Schlusslicht im Kampfgeist-Index: Radjabov, der Anti-Schachspieler

Was für alle anderen Randsportarten gilt, gilt auch für unsere: „Nur wenn das Schach Geschichten erzählt und Emotionen weckt, wächst das Interesse des Publikums“, sagt Arne Horvei, Direktor der Magnus-Carlsen-Tour. „Die Fans brauchen Spieler, zu denen sie halten, und solche, die sie als Widersacher ihrer Lieblinge sehen, die ‚bad guys‘.“

Mit dem Stichwort „bad guy“ sind wir schon beim einzigen Grund, Teimour Radjabov zu einem Schachturnier einzuladen. Als Kotzbrocken vom Dienst funktioniert der Aseri wunderbar. Wie kein anderer versteht er es, das Blut der Fans in Wallung zu bringen, Beobachter wie Veranstalter gleichermaßen zu brüskieren. Als „bad guy“, der als solcher die Gemüter erhitzt, könnte Radjabov in Zukunft mehr denn je gesetzt sein, diese Rolle hat er zuletzt zementiert.

Bad Guy: Teimour Radjabov. | Foto: Alina l’Ami/Tata Steel Chess

Einen Grund, den Schachspieler Teimour Radjabov einzuladen, ihn gar fürs Schachspielen zu bezahlen, gibt es nicht. Er will ja gar nicht spielen, verweigert es allzu oft – und findet das professionell. Als Radjabov jetzt bei der Carlsen-Tour vier Partien gegen Ian Nepomniachtchi nach wenigen Minuten mit vier Kurzremisen (zwei davon identisch) beendet hatte, führte das einmal mehr zu öffentlichem Aufruhr. Radjabov hatte dazu dieses zu sagen:

Dass Radjabov Zuschauer und Veranstalter verhöhnt, ist nicht neu. Aus dem Supertalent, das einst in Linares mit Schwarz Garry Kasparov besiegte, ist ein Großmeister geworden, der ein Repertoire voller forcierter, ins schachliche Nichts führende Varianten pflegt. Wenn er es, und das tut er sehr oft, für angemessen hält, die Luft aus einer Partie zu lassen, dann bedient er sich eines dieser Abspiele und räumt das Brett ab. Hinterher erzählt er, das sei professionell, er müsse ja sein Rating konservieren.

„Peinlich, beschämend, respektlos“

Die kleine Chance, dass Radjabov tatsächlich Schach spielt, verschwindet gänzlich, wenn auf der anderen Seite des Brettes seine Spezis Shakh Mamedyarov oder Sergej Karjakin sitzen. Diese drei schieben untereinander Remisen. Das war schon vor drei Jahren in Aserbaidschan so, als eigentlich der früh gestorbene Kämpfer Vugar Gashimov geehrt werden sollte – und Radjabov neun mehr oder weniger kampflos unentschiedene Partien zum Vortrag brachte. Und das war jetzt bei der Carlsen-Tour so, als ein Wettbüro Wetten auf die Begegnung mit Mamedyarov gar nicht erst annahm:

Aktuell bei der Grand Chess Tour macht Radjabov so weiter: Sitzt gegenüber ein anderer Eloriese, führt er die Partie auch mit Weiß forciert zum Remis. Nachdem das nun seit Jahren so geht, melden sich (endlich, möchte man sagen) die Kollegen aus der zweiten Reihe zu Wort, Profis, die es für nicht angemessen halten, dass jemand wie Radjabov an den Fleischtöpfen sitzt, während andere in die Röhre gucken. Der diesjährige Wijk-Sieger Jorden van Foreest zum Beispiel fordert Strafen für fehlenden Kampfeswillen:

Der norwegischen Nummer drei Johan Sebastian Christiansen fallen vier Vokabeln ein, um den Schachspieler Teimour Radjabov zu beschreiben: peinlich, unprofessionell, beschämend, respektlos. Großmeister Alex Colovic, Chef des Profi-Verbands ACP, stellt über der Causa Radjabov gar die Existenzberechtigung der Carlsen-Tour in ihrer gegenwärtigen Form in Frage:

Tatsächlich berührt Radjabovs wiederholt vorgebrachte Rechtfertigung, er müsse sein Rating konservieren, um Einladungen zu bekommen, ein Kernproblem. Zwar sind die Linares-Jahre und die Jagd der Turnierveranstalter nach immer höheren Rating-Kategorien längst vorbei, trotzdem schauen die Organisatoren bei der Komposition ihrer Teilnehmerfelder die Elo-Weltrangliste tendenziell von oben nach unten durch, nicht umgekehrt.

Und wieder 1,2 Punkte gewonnen: Radjabov remisiert aktuell in Bukarest bei der Grand Chess Tour. | via 2700chess.com

Woran sonst sollen sie sich halten? Eine Kampfgeist-Weltrangliste gab es ja bislang nicht.

Genau das hat sich jetzt geändert.

