“Die Nationalmannschaft stärker machen”: Leistungssportreferent Gerald Hertneck

Gerald Hertneck war noch nicht zum Leistungssportreferenten des Deutschen Schachbunds gewählt, da schlug er schon den ersten Pflock ein: ein Leistungssport-Förderkonzept für Frauen. Nun ist er gewählt, und dieses Konzept soll eine Leitlinie seines Handelns sein, um die seit Jahren klaffende Elo-Lücke zwischen Elisabeth Pähtz und den anderen Spitzenspielerinnen zu schließen. Gelingt das, ist eines seiner Hauptziele erreicht: “Die Nationalmannschaft stärker machen.” Die der Männer auch übrigens, aber die sieht Hertneck ohnehin auf bestem Wege.

Im Antrittsinterview nach nur zwei Wochen im Amt offenbart uns Großmeister Hertneck seine Sicht auf Gegenwart und Zukunft des deutschen Spitzenschachs, auf Hoffnungsträger und die Trainerfrage und einiges mehr. Eine veritable Nachricht hat er auch zu verkünden: Unterhalb der Spitzenklasse wird der Schachbund künftig Normturniere für seine Kaderspieler ausrichten. Die beiden ersten sollen im Herbst in Berlin über die Bühne gehen.

Leistungssportreferent Gerald Hertneck. | Foto: David Llada

Gerry, du bist schon lange ein prominenter Teil des deutschen Schachs, aber mit Ämtern und Funktionen bringe ich dich nicht in Verbindung. Jetzt bist du plötzlich Leistungssportreferent. Wie kam das?

Ganz unbelastet bin ich nicht. Vor 30 Jahren war ich für kurze Zeit Aktivensprecher der Herren, auch beim Schachbundesliga e.V. habe ich mich einst engagiert. Aber beim DSB selbst habe ich kaum Erfahrung, das stimmt. Vor einiger Zeit bin ich gefragt worden, ob Leistungssportreferent etwas für mich wäre. Ich habe es mir durch den Kopf gehen lassen – und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich es machen möchte. Das Amt war vakant, seit Monaten schon, ich kann es zeitlich einrichten, und Leistungssport ist mein Thema. Das passt.

Du verfolgst die Geschicke unserer besten Spielerinnen und Spieler ohnehin intensiver als die meisten anderen. Wahrscheinlich ist es vor diesem Hintergrund reizvoll, die Kader auch gestalterisch zu begleiten.

Genau. Ich selbst bin ja nicht mehr so aktiv, aber Spitzenschach verfolge ich nach wie vor. Und jetzt freue ich mich darauf, das mit einer neuen Erfahrung zu verbinden, mit etwas Organisatorischem rund ums Spitzenschach. Meine erste Erfahrung kann ich dir schon sagen: Es ist viel mehr Arbeit, als ich dachte. (lacht)

Gewähre uns einen Einblick. Was tut der Leistungssportreferent?

Ich muss mich in alle Themen rund um den Leistungssport einarbeiten und diese Themen für Sitzungen aufbereiten. In den knapp zwei Wochen meiner Tätigkeit habe ich schon zwei Sitzungen mit unglaublich vielen Tagesordnungspunkten hinter mir. Die prominenteste Entscheidung war sicher die über die Besetzung der Masters-Turniere in Magdeburg.

Sportlich stehst du vor einer spannenden Zeit, einer goldenen Ära vielleicht? Bei den Damen wie den Herren haben wir einige starke, junge Leute mit Perspektive nach oben.

Bei den Herren bin ich sehr optimistisch. Wir ernten jetzt die Früchte des sehr erfolgreichen Prinzenprogramms, dazu mit Vincent Keymer ein Supertalent, wie es nur alle paar Jahrzehnte aufkommt. Vor anderen muss uns nicht bange sein. Was fehlt, das habe ich auch in meiner Antrittsrede gesagt, ist ein Mann über 2700…

Zwei der deutschen Spitzenspieler, die frühzeitig beschlossen haben, ausschließlich auf die Profi-Karte zu setzen. Dmitrij Kollars ist seit einigen Monaten Mitglied des 2600er-Clubs. Alexander Donchenko war schon bei 2680 angekommen, bevor er in Wijk und bei der World-Cup-Quali einen nominellen Rückschlag erlitt. | Foto: Deutscher Schachbund

…nur einer? Bei Alexander Donchenko und Matthias Blübaum sehe ich die Frage, ob sie 2700 packen, aber bei Vincent Keymer frage ich mich eher, ob die Reise bis 2750 oder noch weiter geht.

