Fünf von sieben Deutschen kamen durch / Vize-Europameister sucht Sponsoren

Mit der Vize-Europameisterschaft, 17.500 Euro Preisgeld, einem Platz im World Cup 2023, gut 22 Elo-Punkten und der Qualifikation für das Grand Swiss 2021 kehrt Vincent Keymer nach einem mehr als zweiwöchigen Island-Aufenthalt ins heimische Saulheim zurück. Nach einem Sieg in der letzten Runde über den Italiener Daniele Vocaturo (Elo 2630) beendete Keymer die Europameisterschaft punktgleich mit dem neuen Titelträger Anton Demchenko, muss aber aufgrund der etwas schlechteren Wertung mit dem zweiten Platz vorlieb nehmen.

Der zweite Platz des 16-Jährigen, nominell die Nummer 32 des 150-köpfigen Feldes, weckt Erinnerungen an seinen ersten großen Erfolg vor drei Jahren, der ihn auf dem Radar der internationalen Spitzenschachszene erscheinen ließ.

Sieg beim Grenke-Open 2018. | Foto: Georgios Souleidis/Grenke Chess

Beim Grenke-Open 2018 war IM Keymer als Nummer 99 des Felds mit einem Elo von 2443 ins Turnier gegangen. Nach einem Schlussrundensieg über den Supergroßmeister Richard Rapport lag Keymer mit acht Punkten aus neun Partien alleine vorne – vor 49 Großmeistern.

Dieser Erfolg führte zum ersten Kräftemessen des Ausnahmetalents mit der Weltklasse. Keymer war fürs Grenke Classic 2019 qualifiziert, wo er unter anderem auf Weltmeister Magnus Carlsen traf.

2018 beim Grenke-Open spielte Keymer eine Fabel-Performance von knapp 2800, die ihm seitdem nicht wieder gelungen ist. Jetzt bei der Europameisterschaft war er mit 2750 nahe dran. Und er gewann sogar 2.500 Euro mehr Preisgeld als vor drei Jahren.

Von seinem Schlussrundengegner Daniele Vocatura konnte Keymer schachlich mutmaßlich nicht viel lernen. Aber er hätte sich erkundigen können, wie es einem Schachprofi gelingen kann, sich die Unterstützung einer Weltmarke wie Lamborghini zu sichern.

Bis zum Ende dieses Jahres wird Keymer den Spagat absolvieren, zugleich Schüler und angehender Schachprofi zu sein. Als Schach-Nationalspieler wird er schon in den kommenden Tagen bei der Online-Olympiade das deutsche Juniorenbrett besetzen. Am 23. September folgt das TePe-Sigeman-Rundenturnier (von dem jetzt Exweltmeister Anatoli Karpow (70) zurückgezogen hat). Weiter geht’s wahrscheinlich Mitte Oktober mit der Zentralen Runde der Schachbundesliga, ab dem 25. Oktober dann das Grand Swiss in Riga.

“Nebenbei” wird Keymer sein Abitur bauen. Ist das vollbracht, kann er 2022 als 17-Jähriger den Beruf ergreifen, auf den er nicht erst seit dem Triumph 2018 in Karlsruhe hinarbeitet: Schachprofi. Und als solcher will der Vize-Europameister nicht allein von Preisgeldern leben.

Warum auch? Mit seiner solide-simplen Homepage, ansonsten ohne eigene Kanäle ist “Vincent Keymer” allein dank seiner sportlichen Perspektive längst zur größten Marke im deutschen Schach herangewachsen, sie steht für den einzigen deutschen Schachsportler mit regelmäßiger Medienpräsenz. Und die ist Geld wert.

Darum ist auf Keymers Homepage jetzt dieses zu lesen:

Versteckter Sponsorenschriftzug. | Screenshot via vincent-keymer.de

Nicht erst seit dem 18. August, sondern seit zwei Jahren fällt niemandem auf, nicht einmal dem Grenke-Marketing, wie ungeschickt das Titelfoto auf Keymers Homepage gewählt ist. Offensichtlich sollte der Schriftzug des Sponsors auf Keymers Brust prominent zu sehen sein. Stattdessen ist er verdeckt.

Wir haben das bislang nur kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen, deutsches Schach und Vermarktung, oje, aber heute muss es erwähnt werden. Nun, da der größte Hoffnungsträger des deutschen Schachs am Beginn seiner Profikarriere weitere Sponsoren sucht, sollte sich in Keymers Umfeld jemand offenbaren, der solche einfach zu reparierenden Kleinigkeiten bemerkt. Es ist die Zeit gekommen, den Werbewert des Protagonisten zu unterstreichen: “Hier könnte Ihr Logo stehen!”

An Keymer-Fotos mit bestens sichtbarem Grenke-Schriftzug mangelt es nicht. Eines davon müsste oben eingepflegt werden. Oder bei der Gelegenheit vielleicht gleich eine neue, attraktive Heimseite, eine, die zum Stöbern, Verweilen und Wiederkommen einlädt?!

Keymers künftige Wettbewerber in der internationalen Schach-Elite sind bei der Präsentation ihrer Sponsoren weiter. Nihal Sarin etwa ist selten ohne seine Biomilch-Flasche zu sehen:

Das Twitter-Profil von Nihal Sarin.

