Yuri und die Kraftmädchen

Elisabeth Pähtz hört bald auf. Das sagte die deutsche Spitzenspielerin jetzt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sollte die Nummer 24 der Welt in die Tat umsetzen, was sie ankündigt, dann wäre, Stand jetzt, die in der Weltrangliste etwa 100 Plätze unter ihr stehende Tatjana Melamed (47) die deutsche Nummer eins.

Daran lässt sich die Leistungslücke ablesen, die hinter Pähtz klafft. Und das Nachwuchsproblem. Es gibt in Deutschland keine Spielerin, egal welchen Alters, die annähernd in der Lage ist, der Nummer eins sportlich Druck zu machen, geschweige denn eine junge Spielerin, die der Unantastbaren einen Wettbewerb aufzwingen könnte, von dem sportlich beide profitieren würden. In den aktuellen deutschen Top Ten ist eine unter 25-Jährige aufgeführt, Josefine Heinemann (23), die nationale Nummer zehn.

Neu ist die von Leistungssportreferent Gerald Hertneck im Interview mit dieser Seite angesprochene Disharmonie in der schachlichen Hackordnung der Frauen nicht. Elisabeth Pähtz höchstselbst hat schon vor zwei Jahren im Interview mit dieser Seite nach ihrem Rücktritt aus der Nationalmannschaft (von dem sie bald zurückgetreten ist) gefragt, warum es beim DSB eigentlich keine Prinzessinnengruppe gibt.

U16-Weltmeisterin (2018) Annmarie Mütsch ist Teil der deutschen Nationalmannschaft, die jetzt bei der Online-Olympiade vor einem schwierigen Auftaktprogramm steht (siehe weiter unten). Hinten: Fiona Sieber. | Foto: Arne Jachmann/DSB

Neu ist auch nicht, dass diese sportliche Disharmonie nicht sein müsste, zumindest nicht so ausgeprägt. Schon bevor Annmarie Mütsch vor drei Jahren U16-Weltmeisterin wurde, zeichnete sich ab, dass mit Mütsch, Jana Schneider, Fiona Sieber und Lara Schulze eine Generation der Hochbegabten nachwächst. Regulär gefördert worden sind diese vier natürlich, aber niemand hat ihnen analog zur Prinzengruppe ein schachliches Intensivprogramm angeboten.

2021 erst, als diese vier längst keine jugendlichen Talente mehr waren, stand zum ersten Mal im Wahlprogramm eines DSB-Präsidentschaftskandidaten der Begriff „Prinzessin“. Aber das war freilich nur ein Wahlprogramm, und solche sind in aller Regel mehr auf Buzzwords denn auf Substanz abgestellt. Ob der Kandidat vor dem Aufschreiben die DWZ- und Elo-Liste der jungen Jahrgänge angeschaut hat?

Duale Karriere? Selbstvermarktung?

Eine weitere Generation hochbegabter Mädchen ist aktuell nicht in Sicht. Aber nur eine Prinzessin mit 2500-Potenzial könnte darauf spekulieren, sich als Profi wie die große Vorkämpferin Pähtz halbwegs komfortabel in der Top-20-Blase der internationalen Elitespielerinnen einzurichten. Wer dieses Level nicht erreicht, wird vom Schach kaum leben können.

Vor der Auflage eines Prinzessinnenprogramms wäre zu klären, für wen es gedacht ist und wohin es führen soll. Sollte ein Verband per Intensivförderung junge Menschen anhalten, jede Menge Lebenszeit ins Schach zu stecken, auch wenn die Chance recht groß ist, dass es für Schach als Beruf nicht reichen wird? Sollte, wenn der Schulabschluss naht, duale Karriereplanung Teil eines solchen Programms sein? Ein Grundkurs in Selbstvermarktung?

Als sicher gilt, dass ein neues Prinzenprogramm kommen wird (bei den Jungs U10 bis U14 wächst eine bemerkenswerte Generation heran), und im Zuge davon soll es dem Vernehmen nach erstmals ein Prinzessinnenprogramm geben. Für wen und mit welchem Ziel, das ist offen.

