Last woman sitting

Nach drei Runden World Cup ist die deutsche Delegation ausgeschieden – bis auf Elisabeth Pähtz. Und die bekommt es ab dem morgigen Donnerstag mit der Nummer sieben der Welt zu tun: Anna Muzychuk, einstige Vizeweltmeisterin und eine von fünf Frauen in der Geschichte des Schachs mit einer Elozahl über 2600.

Dieses Elohoch von 2606 liegt freilich neun Jahre zurück. Heute steht Anna Muzychuk bei 2527, aber das übertrifft immer noch Pähtz‘ Allzeithoch von 2513 aus dem September 2018. Trotzdem sei Elisabeth alles andere als chancenlos, sagt Gerald Hertneck. „40 zu 60“ schätzt der DSB-Leistungssportreferent die Aussichten seines Schützlings im Match gegen die Ukrainerin. (Beginn morgen 14 Uhr, Livepartien hier.)

Gerald Hertneck. | Foto: Hartmut Metz

Wir haben Großmeister Hertneck um eine World-Cup-Zwischenbilanz gebeten – und einen Ausblick auf das, was kommt: Ab dem kommenden Wochenende messen sich die besten deutschen Schachspieler/-innen beim Masters in Magdeburg. Das Interview:

Von fünf deutschen World-Cup-Startern ist zur vierten Runde noch eine übrig. Ist der Leistungssportreferent damit zufrieden?

Bei den Frauen schon, das war innerhalb der Erwartungen. Bei den Männern, naja. Ich hatte gehofft, dass Rasmus Svane und Matthias Blübaum eine weitere Runde überstehen.

Als Erste ist Jana Schneider ausgeschieden. Ausgerechnet. Sie war zuletzt stark im Aufwind.

Wenn ich ganz ehrlich sein soll, und das wird sie sicher nicht gerne lesen, dann hatte ich erwartet, dass Jana dem Druck nicht standhält und in der ersten Runde ausscheidet. Jana hatte bisher überwiegend auf nationaler Ebene gespielt, dies ist aber ein sehr starkes internationales Turnier. Natürlich könnte man anführen, dass ihre Gegnerin in der ersten Runde nominell etwa gleichwertig war, aber Jana hatte eben vor drei Monaten noch 80 Elo weniger.

Jana Schneider beim World Cup. | Foto: Eric Rosen/FIDE

Ließe sich nicht argumentieren, dass sie den Aufwind der vergangenen Monate zum World Cup mitnimmt und einfach da weitermacht, wo sie zuletzt aufgehört hat?

Tja, so einfach ist das leider nicht. 1986 spielte ich mein erstes Großmeisterturnier in Dortmund, ich war ein vielversprechender starker Internationaler Meister, der bis dahin sehr gute Ergebnisse gehabt hatte. Und dann saßen mir plötzlich Leute wie Tony Miles, Zoltan Ribli und Wassily Smyslow gegenüber. Und ich habe Lehrgeld gezahlt. Um die international notwendige Härte zu bekommen, brauchst du Erfahrung im Kampf gegen ein gewisses Level und auch Erfahrung mit einem solchen Umfeld. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Jana auf dem 2400-Level wettbewerbsfähig werden kann – wenn sie ausreichend Erfahrung in der Auseinandersetzung mit solchen Spielern und Spielerinnen hat. Natürlich hat sie zuletzt einen Riesensprung gemacht, aber um eine neue, höhere Spielklasse zu erreichen, musst du dich dort akklimatisieren und bewähren, wo du nominell vielleicht schon angekommen bist. Wahrscheinlich hat Jana das genauso empfunden. Ihrem Beitrag auf der Seite der Bayerischen Schachjugend lässt sich ja entnehmen, dass sie als gefühlter Underdog nach Sotschi gereist ist.

Arik Braun hat es in der zweiten Runde gegen Boris Gelfand erwischt. Hattest du gehofft, dass da vielleicht etwas geht? Gelfand ist zwar schachlich ein Gigant, andererseits nicht mehr der Jüngste.

Über die Distanz eines längeren Matches wäre Arik wohl chancenlos gegen Gelfand. Aber in einer oder zwei Partien kann immer etwas passieren. Das Endspiel in der entschiedenen Partie habe ich mit Interesse verfolgt, materiell war das etwa ausgeglichen, positionell hochproblematisch für Arik, weil sein König abgedrängt war. Boris Gelfand hat das sehr elegant nach Hause gefahren.

Arik Braun überstand die erste Runde, scheiterte dann an Boris Gelfand. | Foto: Eric Rosen/FIDE

Rasmus Svane?