Aber wir wollen das hier nicht zu einem Essay über Schachprofi-Sponsoring ausufern lassen. Gegenstand dieses Beitrags ist die Europameisterschaft. Neben Keymers zweitem Platz gibt es vier weitere frohe Botschaften zu verkünden.

Rosige Aussichten, die Strahlemänner von Reykjavik: (von links) Niclas Huschenbeth, Rasmus Svane, Vincent Keymer, Matthias Blübaum und Daniel Fridman haben sich für den World Cup 2023 qualifiziert. | Foto: Nikolas Lubbe

Wie berichtet, hatten sich die deutschen Kaderspieler vor der letzten Runde zu siebt eine Ausgangsposition erkämpft, die es ihnen erlaubte, aus eigener Kraft einen Platz unter den 23 Qualifikanten für den nächsten World Cup zu erstreiten. Fünf kamen durch, im Fall von Niclas Huschenbeth und Rasmus Svane war das zu erwarten gewesen, diesen beiden reichte ebenso wie ihren Gegnern ein Remis.

Bei allen anderen dauerte es signifikant länger, bei Blübaum etwa. Der war nach der neuerlichen Tragödie gegen Velimir Ivic in der achten Runde mit 4,5/8 fast schon ausgeschieden. Er würde nur in dem unwahrscheinlichen Fall zum World Cup fahren, wenn er das Turnier mit drei Siegen in den letzten drei Runden abschließt. Dem Mathematikstudenten aus Bielefeld gelang dieses Kunststück, und das trotz zweier Schwarzpartien in Runde 10 und 11. Am Sonntag rang Blübaum den Russen Evgeny Romanov im Endspiel nieder.

Daniel Fridman war nach der neunten Runde mit “plus vier” schon so gut wie qualifiziert gewesen, dann ereilte ihn in der zehnten Runde eine Null, und in der elften war ein Sieg vonnöten, um zurück in die Top 23 zu kommen. Nach 93 Zügen und einem sechsstündigen Kampf war es vollbracht. Fridman hatte ein Endspiel gewonnen, das aufgrund ungleichfarbiger Läufer lange ungewinnbar erschienen war.

Tragödien schrieben zum Abschluss Liviu Dieter Nisipeanu und Alexander Donchenko. Beide brauchten einen Sieg, beide waren ganz kurz davor, und bei beiden reichte es knapp nicht. Sie müssen nun spekulieren, ob sie via Elozahl oder via Föderations-Freiplatz doch noch in den nächsten World Cup rutschen. Und sie können sich damit trösten, dass sie ja schon sehr bald in den WM-Zyklus 2022 eingreifen: beim Grand Swiss in Riga.

Die Top 28 der Abschlusstabelle (via chess-results.com):

Rg.NameTypLandEloPkt. Wtg1 RpKrtg+/-
1GMDemchenko AntonRUS25978,5261727861028,7
2GMKeymer VincentU18GER26028,5257727511022,5
3GMSarana AlexeyRUS26438,0259227431014,3
4GMDeac Bogdan-DanielU20ROU26398,025102666104,3
5GMPiorun KacperPOL26087,5260527011015,5
6GMMamedov RaufAZE26547,525992711109,1
7GMErdos ViktorHUN26147,5259326911013,0
8GMHuschenbeth NiclasGER25927,5259026831015,5
9GMNavara DavidCZE26757,525772695103,5
10GMSanal VahapTUR25577,5257226581018,0
11GMBluebaum MatthiasGER26747,525562675100,8
12GMVocaturo DanieleITA26307,525542663105,9
13GMAntipov Mikhail Al.RUS26077,525472647107,7
14GMPaichadze LukaGEO25647,5254326331013,3
15GMYilmaz MustafaTUR26307,525422650104,1
16GMFridman DanielGER26217,525422648105,1
17GMMamedov NidjatAZE25957,525282627109,1
18GMSvane RasmusGER26157,525152622102,4
19GMGabuzyan HovhannesARM25877,0261926741015,3
20GMIvic VelimirU20SRB25717,0261826711017,2
21GMNagy GaborHUN25187,0261826461024,2
22GMBjerre Jonas BuhlU18DEN25507,0261326621019,4
23GMLagarde MaximeFRA26317,025732651103,4
24GMPantsulaia LevanGEO25647,0256626221011,6
25GMNisipeanu Liviu-DieterGER26717,02555264210-3,8
26GMSargissian GabrielARM26827,02554260610-6,1
27GMGrandelius NilsSWE26667,02548263710-4,1
28GMDonchenko AlexanderGER26577,02547263410-3,2

Aufgrund der Größe der deutschen Delegation sind hier in den vergangenen Tagen zahlreiche deutsche Teilnehmer nur am Rande oder gar nicht erwähnt worden. Zum Abschluss der Europameisterschaft sei zumindest auf die größte Gewinnerin verwiesen.

Vincent Keymers Eloplus von 22,5 verblasst gegenüber den 38,4 Elopunkten, die Svenja Butenandt vom FC Bayern München gewonnen hat. Die 16-Jährige schloss die Europameisterschaft mit respektablen 5,5 Punkten aus 11 Partien auf Platz 103 ab.

Svenja Butenandt. | Foto: Thorsteinn Magnusson/Reykjavik Open

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