Im Netz der Schachspinne (Trainingsfragen 110+111)

Wenn der Gegner dich ausgespielt hat, ohne dass du verstehst, was du falsch gemacht hast, dann bleibt die Niederlage am ehesten haften. Und es stellt sich am ehesten Respekt vor der Leistung desjenigen auf der anderen Seite des Brettes ein. Er oder sie hat ja Fehler auszunutzen verstanden, von denen wir nicht einmal wissen, dass wir sie begangen haben.

Solche Niederlagen (und Siege) gibt es auf jedem Level. Es bedarf keines Anfängers auf der einen und Meisters auf der anderen Seite. Auch Großmeister verlieren gelegentlich gegen ihresgleichen, ohne zu verstehen, wie das passieren konnte. Dem britischen Großmeister Nigel Short zum Beispiel, immerhin einst WM-Herausforderer und jetzt FIDE-Vizepräsident, erging es unlängst so, als er es beim superstark besetzten Open in Gibraltar mit Levon Aronian zu tun bekam.

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Shorts Landsmann Michael Adams gelingen solche Siege gar in Serie. “Spider” (Spinne) nennen sie ihn ehrfürchtig, weil Adams nach und nach ein unsichtbares, filigranes Netz um die Figuren seines Gegenspielers zu spinnen pflegt. Wenn der merkt, was passiert, ist er längst hoffnungslos in Adams’ Spinnfäden verheddert.

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Michael Adams beim Bundesliga-Finale 2021 am Brett für seine OSG Baden-Baden. | Foto: Johannes Winkler/Schachbundesliga

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Wer gegen Karpow verliert, bemerkt die Gefahr meistens erst, wenn es zu spät ist. In der Karpow-Ausgabe der “Masterclass”-Reihe von ChessBase ergründen mehrere Autoren das Geheimnis hinter den unsichtbaren Fäden, die Karpows Figuren miteinander verbinden.

Noch bekannter als Michael Adams ist der in Ehren ergraute, aber immer noch spielstarke Exweltmeister Anatoli Karpow für die von ihm ausgelegten Netze. “Ein unsichtbarer Faden verbindet Karpows Figuren”, sagte einst Alexander Roshal, Gründer der sowjetischen Schachzeitschrift “64”. “Stück für Stück bewegt sich dieses Netz vorwärts, hüllt ein gegnerisches Feld nach dem anderen ein, und das erstaunlicherweise, ohne eigene Felder preiszugeben.”

Am Bodensee bekommen wir es am Brett selten mit den Aronians, Adams und Karpows dieser Welt zu tun. Schade eigentlich einerseits, andererseits ein Glück. Käme nämlich einer unserer Schachschüler mit einer Niederlage gegen solch eine Spinne zu uns, womöglich wären wir nicht gut genug zu erhellen, was passiert ist. Wer kann schon unsichtbare Fäden sehen?

Wir spielen zum Glück eher gegen Leute aus Pfullendorf, und die dort geschmiedeten Pläne reichen nicht ganz so tief wie jene aus der russischen oder britischen Großmeisterschule. Gegen uns reicht das leider oft trotzdem. Manchmal stellt sich nämlich heraus, dass der Gegner zwar nicht viel richtig, aber wir noch mehr falsch gemacht haben.

Frage 110

So erging es unlängst unserem Konstantinos. Der dachte nämlich, alles richtig gemacht zu haben: Zentrum besetzt, Figuren entwickelt, König in Sicherheit, Türme zentralisiert, dann vormaschiert.

Klingt vernünftig, oder? Trotzdem stand er plötzlich schlecht, ohne zu wissen, wie das passieren konnte. Was mag da schief gelaufen sein?

Nathaniel Karagol – Konstantinos Mastrokostopoulos
Überlingen, Februar 2019
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Weiß hat gerade 13.Te3 gezogen. Wahrscheinlich träumt er von Druck auf der e-Linie.

Träumt er den richtigen Traum? Was sollte Weiß anstreben?

Wie bewertest du die Stellung? Weiß steht besser/Schwarz steht besser/ausgeglichen? Warum?

Frage 111

Konstantinos erspähte einen potenziell gefesselten d-Bauern und marschierte sofort los: 13…e5-e4.

Guter Zug?

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[…] natürlich drauf. Den Kram entwickeln, König in Sicherheit, zentralisieren. So, wie wir das im Beitrag mit Frage 110 und 111 neulich gesehen haben. Da hatte er scheinbar alles richtig gemacht, und trotzdem stand er […]

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[…] Scheinbar ging der Brite nicht allzu ambitioniert gegen Keymers Najdorf zu Werke, und doch sponn „Spider“, so sein Spitzname, nach und nach ein Netz, aus dem sich der Deutsche nicht herauszuwinden […]

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[…] Aufgabe 110+111: Im Netz der Schachspinne […]