Wie Jan Henric Buettner Schachveranstalter wurde

Drei Sitzungen mit Henrik Carlsen lagen hinter ihm, insgesamt sieben Stunden. Am Abend des 20. Oktober in Katar hatte Jan Henric Buettner mit seinem Schachturnier abgeschlossen. Und er fand das gar nicht schlimm. „Ich hatte meine Geschichte erzählt, war meine Vision an genau der richtigen Adresse losgeworden. Wenn es dann nichts wird – okay. Ich spare einen Haufen Geld, das ist doch wunderbar.“

Jan Henric Buettner, Schlossherr und Schachveranstalter. | Foto: Weissenhaus

Die Entstehung des neuen Superturniers an der Ostsee, das nun zu scheitern drohte, hatte einige Monate vorher begonnen. Jan Henric Buettner, Investor, Unternehmer, Hotelier, wollte Schach lernen. Nicht die Regeln, die kannte er, sondern richtig. „Halbe Sachen mache ich nicht.“ Buettner legte sich Niclas Huschenbeths Masterclass zu, das Komplettpaket: von Anfänger auf DWZ 1400, auf 1700, auf 2000.

Dem Hamburger Millionär offenbarte sich die Weite des Schach-Ozeans. Nach und nach ging ihm auf, was Magnus Carlsen damals meinte, als er, gerade Weltmeister geworden, sagte, er stehe am Anfang seiner Reise. Im Schach habe er noch viel zu lernen und zu entdecken, erklärte der Champion.

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„Die Videos, die Aufgaben, das ist ja unheimlich viel“, stellte Buettner fest, als er das Huschenbeth-Paket öffnete. Und stach in See. Nach Monaten des Studiums sieht er mittlerweile die 1700 am Horizont. „Elo 2000, das wäre ein Lebensziel“, sagt er heute. Allerdings bezweifelt Buettner, dass er die Zeit findet, ausgewertete Turniere zu spielen, um jemals seine Elozahl Schwarz auf Weiß in einer offiziellen Rangliste zu sehen.

Die Aufgaben zu lösen, die Videos anzuschauen, war Buettner nicht genug. Er wollte eine richtige Masterclass von Angesicht zu Angesicht. „Aber nicht in einem Raum mit 50 Leuten, das ist nicht mein Ding.“ Buettner lud Huschenbeth nach Schloss Weissenhaus ein. Bei den abendlichen Schachgesprächen an der Ostsee entstand die Idee, ein Turnier zu veranstalten – anfangs einige Nummern kleiner als das, was nun am 9. Februar 2024 in Weissenhaus beginnen soll.

Ein Besuch am Ort des G7-Außenministertreffens. Im Februar 2024 gastieren in Weissenhaus die G8 des Schachs.

Buettner studierte nicht nur Schach, er verfolgte auch die Wettkämpfe seines großmeisterlichen Mentors. Deren Präsentation fand er langweilig, farblos, trocken. Auch dem Modus von Schweizer-System- oder Rundenturnieren kann er nichts abgewinnen. „Unattraktiv. Am Ende gewinnt jemand mit einem halben Punkt Vorsprung, das kann es doch nicht sein. Wenn ein Turnier, dann Viertelfinale, Halbfinale, Finale.“ Im Schachschüler Buettner wuchs der Ehrgeiz zu zeigen, wie Schachpräsentation besser geht.

Nach Buettner-Maßstäben, keine halben Sachen, würde „besser“ bedeuten, dass an einem Buettner-Turnier der Beste teilnehmen muss. Über Huschenbeth knüpfte der angehende Schachveranstalter Kontakt zu Sebastian Siebrecht. Der vermittelte weiter nach Norwegen zu Henrik Carlsen, Vater von Magnus. Buettner und die Carlsens verabredeten ein Treffen in Katar, wo am 11. Oktober das „Katar Masters“ begann.

Henrik Carlsen steuert, sortiert und siebt, manchmal richtet er auch Magnus’ Kragen. Einst hat der heute 61-Jährige seinem Sohn die Schachregeln gezeigt, heute managt er dessen Karriere. Häufig sind die beiden zu zweit auf Turnieren. So war es auch im Oktober 2023 in Katar. | Foto: Lennart Ootes/FIDE

Die erste Begegnung in der Lobby mit Henrik und Magnus war nur ein schnelles Hallo, „vielleicht drei Minuten“. Magnus Carlsen, eher zurückhaltend, sagte nicht viel mehr, als dass er „Fischer Random“ würde spielen wollen, wenn es zu einem Turnier kommt.

