Wenig Geld, viel Perspektive: wie die DSB-Finanzmisere den Leistungssport trifft

So wenig Geld für den Spitzensport wie lange nicht: Von 104.000 Euro auf 59.000 Euro sinken die Eigenmittel, die der Deutschen Schachbund für den Leistungssport aufbringt, eine Folge der Finanzschmelze, die sich der Öffentlichkeit Ende Februar offenbart hat. Die Süddeutsche Zeitung (SZ) hat jetzt die sportlich exzellente Lage im deutschen Schach der finanziell prekären gegenübergestellt, nachgefragt, wo genau im Leistungssport gespart werden muss – und was die Betroffenen davon halten.

Der Bericht in der Süddeutschen Zeitung (hinter der Aboschranke).

Sportdirektor Kevin Högy erklärte der SZ (Text hinter der Aboschranke), „dass die Absage eines angedachten Ländervergleichs die größte Einsparung bringen soll“. Für Nachwusspieler:innen gelte zudem, dass sie sich künftig mehr als sonst an Kosten beteiligen müssen. Dazu kommen laut Aktivensprecherin Sarah Papp „kleinere Einsparungen bei den Trainingsmaßnahmen“.

Was im Moment gar nicht geht, ist, Neues einzuführen oder Bestehendes aufzustocken. „Denkbares und Wünschenswertes kann leider nicht umgesetzt werden“, sagt Högy angesichts der finanziellen Klemme. Der neue Bundestrainer Jan Gustafsson, dessen Verpflichtung der DSB zusammen mit den Einschnitten verkündet hat, wird sich wahrscheinlich ein wenig gedulden müssen, bis er die von ihm gewünschten zusätzlichen Spezialcoaches für seine perspektivreiche Bundesriege verpflichten kann.

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Unberührt vom Einschnitt bei den Leistungssport-Eigenmitteln seien die Sonderförderungen für herausragende Talente, allen voran der kleine fünfstellige Betrag, den Vincent Keymer jährlich bekommt. Die (zum Zeitpunkt des SZ-Gesprächs angehende) DSB-Präsidentin Ingrid Lauterbach betonte, die Förderung speziell eines Sympathieträgers wie Keymer sei im Interesse des Schachs. Die deutsche Nummer eins könne helfen, Sponsoren zu akquirieren (was ihm, erstaunlich, auf eigene Rechnung trotz anhaltender Versuche nicht zu gelingen scheint).

Offenbar bleibt auch für die anderen, mit deutlich kleineren Mitteln Sondergeförderten alles, wie es ist: Frederik Svane, Laertes Neuhoff, Levi Malinowsky, Alexis Buchinger, Hussain Besou, Christian Glöckler, Marius Deuer, Leonardo Costa, Bennet Hagner, Magnus Ermitsch, Charis Peglau.

Der Deutsche U12-Meister Christian Glöckler, einer derjenigen Hochbegabten, die eine DSB-Sonderförderung bekommen.

Unter den Arrivierten scheint das zumindest in nächster Zukunft abgespeckte Training kein Rumoren auszulösen. „Kein böses Blut“ sieht Papp unter den Kaderspielerinnen und -spielern, ein Indiz, dass dieser neuerliche vom alten Präsidium angerichtete Schaden im Leistungssport, ein finanzieller diesmal, keine alten Wunden aufreißt.

Es ist ja noch gar nicht lange her, da drohten zwölf Kader inklusive Keymer dem DSB-Präsidium, nicht mehr für Deutschland anzutreten, da wollten Rasmus Svane und Matthias Blübaum nicht mehr mit Elisabeth Pähtz in einer Mannschaft spielen, da ließ sich Bundestrainer Dorian Rogozenco nicht mehr halten, da schmiss Frauen-Teamchef Alexander Naumann hin, da schied Nationalspieler Georg Meier im Unfrieden vom deutschen Verband, da wurde Leistungssportreferent Andreas Jagodzinsky hinterrücks entmachtet: eine im deutschen Schach beispiellose Reihe ohne Not eskalierter Konflikte inklusive tölpelhaften Krisenmanagements seitens der DSB-Führung. Aus heutiger Aktivensicht ist das offenbar Schnee von gestern, was wiederum als Zeichen des Vertrauens der Bundeskader in die neue Verbandsspitze und deren sportliche Leitung gewertet werden kann.