Christiano Ronaldo wäre entsetzt: Elisabeth Pähtz setzt beim Frauen-Grand-Prix den Sponsor Coca Cola in Szene. | Foto: David Llada/FIDE

Unabhängig davon, wer nachkommt: Bei den Damen musste Leistungssportreferent Gerald Hertneck für die unmittelbare Zukunft jetzt mit dem arbeiten, was er vorfindet. Und das waren vor allem zwei Lücken, die besagte sportliche hinter Pähtz, dazu eine personelle auf dem vakanten Posten des Frauentrainers.

“Finanzielle Förderung hilft mir”

Die sportliche Lücke soll nun mit einem Kraftakt so gut geschlossen werden, wie es eben geht. Schon vor seinem Amtsantritt hat Hertneck dafür geworben, für die jungen Frauen, die nie Prinzessinnen werden durften, ein Förderprogramm aufzulegen.Das Programm gibt es jetzt, „Powergirls“ heißt es, sechs junge Frauen sollen profitieren: die genannten vier, außerdem Josefine Heinemann und Nesthäkchen Antonia Ziegenfuß, die ihr Potenzial beim Masters in Magdeburg angedeutet hat: Ein Eloplus von 85 Punkten hat die 16-Jährige auf 2242 und in die deutsche Top 20 katapultiert. Erklärtes Ziel für die Kraft-Mädchen ist, möglichst bald auf 2400 zu kommen.

Lara Schulze freut sich, Teil der „Powergirls“ zu sein, sie empfindet nach bestandener Abiturprüfung den Zeitpunkt des neuen Programms als ideal. Die 19-Jährige hatte nach dem Abi ohnehin ein Schachjahr geplant, in dem sie intensiv trainieren und viele Turniere spielen möchte. „Dafür kommt mir die finanzielle Unterstützung durch das Förderprogramm sehr zu Gute“, sagt Schulze auf Anfrage dieser Seite. Schon ab dem morgigen Mittwoch wird sie bei der Online-Olympiade für Deutschland am virtuellen Brett sitzen. Mitte September stehe ein vom DSB organisiertes IM-Turnier in Berlin auf ihrem Programm.

Lara Schulzes erster Blogeintrag zur Online-Olympiade ist schon fertig. Die 19-Jährige steht am Beginn eines Schachjahrs, in dem sie ihre meisterliches Spiel weiter verbessern will. | Foto: DSB

Auch die Lücke auf dem Posten des Damentrainers ist geschlossen. Der russische Großmeister und Weltklassetrainer Yuri Yakovich übernimmt den Job. Der 58-Jährige zählte als Spieler Ende der 90er-Jahre mit einem Elo von 2610 zeitweise zu den Top 50 der Welt.

Yuri Yakovich. | Foto via DSB

Noch erfolgreicher ist er als Trainer, speziell von Nationalmannschaften der Frauen. 2000 bis 2006 war er hauptverantwortlicher Trainer der Frauen für die Russische Föderation, welche unter seiner Leitung bei den Europäischen Mannschaftsmeisterschaften und Olympiaden immer eine Medaille gewann. 2014 und 2018 hat er die kasachische Frauennationalmannschaft auf die Schacholympiade vorbereitet. Beide Mal wurden die Kasachinnen Vierte. Während des Bewerbungsprozesses hat Yakovich laut DSB betont, er wolle allen deutschen Kaderspielerinnen helfen, schachlich einen Sprung nach vorn zu machen – unabhängig davon, ob sie Schach als Berufsperspektive sehen oder nicht.

Bei der Online-Olympiade verantwortet Yakovich jetzt erstmals die Aufstellung der deutschen Frauen. Und er hat sogleich ein gewaltiges Ausrufezeichen gesetzt, gar nicht einmal sportlich, aber im Kontext der schleichend eskalierten Leistungssportkatastrophe der jüngsten Vergangenheit.