Fischer Random? Das hatte Huschenbeths Masterclass nicht abgedeckt, Buettner konnte wenig damit anfangen. „Aber okay. Wenn Magnus Carlsen am liebsten Malefiz spielen wollte, wäre das auch in Ordnung. Dann würden wir das machen.“

Noch am selben Tag schaute Buettner nach, worum es sich bei diesem „Fischer Random“ handelt. Kein Malefiz, ergab seine Recherche, sondern Schach, nur etwas anders. Das wiederum passte zu Buettners Konzept, Schach zu präsentieren, nur anders. Ein etwas anderes, frisches Spiel, das auch Schach ist, kam dafür gerade recht.

Buettner fand allerdings offensichtlich, was auf dieser Seite seit mehr als vier Jahren immer wieder steht: „Fischer Random“ ist kein vermarktbarer Name, allein schon, weil sich nicht sofort erschließt, was das ist. Gleichwohl, von dieser Erkenntnis bis zum „Freestyle Chess“ („Da versteht jeder sofort, das ist geil“) war der Weg noch weit.

Die wichtigste Hürde: Henrik Carlsen musste überzeugt werden, dass ihm nicht ein „reicher Typ, der zu viel Geld hat und es wegwerfen will“ gegenübersitzt. In drei langen Sitzungen erzählte Buettner seine Geschichte: Mobilfunk, AOL, Investments, Erdbeerkuchen, Weissenhaus – und, seit Neuestem, Schach.

Henrik Carlsen hörte dieses: „Wenn ich jetzt ernsthaft Schach mache, soll es etwas bis dahin Einzigartiges, Wunderschönes werden, etwas, das alle Beteiligten und alle, die zuschauen, mit einem ‚Wow‘ zurücklässt.“ Carlsen hörte auch dieses: „Ich mache das nur, wenn Magnus mir in die Augen schaut und sagt, ich will das. Ich brauche sein volles Commitment. Ohne geht es nicht.“

Die Armbanduhr-Partie, nicht die einzige Niederlage, die Magnus Carlsen beim Katar Masters ereilte.

Während Carlsen senior und Buettner einander beschnupperten, hatte Carlsen junior ganz andere Sorgen. Am Brett lief es bescheiden, entsprechend war die Laune des Weltranglistenersten. Zum avisierten Abschlusstreffen zu dritt kam es nicht. Magnus sei schlecht drauf, es stünden eine Reihe anderer Businessthemen auf der Agenda, es würde wenig bringen, ihm jetzt noch mit diesem Ostseeturnier zu kommen, erklärte Vater Carlsen.

Damit war das Thema beendet. Jan Henric Buettner verbrachte den Abend mit seiner Gattin Holly in der Hotelbar, recht zufrieden mit sich und der Welt. Fast eine Million Euro gespart, wunderbar. Dann, gegen 21 Uhr, die Textnachricht von Henrik Carlsen. Eine Begegnung mit Magnus in der Lobby sei jetzt möglich. „Die wollen sich wahrscheinlich verabschieden“, dachte Buettner und sagte zu.

Jan Henric Buettner verbrachte den Abend des 20. Oktober mit seiner Gattin Holly. Mit dem Weissenhaus-Schachturnier hatte er nach drei Verhandlungstagen abgeschlossen. Dann meldete sich Henrik Carlsen. | Foto: Weissenhaus

Die halbe Stunde, die folgte, bereitet Buettner noch im Nachhinein Gänsehaut. „Irre. Magnus Carlsen war so angeschaltet, wie ich nie jemanden angeschaltet erlebt habe.“ Einen Ausnahmekönner, der in seiner Profession der absolut beste der Welt sei, im Zwiegespräch derart engagiert zu erleben, sei eine ganz außergewöhnliche Erfahrung. 

