Gukesh, Sarin, Pragg – und Keymer

Vincent Keymer ist auf Augenhöhe mit den besten Jungs seiner Generation. Dieser Schluss lässt sich aus der jetzt beendeten Polgar-Challenge ziehen. Trotz eines Durchhängers am zweiten von vier Turniertagen hätte Keymer mit einem Sieg in der letzten Runde Zweiter werden können. Wahrscheinlich übertrieb er die Gewinnversuche ein wenig, sodass am Ende eine „Null“ und Platz sechs stand – zwei Punkte hinter dem Inder Praggnanandhaa, der den Wettbewerb mit 15,5/19 gewann.

Wenn wir die Preisgeld-Differenz ignorieren, war es letztlich egal, ob Zweiter oder Sechster. Einen Jackpot gab es zu gewinnen, und den sicherte sich der 15-jährige Inder. Ab dem 24. April wird Praggnanandhaa beim nächsten Event der Meltwater Champions Chess Tour im Kreis der Elite des Schachsports mitspielen, die Belohnung für seinen Erfolg bei der Polgar-Challenge.

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Zweiklassengesellschaft: Die Jungs auf den vorderen zehn Plätzen, die Mädchen dahinter.

Zwei Niederlagen erlitt der Inder im Laufe des Turniers, eine davon in der 15. Runde gegen Keymer in einem Endspiel, das Fachleute an einen Klassiker erinnerte, den Sieg Bobby Fischers 1971 in der vierten Kandidatenmatch-Partie gegen Mark Taimanov:

„Wunderkinder“ waren diese beiden einmal. Mit 16 bzw. 15 Jahren sind sie dem Kindesalter lange entwachsen.

Profiteur des Keymerschen Siegs hätte der einen halben Punkt hinter „Pragg“ liegende Nodirbek Abdusattorov sein können, doch unterlag der Usbeke in der 15. Runde Praggnanandhaas Landsmann Nihal Sarin.

Nicht ganz unerwartet finden wir nach 19 Runden unter den fünf Erstplatzierten das indische Wunderknabentrio Praggnanandhaa, Gukesh und Nihal Sarin. FIDE-Marketingchef David Llada nahm das zum Anlass, Fotos dieser drei auf Twitter zu verteilen und anzumerken, dass eines dieser Bilder mit hoher Wahrscheinlichkeit den kommenden Weltmeister zeige.

Für uns ist das ein schöner Anlass, einen bislang unveröffentlichten Auszug aus dem ausführlichen Gespräch dieser Seite mit ChessBase-India-Chef Sagar Shah zu veröffentlichen.

Mit Sagar Shah haben wir nicht nur darüber gesprochen, wie er vom Schachspieler zum Schachmotor einer Region wurde, wir haben ihn auch gebeten, die drei genannten Supertalente zu skizzieren und ihre Perspektive einzuschätzen. Weil der Beitrag seinerzeit ohnehin so lang war, haben Sagar Shahs Ausführungen zu Pragg, Gukesh, Sarin nicht den „Cut“ geschafft. Sie seien heute nachgetragen.

Sagar Shah hat das Wort:

„Welcher dieser drei Jungs letztlich der Beste sein wird, lässt sich noch nicht sagen. Ich werde das oft gefragt, aber für eine Antwort ist es zu früh. Wir müssen abwarten, dann werden wir sehen.

Bemerkenswert ist, wie unterschiedlich diese drei sind. Nihal Sarins Stärke ist seine Stabilität. Seit zwei Jahren verliert er kaum einmal Elo, wenn er ein Turnier spielt. Und wenn er ein neues Level erreicht, dann ist er stets in der Lage, sein Spiel diesem Level anzupassen. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen.

Nihal Sarin. | Alle Fotos: David Llada mit freundlicher Genehmigung

Praggnanandhaa tickt anders. Er gewinnt viele Turniere, er kann sich punktuell in enorme Höhen aufschwingen, hat aber nicht diese Konstanz und Stabilität. Pragg fährt zum Xtracon-Open, gewinnt es, fährt zur U18-WM, gewinnt sie vor vielen älteren Spielern, danach London Open, wieder gewinnt er. Aber es gibt eben auch Turniere, da belegt er Platz 50 oder 60, etwas, das Nihal nicht passieren würde.

Praggnanandhaa.

Gukesh sehe ich als Kämpfer voller Vertrauen in seine Fähigkeiten. Gukesh benutzt keine Engines! Unvorstellbar eigentlich, dass jemand das 2600-Level erreicht, ohne mit Engines zu arbeiten. Aber es stimmt wirklich. Neulich habe ich ihn gebeten: „Gukesh, kannst du die Cloud Engine einschalten und dir diese Stellung genauer anschauen?!“ Er wusste tatsächlich nicht, wie das geht, nicht einmal, was eine Cloud Engine ist! Und sein Laptop war so alt, Engines hätten darauf nicht funktioniert.

Aber dann schau dir an, was passiert, wenn du vor Gukesh auf dem Brett eine Position aufbaust. Er beißt sich hinein, er sagt: „Ich finde den Zug, ich kann das im Kopf!“ So ein Selbstvertrauen! Gukesh glaubt, dass er in jeder Stellung jeden Zug finden kann, egal, wie schwierig das Problem ist.

Gukesh.

Meine Ausführungen möchte ich nicht auf diese drei beschränken. Andererseits kann ich sie nicht alle aufzählen. Wir haben in Indien so viele talentierte, tolle Jungs und Mädchen. Raunak Sadhwani zum Beispiel hatte ein ganz starkes Turnier beim Grand Swiss auf der Isle of Man: acht Remisen in Folge gegen Topspieler. Er hat diesen unbändigen Willen in sich, auf keinen Fall zu verlieren. Dazu das riesige Verlangen zu gewinnen.

Ach, all diese Jungs sind großartig, jeder auf seine Weise. Sarin mit seiner Stabilität, Pragg mit seiner Unberechenbarkeit, Gukesh mit seinem Selbstvertrauen, Raunak mit seinem Killerinstinkt. Für mich als Entrepeneur und Förderer ist es ein riesiges Geschenk zu sehen, wie diese Talente immer weiter aufsteigen, sich nicht einschränken lassen und einfach nicht glauben wollen, dass es etwas gibt, das sie nicht erreichen können. Das zu begleiten, gibt mir Energie und Antrieb für meine Arbeit.“

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