Das erste Frauenbrett für Deutschland besetzt, natürlich, Elisabeth Pähtz. Das zweite besetzt Sarah Papp. Und über die hat Pähtz unlängst gesagt, sie wolle mit ihr „im Leben nichts mehr zu tun haben“. Nun sollen diese beiden am ersten und zweiten Brett für Deutschland spielen.  

Im Nationenwettbewerb stehen jetzt die Spieler:innen in der Pflicht zu zeigen, dass der seitens ihrer Administration verkündete Neuanfang im Leistungssport auch für das mannschaftliche Miteinander an den Brettern gilt.

Die deutsche Aufstellung für die Online-Olympiade via chess-results.com

Pähtz versus Papp ist nur eine Baustelle. Eine andere ist Pähtz versus Matthias Blübaum/Rasmus Svane. Beide Großmeister hatten nach den Pähtz-Dramen des vergangenen Jahrs bei der Online-Olympiade 2020 erklärt, sie wollten nicht mehr in einer Mannschaft mit ihr spielen. Nun werden sie es müssen, auch diese drei sind ab morgen unter deutscher Flagge Mannschaftskamerad:innen.

Ob es noch eine dritte solche Baustelle gibt, ist nicht klar. Im Gespräch mit Raj Tischbierek hatte Pähtz angedeutet, dass ihr nicht jede Nominierung für künftige Nationalmannschaften recht sein wird, aber keine Namen genannt. Ob ihr die Mitspieler:innen Annmarie Mütsch, Lara Schulze, Tatjana Melamed  und Josefine Heinemann genehm sind?

In der Schule gibt es das einfache Prinzip, Kinder, die zwanghaft streiten, auseinanderzusetzen. Zu Beginn des sportlichen Neuanfangs verfährt jetzt auch die deutsche Nationalmannschaft danach. Den ursprünglichen Gedanken, die Mannschaft an einem Ort zusammenzuführen und hybrid zu spielen, hat die sportliche Leitung verworfen. Die sechs Spieler und die sechs Spielerinnen werden von zu Hause aus teilnehmen. Begegnen werden sie einander nur via Zoom.

Die World-Cup-Qualifikanten beim EM-Abschluss in Reykjavik: Stünde links Alexander Donchenko statt Niclas Huschenbeth, dieses wären fünf der sechs Herren, die ab Mittwoch Deutschland bei der Online-Olympiade vertreten (Frederik Svane fehlt). | Foto: Nikolas Lubbe

Speziell den Reykjavik-Rückkehrern wird es sehr recht sein, nicht schon wieder den Koffer packen zu müssen. Blübaum, Svane, Alexander Donchenko, Vincent Keymer und Daniel Fridman haben gerade erst den Schlauch der elfrundigen Europameisterschaft hinter sich gebracht, gefolgt von einer Heimreise aus Island.  

In der Vorrundengruppe muss die deutsche Mannschaft mindestens Zweiter werden, um ins Viertelfinale zu kommen. Wer nachschaut, wie diese Vorrundengruppe besetzt ist, stellt spätestens bei „Russland“ und „Ukraine“ fest, dass das nicht leicht wird. Überragend besetzt sind die Russen, die gegen Deutschland an jedem Brett Favorit sein sollten, sogar am ersten Juniorenbrett, wo Vincent Keymer auf Carlsenbesieger Andrei Esipenko treffen wird.

Zum Fürchten: Die Aufstellung der Russen. | via chess-results.com

Was in dieser Gruppe möglich ist, werden die Deutschen gleich am morgigen Mittwoch ab 16 Uhr in den ersten drei Runden herausfinden. Zum Auftakt geht es gegen Spanien, dann Russland, dann die Ukraine.

Liveübertragung der Partien
Livekommentar auf Schachdeutschland TV mit Gunny und Fritzi
Gunny? Nie gehört!
Fritzi? Nie gehört!

(Titelfoto via DSB)

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