Unterm Strich stand: Magnus Carlsen gab sein volles Commitment. Er wollte dieses Turnier unbedingt, 960, lange Bedenkzeit, K.o.-System, die besten Spieler der Welt als Gegner, die Etablierten und die jungen Stars, drumherum ein mediales Feuerwerk. „Ich war glücklich“, sagt Buettner. „Dann machen wir es doch.“

Das Glücksgefühl hielt bis zum Morgen danach. Dann war eingesickert, was für eine Herausforderung er sich eingebrockt hatte. „Oje“, habe er gedacht, erzählt Buettner lachend. „Jetzt musst du wirklich das beste Schachevent der Welt auf die Beine stellen.“

Nicht weniger als das soll es werden. „Seit Magnus‘ Zusage arbeiten wir daran, das Turnier in jeder Hinsicht zu optimieren, Detail für Detail.“ Von der Partnerschaft mit BMW bis zur Verpflichtung der Schönheitskönigin, die an jedem Tag die Ziehung der Grundstellung medienwirksam zelebriert. Von der Gestaltung des Studios, in dem gespielt wird, über die Ruheboxen für jeden Spieler bis zur Planung der landestypischen Menüs anhand der Nationalitäten der Teilnehmer. Nicht zuletzt die Verpflichtung der bestmöglichen Spieler. Zuletzt kam noch Wunschkandidat Ding Liren an Bord. „Ich freue mich so sehr darauf“, schwärmt Buettner.

Die Spieler sollen sich im Fünf-Sterne-Resort so wohl fühlen wie möglich, ihre Familien sollen sich miteinander vernetzen und gemeinsam eine gute Zeit haben – ebenso wie diejenigen, die daheim vor dem Bildschirm sitzen und zuschauen. Die bekämen neben der üblichen Übertragung (kommentiert von Peter Leko und Tania Sachdev) noch einige Gimmicks on top, die sie ganz nah ans Geschehen heranführen. Buettner nennt unter anderem die Präsentation der Formel 1 als ein Beispiel, an dem sich sein Team orientieren will, damit es für die Menschen am Bildschirm ideal ist. All das zusammen soll „Freestyle Chess“ sein, ein neues Format, „das wir für uns beanspruchen“.

Ein Logo hat “Freestyle Chess” schon, eine Heimat im Internet auch. Alles Weitere entsteht gerade.

Im Prinzip wolle er Schach so aufziehen wie jedes andere seiner Geschäfte, sagt Buettner. „Ich sehe die Dinge immer aus der Perspektive der Kunden oder Gäste.“ Das gelte auch für sein Weissenhaus-Projekt. „Ich bin ja kein Hotelier. Das Hotel mache ich einfach so, dass es mich als Gast begeistern würde.“ Jetzt will er Schach so machen, dass es Spieler und Zuschauende begeistert.

Was mit dem Format und der Marke „Freestyle Chess“ passiert, wenn am 16. Februar der Vorhang fällt, dazu hält sich Buettner bedeckt. „Es gibt Ideen, es soll keine einmalige Sache sein, aber das ist jetzt nicht mein Fokus.“ Erst einmal müsse die „Weissenhaus Freestyle Chess G.O.A.T. Challenge 2024“ so gut werden, wie es eben geht. „Alle sollen sagen, das wollen wir nochmal.“

Danach ergebe sich alles Weitere. „Wenn das Produkt perfekt ist, wird es seinen Markt finden“, sagt Buettner. „Dann melden sich potenzielle Mitveranstalter und Sponsoren, die mitmachen und mit ihrer Marke präsent sein möchten.“ Solche Mitstreiter werden willkommen sein. Eine fast reine Buettner-Show solle „Freestyle Chess“ jedenfalls nicht bleiben. „Ich kann nicht jedes Jahr eine Million reinbuttern, das geht nicht.“

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Walter Rädler
Walter Rädler
2 Monate zuvor

Ich finde dieses Projekt unglaublich spannend und freue mich darauf, auch wenn ich nicht genau weiß, wohin die Reise führt.
Wir sind in unserer eventuell verkruteten Vereinschachspielerblase und wissen nicht, wie es außerhalb dieser ausschaut.
Danke für einen sehr gut geschriebenen Artikel, wir bräuchten viel mehr gelernte Journalisten im Schach!

