eine Überraschung – aber keine Sensation. Mit ihren 2475 Elo geht Pähtz als Nummer elf des 50-köpfigen Feldes ins Rennen. Zu vergeben ist ein Platz im nächsten Kandidatenturnier der Frauen sowie vier Plätze für den nächsten Grand Prix der Frauen.

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schwichtd
schwichtd
1 Monat zuvor

Aleksandra Goryachkina

Endlich wieder eine Frau die verstanden hat, dass eine Geschlechtertrennung im Schach jeder Grundlage entbehrt. Ich mag die Frauen nicht, die sich in ihre eigene kleine Welt zurückziehen, um Gelder abzugreifen, anstatt ihr Potential auszuschöpfen. Einfach mal auf dem geschlechterneutralen Spielfeld, genannt Schachbrett, die Entscheidung suchen. Und wenn du nicht gut genug bist, biste halt nicht gut genug.

Oder habe ich irgendwo den wissenschaftlichen Beweis verpasst, wo nachgewiesen wurde, dass Männer den Frauen nicht nur körperlich sondern auch intellektuell überlegen sind?

Wenigstens eine, die was für die Gleichberechtigung der Frau tut.

Last edited 1 Monat zuvor by schwichtd