Ich habe mal eine Spielklassentheorie aufgestellt. Das Modell besagte, dass von 2200 bis 2500 eine Steigerung um 50 Elo einer Spielklasse entspricht. Darüber wird jeder weitere Schritt immer schwieriger, über 2600 sind vielleicht 25 Elo eine Spielklasse. Mit anderen Worten: Wer von 2600 auf 2700 kommen will, der muss vier Spielklassen stärker werden. Und das ist ganz schön viel. Wir sehen ja jetzt schon bei unseren Spitzenspielern über 2600, wie sie teilweise um zehn Punkte ringen. Je höher du steigst, desto dünner die Luft, insofern bin ich vorsichtig mit Prognosen. Aber ich wiederhole gerne dieses: Vincent ist ein Ausnahmetalent. Wir werden seinen Weg nach Kräften unterstützen und gespannt verfolgen, wie weit er kommt.

Die künftige Nationalmannschaft: Blübaum, Donchenko, Keymer, Kollars, Svane. Richtig?

Wer kennt schon die Zukunft? Aber diese Namen habe ich auch im Kopf. Unabhängig davon, wer spielt: Wir werden eine starke Nationalmannschaft haben.

Die Top 15 der deutschen Frauen | via FIDE

Und die Frauen? In der deutschen Rangliste fällt auf, dass die Namen derjenigen, die am präsentesten sind und am hoffnungsvollsten erscheinen, noch lange nicht oben stehen. Die erfahrene Generation steht nominell darüber, dann eine Lücke, dann Elisabeth Pähtz.

Genau deswegen habe ich schon vor der Wahl mein Förderkonzept veröffentlicht. Zwischen 2350 und 2450 haben wir niemanden. Dahin möchte ich die stärksten Nachwuchsspielerinnen bringen, damit die Struktur harmonischer ist, die Lücke geschlossen wird und Elisabeth nicht allein und unangefochten oben steht.

Mit „Nachwuchsspielerinnen“ meinst du die aktuelle Garde der etwa 20-Jährigen? Oder schaust du auch auf jüngere Jahrgänge?

Mein Programm ist darauf angelegt, in überschaubarer Zeit einen Effekt zu erzielen. Zu Beginn geht es mir ganz konkret darum, unmittelbar die Nationalmannschaft stärker zu machen, das ist meine Baustelle. Jugendförderung ist natürlich wertvoll, aber etwas ganz anderes. Wenn du bei jüngeren Jahrgängen ansetzt, vergehen mehrere Jahre bis zum gewünschten Ergebnis. Wir sind in der Leistungssportkommission jetzt erst einmal in die Diskussion zur Frauenförderung eingestiegen.

In den kommenden Wochen und Monaten wirst du deine Schützlinge intensiv beobachten können. Eine mit Schach vollgepackte zweite Jahreshälfte steht bevor.

World Cup, Europameisterschaft und so weiter. Nächstes Jahr dann hoffentlich wieder eine Schacholympiade. Ich freue mich auf beide Masters-Turniere in Magdeburg, die werden sehr interessant – und stark besetzt.

Und sie überschneiden sich mit dem World Cup.

Ja, erst war ganz lange nichts, und jetzt ballt es sich. Allerdings gilt die Überschneidung nur für Spieler und Spielerinnen, die beim World Cup die vierte Runde erreichen. Wir haben für den Fall, dass jemand nicht rechtzeitig zurück ist, Ersatzspieler für beide Masters-Turniere nominiert.

Was ist mit Dieter Nisipeanu? Erst hat er die World-Cup-Qualifikation ausgelassen, jetzt fehlt er beim Masters.