Ein unglaublich spannendes, taktisch geprägtes Match, und es war überhaupt nicht vorhersagbar, wer am Ende triumphieren würde. Ivan Cheparinov ist ja bekannt als starker Taktiker. Im Tiebreak konnte Rasmus seine Blitzstärke dagegenhalten, bei kurzen Bedenkzeiten würde ich ihn deutlich über 2600 einschätzen. Rasmus hatte in der letzten Partie das Pech, dass er in ein Abspiel geraten ist, in dem er plötzlich keinen Widerstand mehr leisten konnte. Als nach 16.Df3 Damenfang mit 17.Lf5 drohte, war abzusehen, dass das nicht gutgehen kann. Vielleicht war da etwas mit der Eröffnungsvorbereitung schiefgelaufen. 

Bitter.

Aus Rasmus‘ Perspektive, ja. Aber tolle Werbung für das Schach. Wenn es solche Matches doch öfter gäbe statt langweiligen 50-zügigen Remispartien. Für Zuschauer war das ein spannender Hochgenuss.

Rasmus Svane und Ivan Cheparinov schieben Überstunden. | Foto: FIDE

Du klingst wie ein Fan des World-Cup-Formats.

Den Modus halte ich für sehr attraktiv. Für die Spieler gibt es nur das praktische Problem, dass sie nicht wissen, wann ihr Turnier endet. Sie können schlecht planen. Das ist auch für Veranstalter nachfolgender Turniere schwierig. In diesem Fall war der Deutsche Schachbund mit dem German Masters betroffen. Wir wussten bei den Männern und den Frauen lange nicht, wie das endgültige Teilnehmerfeld aussieht.

Bevor wir übers Masters sprechen, lass uns auf Matthias Blübaum und Elisabeth Pähtz schauen.

Nicht nur der Tiebreak von Rasmus, auch der von Elli gegen Salimowa gehörte zum Spannendsten, was ich seit langem gesehen habe. Besonders die vorletzte Blitzpartie von Elli, in der sie mit einer Qualität weniger auf den gegnerischen König losgegangen ist, was mit Dauerschach endete. Ich habe das gebannt verfolgt.

Elisabeth Pähtz bekommt es jetzt mit ihrer Freundin Anna Muzychuk zu tun. Livepartien hier.

Jetzt steht sie als einzige Deutsche in der vierten Runde. Und es wartet Anna Muzychuk, eine Weltklassespielerin.

Elisabeth wird nicht chancenlos sein. Die Aussichten würde ich auf 40:60 tippen. Ich will keinesfalls sagen, dass Elisabeth nicht mithalten kann, aber vor den beiden Muzychuk-Schwestern habe ich gehörigen Respekt. Die sind richtig stark, theoretisch, taktisch, strategisch. Das habe ich bei einem Schnellturnier in München vor einigen Jahren am eigenen Leibe erfahren. Die eine Schwester hat mich komplett zerlegt, gegen die andere habe ich knapp remis gehalten. Und ich bin nicht ganz schlecht im Schnellschach.

Matthias Blübaum steht leider nicht in der vierten Runde. In der zweiten Partie, die er gewinnen musste, stand er nicht gut, aber er brauchte nun einmal einen Punkt. Spielt man da nicht weiter, anstatt remis zu machen?

Es fing ja mit der ersten Partie an. Da hat er sich ein wenig verkünstelt. Auf den ersten Blick sah es im Mittelspiel aus, als sei alles in Ordnung, aber wer genauer hinschaut, der erkennt, dass den schwarzen Figuren Koordination fehlt. Was dann in der zweiten Partie mit dem schnellen Remisschluss passiert ist, habe ich auch nicht verstanden. Aber wir kennen die Hintergründe nicht. Ob ihn irgendwelche besonderen Umstände gestört haben? Ich vermute, dass er einfach nicht mehr geglaubt hat, gewinnen zu können, und es dann abkürzen wollte.

„Hatte gehofft, er übersteht noch eine Runde“: Matthias Blübaum. | Foto: FIDE

Zum Masters wird es Matthias als Topgesetzter jetzt schaffen.

Ich gehe davon aus. Leider hatten wir ein paar Absagen, Keymer wegen des GM-Turniers in Biel zum Beispiel oder auch Nisipeanu oder Donchenko, die sich für andere Turniere entschieden haben. Aber es gibt einige andere Spieler, auf die ich mich freue. Dmitrij Kollars wäre zum Beispiel zu erwähnen nach seinem erstaunlichen Sieg über Pavel Eljanov und dem starken Ergebnis in Dortmund.

Bei den Frauen wird Elisabeth fehlen, sie ist ja noch in Sotschi.

Würde sie gegen Muzychuk ausscheiden, könnte es sogar knapp für das Masters reichen. Aber sie hat abgesagt. Ungern, glaube ich, denn das Masters hätte sie bestimmt gerne gespielt.

4.3 4 votes
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
4 Comments
Most Voted
Newest Oldest
Inline Feedbacks
View all comments