Die Schachkneipe auf Twitch

Wäre es nicht schön, gäbe es eine richtige Schachkneipe, wo wir Gleichgesinnte aus der Szene treffen, wo gequatscht wird, getrunken, geraucht, ein paar Leute spielen und man schaut ihnen zu oder spielt vielleicht auch mal mit. Der Wirt erzählt Anekdoten, versteht auch etwas vom Schach, aber nicht zu viel, sodass sich niemand eingeschüchtert fühlt. Gibt’s nicht? Doch, diese Schachkneipe finden wir auf Twitch, sie heißt Gunnys World.

Im Schnitt ist Gunnys World jeden zweiten Abend ab etwa 22 Uhr geöffnet. Montags spielen Leute mit einem Rating unter 2000 auf Lichess, um auch schwächeren Spielern Erfolgserlebnisse zu ermöglichen. Dienstagabend blitzen alle. An einem Abend demonstriert Gunny Partien, und seit Neuestem läuft das Rapid Looping, eine Serie von zehn Schnellschachturnieren mit Finale, Armageddon und Preisen, alles angelehnt an die Magnus-Carlsen-Tour, nur halt für jedermann. Und gemeinsam veranstaltet mit dem Streamerkollegen Gamingspielplatz.

Willkommen in Gunnys Welt. | via Twitch

Manches muss sich bei Gunny auch noch zurechtruckeln. So hat sich Gunnys Simultan mit knapper Bedenkzeit gegen 15 Gegner, von denen manche ein ähnliches Rating wie er haben, nicht bewährt.

Der Botez-Blocker für die Schachapotheke

Gunny möchte zwar ein bisschen Schach erklären, aber auch Blödsinn und Spaß Raum geben, denn er sieht sich vor allem als Entertainer. Und so wird im Chat nicht nur kommentiert, sondern auch gereimt wie in einem Poesieforum, geblödelt (Neudeutsch „Trashtalk“) und es werden „Schachmedikamente“ erfunden mit Packungsdesign und Gebrauchsanweisung wie der Botez-Blocker, benannt nach jenen kanadischen Kultschwestern, der einzügige Dameneinsteller vermeiden helfen soll oder Diago-Fink als Wirkstoff gegen Spieße und Laserläufer.

Also ein gechillter Stream, der sich nicht zu ernst nimmt. Wie in einer echten Kneipe trinkt man mal was, während der Turniere nicht, zumindest meistens, sonst gerne mal ein Bier, auch die Vorzüge von Gin und Guinness sind gerne Thema, und geraucht wird auch. Man würde sich nicht wundern, wenn einer einen Joint drehen würde. Anders als in einer echten Kneipe bleibt der Besucher von olfaktorischen Begleiterscheinungen, von Alkoholfahnen, Tabakrauch und ähnlichem verschont.

Wenn für die Gunnybären ein Wettkampf gegen das Team „The Big Greek“ auf dem Programm steht, geht es zwar weiterhin gemütlich, aber doch ein wenig ambitionierter zu. | via Twitch

Aber wie in einer wirklichen Wirtschaft schauen regelmäßig Bekannte vorbei, einige selbst Streamer wie Fritzi, der junge Hochgeschwindigkeitsblitzer, gegen den selbst Anish Giri mal im Ultrabullet nur knapp an einer Blamage vorbeischrammte, natürlich Gamingspielplatz, der als Kollege und Stammgast regelmäßig reinkommt oder Dauer-Berserker CM Faulitemporary aus der Clique von Lockdownchess, den harten Zockerjungs um FM Felix Meißner, dem Trainer von Luis Engel.

Bleibt die Frage: Wer ist eigentlich dieser freundliche ältere Wirt mit Glatze, der sich Gunny nennt?

Benkös Teamkollege

Garry Leusch, so heißt er bürgerlich, verdankt seinen Nickname einem längeren Aufenthalt in Paris. Seine schachliche Karriere begann beim TSV Landsberg in Bayern und führte über den SK Kloster Lechfeld zum SK Göttingen, wo er in der zweiten Bundesliga spielte – in einer Mannschaft mit Pal Benkö. Für einen FIDE-Titel hat es nicht gereicht, aber immerhin für die zweite Bundesliga, bis – wie bei vielen hoffnungsvollen Spielern – der Beruf aktives Schach nicht mehr zuließ.

