Sachlich, analytisch, hochbegabt

Von Lucky Luke heißt es, er ziehe schneller als sein Schatten. Im Online-Schach gibt es auch so einen, der rasend schnell zieht. Er stammt aus Sachsen-Anhalt, streamt regelmäßig und nennt sich Fritzi.

Fritzi wurde in diesem Jahr 18 Jahre alt und machte Abitur. Jetzt ist er, wie praktisch alle in diesem Lebensabschnitt, in einer Orientierungsphase, um für sich zu klären, welche berufliche Richtung er einschlagen will. Klingt wie bei einem beliebigen, normalen Heranwachsenden. Aber das ist er nicht.

Fritzi ist zweifellos ein Naturtalent. Was die Geschwindigkeit betrifft, kann er sich mit den Besten messen. Mit dem WM-Kandidaten und Weltranglistensechsten Anish Giri hat er sich während eines Streams von Niclas Huschenbeth eine epische Schlacht im Hyperbullet geliefert.

Während Niclas kaum so schnell kommentieren konnte, wie die Spieler ihre Züge abfeuerten, war der sonst so freundliche Giri sichtlich angefressen. Zwar stand er meist besser, verlor aber häufig durch Zeit. Auch waren nicht alle Follower von diesem Blitz-Spektakel angetan, hätten sie doch lieber die Züge verstanden oder gerne einmal selbst gegen den niederländischen Super-GM gespielt.

Speed King Fritzi glaubt übrigens nicht an einen Vorsprung durch Technik, beispielsweise durch eine spezielle Maus oder Tastatur. Daher kann er sich auch kaum vorstellen, wie andere Werbung dafür zu machen.

“Nakamura hat sich nicht angestrengt“

Auch gegen Hikaru Nakamura hat Fritzi schon geblitzt und bei 3+0 sogar schon gewonnen. In einem Video analysiert er diese Partie. Dabei fällt ein weiteres Mal auf, wie kritisch und analytisch er denkt. Auf die Partie angesprochen, betrachtet er den Sieg nicht als besondere Leistung und meint: „Der hat sich nicht besonders angestrengt.“

Fritzi begründet das mit seiner eigenen Erfahrung als Streamer, der während einer Partie den Chat im Blick hat, darauf reagieren muss und beim Spielen daher nur halb konzentriert sei. In einem neuen Duell vor ein paar Tagen unterlag er Nakamura zwar, errang aber mit über 400 Zuschauern einen neuen Rekord für seinen Twitch-Kanal.

Fritzi ist ganz klassisch mit acht in einen Schachverein gekommen. Er begann 2011 bei der SG Sennewitz und wechselte 2014 zum SV Reideburg, bei dem er an Brett 3 Verbandsliga gespielt hat und noch Mitglied ist. OTB hat er eine DWZ von 2150 und eine ELO von 2000. Damit sieht er sich wohl zu Recht als etwas „underrated“. „Ich habe seit 2016 vielleicht vier Open mitgespielt, immer überdurchschnittlich performt und jeweils mindestens 30, teilweise 100 Elo dazugewonnen. Neben diesen Open hatte ich meistens nur eine Auswertung pro Jahr. Und in Jugendturnieren sind die meisten Gegner unterbewertet”, erklärt er den Elo-Rückstand.

3000er-Rating nach dem Marathon

2012, also mit neun Jahren, begann er, bei Playchess online zu spielen. Ab 2018 empfand er deren Server aber als veraltet. Heute dient ihm chess.com als Experimentierfeld. Seine Hauptspielstätte ist Lichess, wo er im Blitz und Bullet Ratings von über 2700 hat – und das jetzt auch im Schnellschach anstrebt.

„Was noch als großes Ziel anliegt, ist Bullet auf 3000 zu bringen. Vor meinen Streams Anfang 2020 fehlten nur 26 Punkte“, sagt Fritzi. Allerdings peilt er die 3000 erst nach dem Lichess Bullet Marathon in einem Monat an. Der ist deshalb besonders attraktiv, weil dabei erworbenen virtuellen Pokale – anders als die „Top-100-Pokale“ – nicht wieder verschwinden, sondern dauerhaft angezeigt werden. Davon hat Fritzi schon mehrere. Auf seinem Lichess-Profil sehen wir, wie er sich von den Top 100 in die Top 10 hochgearbeitet hat. Dort hat er auch einige interessante Studien zu eigenen Partien eingestellt.

Nur diese dezenten Indizien wie die virtuellen Pokale zeigen, wie wichtig Fritzi der Erfolg ist. Sonst wirkt er extrem sachlich und analytisch. Das fällt gerade im Vergleich mit anderen Streamern auf, die auf unterschiedliche Weise sehr emotional agieren wie der kämpferische Kugelbuch, der temperamentvolle Big Greek, der sich von der eigenen Begeisterung mitreißen lassende Huschenbeth oder der leutselige Gute-Laune-Bär Gunny.

Sachlich, analytisch, hochbegabt: Fritzi.