Die muss nun bis auf Weiteres den Gürtel enger schnallen. Die Eigenmittel sind nur ein Teil des Geldes, das der DSB für seine Kader aufwendet. Der andere besteht aus Fördermitteln, in erster Linie solchen vom Bundesministerium des Innern (BMI). Auch dort drohte ein fünfstelliger Einschnitt, nachdem eine DSB-Initiative gescheitert war, auf europäischer Ebene Russen und Weißrussen von Wettbewerben auszuschließen. Wettbewerbe, an denen sie teilnehmen, seien nicht förderfähig, hieß es anfangs aus dem Ministerium.

Anfangs drohten dem Leistungssport neben dem Einschnitt bei den Eigenmitteln noch ein Wegfall von bis zu 60.000 Euro Fördergeld. Das hat sich nun relativiert.

In der jetzigen Notlage kommt den Verantwortlichen beim Schachbund sehr gelegen, dass das BMI seine Haltung gegenüber dem DSB modifiziert hat. Für Wettkämpfe des WM-Zyklus (z.B. Grand Prix der Frauen, World Cup, Grand Swiss) gilt für deutsche Spielerinnen und Spieler eine Ausnahmegenehmigung. Es fließt weiter ministerielles Fördergeld, auch wenn an diesen Wettbewerben Russen/Weißrussen teilnehmen.

Offen ist noch, wie es sich mit der Förderfähigkeit von internationalen Nachwuchswettbewerben verhält. Laut Högy gibt es Signale aus Berlin, die ihn zuversichtlich stimmen, „dass auch diese Fördermittel schlussendlich fließen werden und wir unsere Nachwuchsathlet:innen bei den diversen Europa- und Weltmeisterschaften bestmöglich unterstützen werden können“. In der kommenden Woche stehen für den DSB Verbandsgespräche mit DOSB und BMI an. Diese Gespräche sollen nach Möglichkeit zu einer Zusage auch für die DSB-Nachwuchsförderung führen.

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Ilja Rosmann
Ilja Rosmann
1 Jahr zuvor

Für einen fünfstelligen Betrag könnte/sollte Vincent den DSB auf seiner Webseite schon erwähnen…Wobei für die Inhalte der Seite ein gewisser Dr. Felix Kling verantwortlich ist.

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[…] rund um die Nationalkader beantworten (wie zuletzt Sarah Papp gegenüber der Süddeutschen Zeitung zu Einschnitten im Leistungssport), und die intern am ehesten diejenigen sind, die die Belange der Profis vertreten und als […]

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[…] Wenig Geld, viel Perspektive: wie die DSB-Finanzmisere den Leistungssport trifft […]

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[…] es. Mit deutschen Behörden und Institutionen, auf deren Sportfördermittel der DSB-Leistungssport angewiesen ist, sei das Engagement des Russen abgesprochen. Alle Entwicklungen, auch die vom April 2023, würden […]

Klaus Zachmann
Klaus Zachmann
1 Jahr zuvor

Der Artikel beschreibt das sehr gut, welchen exorbitanten Schaden die alte DSB-Regierung über die Jahre angerichtet hat.
Die neue DSB-Regierung macht einen guten Job.
Meine Erwartungen wurden bisher nicht enttäuscht.

Peter Kalkowski
Peter Kalkowski
1 Jahr zuvor

Denke damit alle glücklich und zufrieden sind sollte man noch mal die Beitragserhöhung überprüfen.
Die Basis kann sicher noch eine höhere Beitragserhöhung als 3EUR verkraften.
Das entlastet die Festangestellten in ihrem Budget und spart die suche nach externen Geldgebern.

Es kann doch nicht sein das die Basis für den Profisport nicht aufkommen soll.
Zitat

“und wir unsere Nachwuchsathlet:innen bei den diversen Europa- und Weltmeisterschaften bestmöglich unterstützen werden können“.

Wer ist wir ? Gibt es Sponsoren !