In der Flugsicherung ausgebildet, arbeitet Leusch heute im Marketing von Webseiten. 2015 hat er „aus Scheiß“ ein Kartenspiel gestreamt und ist Ende 2019, ein Jahr nachdem er sich wieder mehr mit Schach beschäftigte und dabei bemerkte, wie sehr er sich verschlechtert hatte, auf Schachstreaming umgestiegen. Ein Grund, weil er in seinem Alter – er wird noch im Sommer 53 Jahre alt – Schach einfach glaubwürdiger findet, als wenn er beispielsweise Counterstrike streamen würde.

Das Timing seines Streams erwies sich als brilliant, denn die virtuelle Kneipe hatte bereits geöffnet, als die Pandemie kam und der online-Boom begann. Dass „Gunny“ etwas vom Schach versteht, fällt spätestens im Kontrast zu Gamingspielplatz auf, der gerne Züge kommentiert, aber eher ein Kugelbuch-Level hat und nicht unbedingt alle Folgen durchrechnet. Gunny korrigiert dann sanft, aber ohne den Klassenunterschied raushängen zu lassen. Denn alle sollen sich wohlfühlen, Zuschauer, Spieler und Sidekick.

Seine Streams auf Youtube einzustellen, fände Leusch wenig spannend. Daher präsentiert er auf seinem Kanal Chessalyze das, was ihn selbst interessiert, „Portraits“, Turniere, „Legends of chess“, „echte Perlen“ und „Eröffnungswissen“, beispielsweise die Wiener Partie oder die Rossolimo-Variante. Auch hier folgt er seiner entspannten Grundhaltung: Alles kann, nichts muss. Gunnys Videos sind auf jeden Fall sehenswerter als vieles andere, was in deutscher Sprache veröffentlicht wird.

Woodstock meets Bierzelt

Wäre nicht seit kurzem der 60-jährige Jubilar GM Klaus Bischoff in offizieller Mission für den DSB (zwischen den Mahlzeiten!) auf Sendung, würde Gunny die deutsche Schachszene auf Twitch im Alleingang gentrifizieren. Manchmal wirkt er wie der gutmütige Onkel oder Großvater, auch erinnert er ein bisschen an Käptn Blaubär, nennen sich seine Follower doch die „Gunnybärenbande“.

Werden bei Gunny Abos verschenkt, tanzt die Kartoffel.

Sein Motto „Love & Peace“ stammt von einem gleichaltrigen Kumpel, der sich nach Woodstockzeiten zurücksehnte. Und so mischen sich in Gunnys World Bierzelt und Hippielager, was sich auch in den Diskussionen über die Musik im Stream widerspiegelt. Schlager und Metal finden hier gleichermaßen Unterstützer.  Eher von der Volksfestseite kommt als Einspieler bei Abos der Chorus von „Quellkartoffel un Dupp-Dupp“ der hessischen Formation „Adam und die Micky’s“ von 1979, inzwischen Kult bei den Gunnybären.

Auch das wirkt wie eine Schnapsidee: eine putzige, gutgelaunte Kartoffel tanzt dazu mit Zylinder und Stöckchen. Das Kurzfilmchen wurde aus Quatsch von einem Follower vorgeschlagen. Es und kam so gut an, dass es bis heute blieb. Manchmal wirkt es fast, als würden die „Runden“ –  also Abos – auch verschenkt, um immer wieder die Quellkartoffeln (=Pellkartoffeln) zu hören.

Wie auch immer – Gunnys World besucht man, um sich unterhalten zu lassen. Gerne mit Schach, aber rumgealbert werden darf auch.


Dr. Franz Jürgen Schell, geb. 1961, lebt in Hamburg. Turnierschachspieler 1978-1982 (Ingo-Zahl 95), nur kurzes schachliches Comeback Anfang 2020 wegen Lockdown. Seit April 2020 Online-Spieler. Schreibt sonst auch auf aerzteschach.de

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