Im Prinzip steht Dieter nach wie vor zur Verfügung. Aktuell haben ihn private Gründe zur Absage veranlasst.

Bei der Europameisterschaft im November werden wir nach zwei Jahren wieder die Nationalmannschaften am Brett sehen. Wer stellt die auf ohne Trainer?

Es gibt ein festes System, im Wesentlichen nach Elo, dafür haben sich die Männer ausgesprochen. Ich will aber nicht in die Details einsteigen, da würden wir Interna berühren, die wir in der Kommission besprochen haben.

Ein Detail ist zu mir durchgedrungen, nämlich dass es zumindest kurzfristig neben den vier nach Elo Nominierten eine Art Talentplatz geben soll. Der wäre auf Vincent Keymer mit seinen postpandemischen 2591 Elo zugeschnitten, obwohl er nach Spielstärke schon jenseits von 2600 stehen dürfte. Würdest du mir widersprechen, wenn ich sage, dass er für die Europameisterschaft Ende 2021 zumindest ein Kandidat sein sollte?

Die Talent-Regelung gilt für das Masters. Was die Europameisterschaft betrifft, möchte ich der Nominierung nicht vorgreifen.

Mit Großmeister Gerald Hertneck steuert nun ein einstiger Top-50-Spieler und zweifacher Judit-Polgar-Besieger die Leistungssportabteilung des Schachbunds. Demnächst am Tegernsee könnte es zu der kuriosen Konstellation kommen, dass der Leistungssportreferent Hertneck seinen Schützlingen Blübaum, Donchenko, Keymer am Brett begegnet.

Was ist der Stand in Sachen Bundestrainer? Das bisherige Modell war ein angestellter Bundestrainer, aber die Spieler wünschen sich eher gezielt verpflichtete Honorartrainer.

Die Frauen bekommen einen angestellten Trainer, die Männer ihren Wunsch nach einem Honorartrainer erfüllt. Eine spannende Entwicklung, das ist Neuland. In den vergangenen Jahrzehnten gab es ja stets einen angestellten Bundestrainer, von Sergiu Samarian über Klaus Darga, Uwe Bönsch bis zu Dorian Rogozenco. Jetzt bin ich gespannt, wie es mit gezielt verpflichteten Spezialisten funktioniert. Schachlich verstehe ich den Wunsch der Spieler, andererseits hatte der Bundestrainer auch eine administrative Funktion, die nun fehlt.

Zuletzt war es im Leistungssport atmosphärisch nicht ganz einfach. Bevor du den Job übernommen hast, hast du schon augenzwinkernd auf deine Zusatzausbildung zum Konfliktmanager hingewiesen. Wirst du die brauchen?

Das habe ich zwar angedeutet, aber seitdem klar war, dass ich das Amt übernehmen möchte, habe ich ausschließlich Freude und Offenheit erlebt. Das hat mich sehr gefreut. Und ich hoffe, dass die größten Konflikte jetzt der Vergangenheit angehören. Sollte ein neuer aufkommen, dann muss man so früh wie möglich mit den Leuten reden, damit sich der Konflikt nicht verhärtet. Auch darum ist eines meiner Ziele, aktiv und in alle Richtungen zu kommunizieren. Mit den Spielern und Spielerinnen natürlich, aber zum Beispiel auch mit den Leistungssportreferenten der Landesverbände.

Was steht in der nahen Zukunft auf deiner Agenda?

Erstmal reinkommen, Struktur reinbringen. Das Budget werde ich mir anschauen, die Fördertöpfe für die verschiedenen Kader, eine komplexe Sache, in die ich mich einarbeiten muss. Dann das Förderkonzept für die Frauen. Die Männer sollen natürlich auch gefördert werden, aber akut haben es nach meiner Einschätzung die Frauen viel nötiger. Ach, es ist so viel, ich muss erst einmal alles überschauen, für mich sortieren, Prioritäten finden. Ganz aktuell haben wir beschlossen, dass der DSB Normenturniere für Kaderspieler ausrichten wird. Fürs erste wird es im Herbst in Berlin zwei solche Turniere geben, die unseren Spielern die Chance eröffnen, GM- oder WGM-Normen zu erzielen.

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