Der australische Großmeister David Smerdon hat ein System ausgetüftelt, nach dem sich der Kampfgeist eines Spielers in eine Zahl zwischen 0 und 100 gießen lässt, einen Kampfgeist-Index (FCI, Fighting Chess Index): je höher die Zahl, desto kampfeslustiger der Spieler. Grob gesagt, fließen vier Faktoren in die Bewertung ein:

  • Häufigkeit von Remis
  • Häufigkeit von Remis unter 30 Zügen
  • Häufigkeit von Remis unter 30 Zügen mit Weiß
  • durchschnittliche Remislänge.

Außerdem spielt die Art der Gegnerschaft eine Rolle: Wer häufig gegen Gleichstarke spielt, in Rundenturnieren oder Ligen etwa, der bekommt einen Bonus, weil unter diesen Bedingungen Remispartien wahrscheinlicher sind. Wer häufig gegen deutlich Stärkere oder Schwächere spielt, in Schweizer-System-Turnieren etwa, der bekommt einen solchen Bonus nicht.

Das Partiematerial hat Smerdon aus der Caissabase gezogen, Simultan-, 960- und andere Sonderformen aussortiert und nur solche Spieler in seinen Index aufgenommen, die seit 2015 mindestens 100 Partien gespielt haben. Dann hat er die Top 50 der Jahre 2010-2015 nach seinem Index sortiert.

Die zehn Spitzenplätze sehen so aus:

  • 80.1 Kramnik, V
  • 79.3 Le, Q
  • 78.9 Navara, D
  • 78.4 Caruana, F
  • 77.3 Artemiev, V
  • 77.0 Eljanov, P
  • 76.9 Naiditsch, A
  • 76.8 Duda, J
  • 76.5 Carlsen, M
  • 76.0 Inarkiev, E

Die zehn Schlusslichter:

  • 60.7 Vitiugov, N
  • 59.5 Almasi, Z
  • 59.0 Kryvoruchko, Y
  • 58.8 Vallejo Pons, F
  • 58.7 Svidler, P
  • 58.2 Jakovenko, D
  • 57.9 Anand, V
  • 57.9 Tomashevsky, E
  • 57.6 Kasimdzhanov, R
  • 51.2 Radjabov, T

Die Platzierungen von zwei Exweltmeistern mögen überraschend wirken. Vladimir Kramnik, Vater der Berliner Verteidigung, soll der größte Kämpfer des Schachs sein?

Ja, von 2015 bis 2020 war er das, wenngleich knapp. In den finalen Jahren seiner Karriere hat der einst so solide Kramnik in erster Linie das Visier heruntergeklappt und Spaß gehabt. Das brachte ihm während des Kandidatenturniers 2018 in Berlin den von Nigel Short erfundenen Spitznamen „drunk machine-gunner“ ein – und nach seinem Karriereende den Spitzenplatz im Kampfgeist-Index, ein weiterer von zahllosen ersten Plätzen, die mit dem Namen „Kramnik“ verbunden sind.

Und Viswanathan Anand? Der hat im Herbst seiner Karriere die umgekehrte Entwicklung genommen, seine (Kurz-)Remisquote ist beträchtlich gestiegen, mutmaßlich, so Smerdon, um Kraft zu sparen. Das sei zwar eine Erklärung, aber ändere eben nichts an den Zahlen: Der Tiger ist zahm geworden. Smerdon plant, demnächst alle Weltmeister und die Entwicklung ihres Kampfgeists im Lauf der Jahrzehnte zu untersuchen.

Blübaum, ein Kämpfer, Nisipeanu – nicht

Nicht nur die Top 50 der Jahre 2015 bis 2020 hat Smerdon nach Kampfgeist sortiert, auch die Top 100. Und da wird es aus deutscher Sicht interessant, finden sich doch die Namen zweier Nationalspieler in dieser Liste – an entgegengesetzten Enden derselben.

Nach Elo ist Matthias Blübaum noch nicht ganz oben angekommen, aber in der Kampfeslust-Weltrangliste liegt er knapp hinter Fabiano Caruana auf dem elften Rang, noch drei Ränge vor seinem als großem Kämpfer bekannten Landsmann Arkadij Naiditsch. Aus Veranstaltersicht sollte Blübaums Platzierung ein gewichtiges Argument sein, den Mathematikstudenten zu Turnieren einzuladen.

Liviu Dieter Nisipeanu, seit neuestem (World-Cup-Qualifikation) wieder die deutsche Nummer zwei, blickt auf eine ähnliche Entwicklung wie Viswanathan Anand zurück. Weil er speziell am ersten Brett der Nationalmannschaft kaum einmal verliert, hat sich der einst als fantasievoller Angriffsspieler bekannte Rumäne den anerkennenden Spitznamen „Beton-Dieter“ verdient.

Die nach Kampfgeist sortierten Top 100 der Welt zeigen eine andere Seite der Medaille. Nisipeanu steht auf Rang 98, einen Platz hinter Teimour Radjabov.

Er kommt in Frieden: Liviu Dieter Nisipeanu steht im Kampfgeist-Index noch hinter Teimour Radjabov. | Foto: Arne Jachmann/DSB
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