Fritzi wirkt neben diesen Kollegen, die ihren Stream auch als ein Unterhaltungsprogramm oder gar als Schauspiel betreiben, eher ernst, fast unterkühlt wie ein Vulkanier, ein Nerd – oder wie eine Schach-Engine im Körper eines jungen Mannes. Gewissermaßen bestätigt das sein Bot „StreamElements“ und zeugt auch von feiner Ironie, wenn er mitteilt: „Fritzi ist auf das Schachprogramm Fritz bezogen. Fritzi ist leider nicht ganz so stark wie diese Engine, daher die Verkleinerungsform!“

Ende 2019 überlegte Fritzi erstmals, Videos mit Ultrabullet zu machen. Im Februar 2020 gründete er seinen Youtube-Kanal, begann zunächst mit Videos ohne Ton, dann ab Mai mit Twitch, ab August – dem erfolgreichen Griechen folgend – auf Deutsch. Hat er englischsprachige Follower im Chat, wechselt er auch schon mal die Sprache. Das Symbol zum Kanalpunktesammeln seiner Follower im Kanal ist der Messbecher, aus dem er „aus rein praktischen Gründen“ trinkt, wie er sagt. Aber auch dieses eigenartige Gimmick passt als Symbol zu jemandem, der präzise und klar alles zu kontrollieren und zu steuern scheint, womöglich sogar die Trinkmenge.

“Das will doch keiner sehen”

Fritzi ist extrem reflektiert. Er kann die Vor- und Nachteile aller Schachserver bis in die Details erklären und wäre sofort in der Lage, eine Liste mit Verbesserungsvorschlägen zu liefern. So fände er eine verbesserte Simultanfunktion mit Bulletoption gut – allerdings dürfte der Bedarf dafür außer für ihn selbst überschaubar sein.

Neben den eigenen Partien streamt er alle zwei Wochen ein Simultan, außerdem Arenaturniere und Trainings von Eröffnungen und Endspielen. Im Simultan hat Fritzi eigene Fairnessregeln: Hier braucht niemand durch Zeitüberschreitung zu verlieren und nach einem offensichtlichen Mouseslip des Gegners beklagt er, dass es kein Angebot einer Zugrücknahme gibt – und schlägt den eingestellten Turm nicht mit dem Kommentar „Das will doch keiner sehen“. 

Im Atomic durch Zufall auf Platz 1

Er hat praktisch alle Nebenformen des Schachs Crazyhouse, Chess960 oder Antischach gespielt, am liebsten natürlich mit möglichst knapper Bedenkzeit. Inzwischen haben sie für ihn an Reiz verloren, weil bei Crazyhouse und Antischach lange Theorievarianten von 20 Zügen runterspult werden.

Bei seinem blitzschnellen Blick für Taktik wäre Chess 960 im Prinzip eine sehr spannende Form, aber daran stört ihn, dass dort zu viele Großmeister, die diese Form selten spielen, mit falsch niedrigem Rating unterwegs sind und so seine Wertung verschlechtern, wenn er gegen sie verliert.

Fritzi auf Lichess.

Aktuell steht Fritzi im Atomic auf Platz eins in Lichess (zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht mehr wegen Inaktivität, Anm. d. Red.), misst dem im Stream aber nicht allzuviel Wert bei. Er erklärt es mit einem Gegner, der einen neuen Account benutzt habe und daher eine zu hohe Wertung hatte, was wiederum Fritzis Rating pushte. Derzeit spielt er am liebsten Three Check, eine Variante, die auch viele taktische Möglichkeiten eröffnet.

Im Antichess schon Großmeister

In seinen Streams werden Antworten auf häufig gestellte Fragen immer wieder eingeblendet. Eine lautet: “Fritzi hat NOCH keinen Fide-Titel, aber er ist AGM (Antischach-Großmeister) der IAF!

Das „noch“ ist wohl kein überbordendes Selbstbewusstsein, sondern eher eine nüchterne Bestandsaufnahme. Genau so nüchtern stellt er fest, dass Streamen und die Streams anderer zu besuchen zwar in seiner aktuellen Lebenssituation seine Hauptbeschäftigung ist, aber keine langfristige Perspektive und sicher kein Lebensziel darstellt. Es dient nur zur angenehmen wie sinnvollen Überbrückung, bis die Berufsrichtung feststeht.

Mit seiner Schnelligkeit könnte Fritzi Jetpilot werden, mit dem analytischen Denken Wissenschaftler oder Jurist, mit der schnellen Auffassungsgabe Programmierer. Bei seinen Fertigkeiten ist sehr viel vorstellbar, man darf gespannt sein, wohin die Reise geht. Überraschen würde nur, wenn es nichts  Ambitioniertes würde.

Schach soll sein Hobby bleiben. Unbedingt, denkt man unwillkürlich und möchte ihn möglichst bald an einem echten Brett in einem Open sehen – am liebsten gegen einen Titelträger.


Dr. Franz Jürgen Schell, geb. 1961, lebt in Hamburg. Turnierschachspieler 1978-1982 (Ingo-Zahl 95), nur kurzes schachliches Comeback Anfang 2020 wegen Lockdown. Seit April 2020 Online-Spieler. Schreibt sonst auch auf aerzteschach.de

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Dr. Franz Jürgen Schell. | Foto: Frank Hoppe/DSB
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