Schlacht bei Dennewitz
Schlacht bei Dennewitz
2 Monate zuvor

Wenn es dem Schach (medial) in Deutschland hilft – super! Hätte ich das Geld würde ich zugegebenermaßen auch versuchen, so etwas zu organisieren. MC muss nicht mehr jedes Turnier spielen, nur weil jemand ihm einen ordentlichen (6-stelligen) Betrag bietet. Er will dabei auch Spaß haben – z.B. mit 960. Und wenn das der Weg ist, MC zu überzeugen – dann freue ich mich auf das Turnier! Und auf das drumherum bin ich gespannt. Ich glaube schon, dass Herr Buettner da noch einige Ideen hat. Ob das dann (trotz des Antritts- und Preisgeld) zu viel ist, müssen in ersten Linie die… Weiterlesen »

Stefan
Stefan
2 Monate zuvor

Ich mag diese Seite, aber hier ist die Grenze zwischen Journalismus und Werbung fast überschritten, auch wenn die Werbung unbezahlt ist. Etwas mehr Distanz zum Gegenstand des Berichts wäre meines Erachtens gut.

Thomas Richter
Thomas Richter
2 Monate zuvor

Mein viel kritisierter Kommentar zum vorigen Artikel traf also den Nagel auf den Kopf: Jan Hendric Buettner, im Schach völliger Anfänger (wenn auch mit Geld und Ambitionen), ließ sich die Konditionen des Turniers komplett von Carlsen diktieren – Malefiz hätte er auch akzeptiert, Hauptsache Carlsen. Gut, K.O.-Format war auch seine Idee – im Fußball ist der DFB-Pokal ja auch viel aussagekräftiger als die Bundesliga (nun ja, Ansichtssache und eher nicht Mehrheitsmeinung). Nicht weil die Entscheidung mitunter im Elfmeterschießen fällt – da hat das schachliche Analog Armageddon bereits einen “geilen” Namen, den man nicht mehr toppen muss. “Schach ohne Eröffnungstheorie” braucht… Weiterlesen »

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[…] Wie Jan Henric Buettner Schachveranstalter wurdeDer Unternehmer Jan Henric Buettner im Interview zur von ihm initiierten “Freestyle Chess G.O.A.T. Challenge”. […]

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[…] zum Einsatz gekommen, hat gerade erst einen Februar-Schachausflug nach Deutschland abgesagt: An der Weissenhaus Freestyle Chess G.O.A.T. Challenge an der Ostsee (9. bis 16. Februar) nimmt Nakamura nicht teil, um nicht seine Vorbereitung aufs […]

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[…] überschneiden, beginnt das Classic zwei Tage vor den Open. Es könnte gut sechs Wochen nach dem Freestyle-Turnier an der Ostsee das zweite deutsche Superturnier sein, das als Vorbote der Zukunft des Schachsports dienen mag – […]

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[…] eine wesentliche Rolle. Noch vor ein paar Wochen fühlte er sich nicht komfortabel damit, im Gespräch mit dieser Seite zu offenbaren, er stecke eine Million Euro in sein erstes Schachturnier. Daraus sind mittlerweile […]

Carlo
Carlo
2 Monate zuvor

Allein die Rochade-Regeln sind so kompliziert, dass mit diesem 960er allenfalls ein Nischenpublikum erreicht werden wird: Soeben hat Carlsen gegen So verloren – ganz geknickt der Arme, ich glaube, so eine Niederlage ist Gift für jedes Ego – und die bei chess.com haben das mit mindestens fünf Kommentatoren kommentiert wie ein Fußballspiel, also durchaus spannend und damit auch für einen Laien fassbar gemacht. Deswegen haben die rund 22000 Zuschauer und Steve Berger – gestern, am 10. Dezember – rund 14 auf youtube. Ich frage mich also, wie will der Veranstalter mit ‘960’ Zuschauer gewinnen, denen gerade die Vergleichbarkeit und stereotype… Weiterlesen »

Thomas Richter
Thomas Richter
2 Monate zuvor

Zu Chess960 (um mal diesen gängigen Term zu gebrauchen): auch wenn ich mich wiederhole, Turniere vor Jahrzehnten in Mainz haben immer noch keinen “gleichwertigen” Nachfolger – klein (elitärer Kreis) mag fein sein, gleichwertig ist es nicht. Zum Vergleich auch: Joop van Oosterom hatte Schnellschach – damals auf hohem Niveau noch relativ selten (Konkurrenz auch vor allem aus Mainz). Bei der Grand Chess Tour war es dann eine Art Notlösung nach dem Ausstieg von Norway Chess – Schnell- und Blitzturniere kann man eher aus dem Boden stampfen. Mit Dank an die Pandemie wurde es dann Alltag für die Weltspitze. Joop van… Weiterlesen »