Alireza Firouzja, Modedesigner

Zuletzt hat er gelegentlich online gespielt, bei der Champions Chess Tour etwa, aber am Brett ist Alireza Firouzja seit mittlerweile fast einem halben Jahr nicht aufgetaucht. Den Grund dafür hat er jetzt in einem Stream der Italienerin Alessia Santeramo offenbart: Firouzja erwägt eine Zweitkarriere als Modedesigner.

Über duale Karriereplanung war an dieser Stelle gelegentlich die Rede. Allerdings stets im Zusammenhang mit Talenten, deren Weg nicht vorgezeichnet ist, weil nicht klar erscheint, ob es für Schach als Beruf reichen wird.

Eine Firouzja ist im deutschen Schach nicht in Sicht, das erscheint sicher. Ob jemals ein “Powergirl” das Level erreicht, um sich in der subventionierten Blase der Top 20 der Frauen einzurichten? Auch die jetzt verkündete Neuauflage des Prinzessinnenprogramms berührt diese Frage nicht. Es geht allein darum, es jungen Menschen leichter zu machen, sich dem Schach zu verschreiben. Wohin das führt, Perspektive, Lebens- und Karriereplanung, sind nicht Teil des Programms.

Bei Firouzja ist das klar. Der 19-Jährige ist ein Ausnahmetalent, wie es global jede Generation nur wenige Male hervorbringt. Der im Iran geborene Franzose könnte in den kommenden zwei Dekaden von einem erklecklichen Auskommen mindestens als Top-Ten-Spieler leben und für alle weiteren Dekaden vorsorgen.

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Sein Beispiel zeigt, Karriereplanung ist nicht nur eine Sache des künftigen Einkommens, auch eine des Herzens und der Leidenschaft – der Berufung. Offenbar fokussiert sich die Leidenschaft von Alireza Firouzja nicht allein auf das Spiel und den Sport, in dem er jetzt schon zu den Besten der Welt zählt.

Ein Vorgeschmack auf künftige Kreationen? | Fotos: Lennart Ootes/Stev Bonhage

Das Gerücht, der jüngste 2800er jemals und einstige Weltranglistenzweite mache jetzt in Mode, kursiert schon seit Monaten. Nur hatte das trotz aller Spekulation, warum er etwa die Blitz- und Rapid-Weltmeisterschaft 2022 auslässt, nie jemand für bare Münze genommen. Firozja erschien allen Beobachtern als zu begnadet am Brett, als dass er etwas anderes machen könnte. Allein während der Champions Chess Tour hat er im Spätsommer 2022 bei seinen bislang letzten Auftritten am Brett binnen weniger Wochen mehr als 350.000 Dollar verdient.

Seitdem ward er am Brett nicht mehr gesehen. Nur online tauchte er gelegentlich auf, bei „Titled Tuesdays“ etwa oder zuletzt beim Airthings Masters, wo er sich für die K.o.-Runde qualifizierte, dann aber klar dem etwa gleichaltrigen Arjun Erigaisi unterlag.

Trotz solcher Misserfolge will er das Schach nicht aufgeben, das sagte Firouzja Im Gespräch mit Schach-Streamerin WFM Alessia Santeramo vor einem Online-Match gegen Praggnanandhaa in aller Deutlichkeit. Aber er hat eben eine weitere Beschäftigung gefunden, der er sich intensiv und mit Leidenschaft widmet. „Professionell“ könne man das noch nicht nennen, sagt der 2021 in Frankreich eingebürgerte Ausnahmeschachspieler zu seinen ersten Gehversuchen auf einem neuen Feld. Aber er ließ keinen Zweifel daran, dass er es ernst meint.

„Ja, ich bin jetzt seit zwei Jahren in dieser Branche. Es ist eine ziemlich ernste Sache. Ich verbessere mich von Tag zu Tag, es ist eine Art richtiger Beruf“, sagt Firouzja. Details zu seiner neuen Arbeit gab er nicht preis, aber erklärte, dass sie ihn Zeit fürs Schach kostet. „Ich möchte gerne beides verfolgen.“ Auf eine Bitte von chess.com, seine Karriereplanung genauer zu erläutern, hat Firouzja bislang nicht reagiert.

Wohin führt sein Weg? Sicher wird Alireza Firouzja weiter an Online-Turnieren teilnehmen und sich dort, wie im Video, aufregende Gefechte mit Matthias Blübaum liefern. Ob er am WM-Zyklus 2023 teilnimmt? Im Stream sagte er nur, er plane das Norway Chess und die Grand Chess Tour zu spielen.

Er wäre bei weitem nicht der erste Weltklassespieler, der neben dem Schach anderen Berufungen folgt oder gar das Schach aufgibt. Multitalent Emanuel Lasker etwa fühlte sich auf einer ganzen Reihe von Feldern berufen, in erster Linie dem der Mathematik. Nachdem Mikhail Botwinik 1948 den Weltmeistertitel gewonnen hatte, zog er sich für drei Jahre zurück, um sich wissenschaftlicher Arbeit zu widmen. Das Jahr seiner Promotion war auch das Jahr seiner ersten Titelverteidigung 1951. Um ein Haar hätte Botwinik das Match gegen David Bronstein verloren, eine Folge fehlender Praxis und Vorbereitung.

Diese Reihe ließe sich lange fortsetzen, über den Psychologen Reuben Fine, den Richter Wolfgang Unzicker, den Papyrologen Robert Hübner oder den Banker Joel Lautier.

Auch weitere Weltmeister ließen sich anführen. Der ausgebildete Opernsänger Wassili Smyslow etwa hat Schallplatten und CDs mit Arien und klassischen Romanzen aufgenommen. Bis ins hohe Alter gab der schachweltmeisterliche Bariton Konzerte. Garry Kasparow hatte sich schon der Opposition gegen Wladimir Putin verschrieben, als er noch aktiver Turnierspieler war. Nach seinem Rücktritt vom Schach 2005 hat er sich auf die politische Arbeit konzentriert.

(Titelfoto: Stev Bonhage/FIDE)

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[…] Usbeke Nodirbek Abdusattorov vorerst die erste Geige – und natürlich Alireza Firouzja, dessen Zweitjob Modedesign ihn am Mittwoch in Bukarest bei der Grand Chess Tour nicht davon abhielt, Ding Liren dessen erste […]

Thomas Richter
Thomas Richter
1 Jahr zuvor

Aus grauer Vorzeit gibt es jedenfalls noch Max Euwe, ebenfalls Mathematiker, und den Arzt Siegbert Tarrasch. Zwischendrin ist Taimanov, in doppelter Hinsicht: Wikipedia nennt ihn auf Deutsch Pianist und Schachspieler, auf Englisch Schachspieler und Pianist. Conrad Schormann sagt ja, dass die Liste unvollständig ist – wohl immer noch.
Aus der aktuellen “ziemlich erweiterten Weltklasse” fällt mir spontan nur der Nuklearphysiker Malakhov ein, sowie der Banker Georg Meier.