Rentner, Rost und Radjabov

Wen einladen? Vor dieser Frage standen die Organisatoren des Norway Chess vor der zehnten Auflage ihres Tuniers. Russen sollten nicht mitspielen, und WM-Kandidaten würden fünf Tage vor dem Kandidatenturnier nicht mitspielen wollen. Diese limitierte Auswahl war eine Chance für die Norweger, ein aufregendes Feld zusammenzustellen. Sie verstrich ungenutzt.

In Norwegen ab dem 30. Mai am Brett: Rentner, Eingerostete und Remisschieber. Die Spielernot haben die Organisatoren aufgelöst, indem sie drei Schachmeister aus dem (Halb-)Ruhestand geholt haben: Wang Hao, Viswanathan Anand und Veselin Topalov. Und sie haben doch zwei WM-Kandidaten gefunden, die sich wenige Tage vor dem wichtigsten Turnier ihres Lebens beim Norway Chess ans Brett setzen. Richard Rapport und Teimour Radjabov werden bis zum 10. Juni in Norwegen nicht das bestmögliche Ergebnis erzielen, sondern sich bestmöglich fürs Kandidatenturnier 2022 (ab 16. Juni) aufwärmen wollen.

“Ich fühle mich besser”: Wang Hao ist wieder da. | Foto: Maria Emelianova

Am überraschendsten ist die Teilnahme von Wang Hao, der selbst von der Einladung überrascht war. Vor einem Jahr nach dem Ende des Kandidatenturniers 2020/21 hatte Wang Hao seinen Rücktritt vom Turnierschach erklärt: „Ich werde wahrscheinlich versuchen, etwas anderes zu tun, als professionell zu spielen, weil ich einige gesundheitliche Probleme habe und einfach nicht glaube, dass ich diesen Beruf fortsetzen kann.”

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Nun der Rücktritt vom Rücktritt. Für Wang Hao kam die Einladung so überraschend wie seine Teilnahme für Beobachter. „Ich habe damit überhaupt nicht gerechnet und etwa eine Woche lang überlegt, bis ich mich entschieden habe, sie anzunehmen. Nachdem ich lange nicht gereist bin, kann ich die frische Luft gebrauchen“, scherzte er in einem Telefonat mit Peter Doggers, der sich für chess.com nach seinem Befinden erkundigte.

Ungefähr ein Jahr lang habe er an einem Magengeschwür gelitten, erklärte Wang Hao. Das habe ihn auch beim Kandidatenturnier 2021 beeinträchtigt. Aber seit Beginn dieses Jahres fühle er sich besser.  

Lange nicht gesehen: Veselin Topalov beim Grand Prix 2019 in Hamburg. | Foto: World Chess

Ähnlich überrascht wie Wang Hao war Veselin Topalov. Der in Spanien lebende Bulgare war zwar nie offiziell zurückgetreten, hat aber seit langem kaum noch gespielt – zuletzt Anfang 2020 in Gibraltar. “Ich wurde einfach eingeladen, weil viele WM-Kandidaten abgesagt haben und offensichtlich dieses Jahr keine Russen eingeladen sind”, erklärte Topalov auf Anfrage von chess.com.

https://twitter.com/SchachBL/status/1449366054547898369

Viswanathan Anand repräsentiert einen ähnlichen Fall: nicht offiziell zurückgetreten, aber nach und nach auf dem Weg in den schachlichen Ruhestand. Anands letztes klassisches Turnier: Wijk an Zee 2020. Danach hat er noch einige Partien in der Bundesliga gespielt (und im Oktober 2021 der OSG Baden-Baden mit einem Sieg über Andreas Heimann zum neuerlichen Meistertitel verholfen).

Die Monate vor dem Norway Chess wird Anand nicht mit schachlicher Vorbereitung verbringen, sondern damit, für Arkady Dvorkovich zu trommeln. Der russische FIDE-Präsident hat den fünffachen Weltmeister vor seinen Wahlkampfkarren gespannt:

Die norwegischen Veranstalter haben sich mit ihrer Einladungspolitik einmal mehr Kritik eingehandelt. In den vergangenen Jahren war das Norway Chess stets dem archaischen Prinzip gefolgt, ein Feld mit einem möglichst hohen Eloschnitt zusammenzustellen, anstatt sich (wie etwa Wijk) auf eine möglichst attraktive Mischung zu besinnen. Vor 30 Jahren, zur Zeit der Linares-Turniere, war die Jagd nach hohen Elo-Kategorien in Ermangelung anderer Top-Turniere ein Erfolgsrezept. Heute sind die Elitespieler präsenter denn je – und die Youngster sind stärker denn je.

“Not exactly the most ambitious players”.

Jetzt, da nicht alle Top-Spieler verfügbar waren, hätte sich die Chance eröffnet, nicht schon wieder die üblichen Verdächtigen am Brett zu versammeln. Die Keymers, Abdusattorovs oder Praggs dieser Welt in Norwegen auf Magnus Carlsen und andere Elitespieler loslassen – das wäre ein aufregendes Turnier gewesen.

Stattdessen: Radjabov, der zuletzt vor drei Jahren (World Cup 2019) nicht remis gespielt hat und abseits des Schachs immer wieder mit Huldigungen des aserbaidschanischen Diktators Ilham Aliyev auffällt. In Norwegen hat der Aseri jetzt Gelegenheit, das 27. Remis in Folge zu spielen.

via chess.com

Dazu: der im Wahlkampf befindliche Anand, der im Kampfgeist-Index mittlerweile fast so schlecht dasteht wie Radjabov. Topalov, der seit mehr als zwei Jahren keine Figur angefasst hat. Wang Hao, der seit fast einem Jahr keine Figur angefasst hat. Shakhriyar Mamedyarov, dessen Remis gegen seinen Landsmann Radjabov schon feststeht und der zwischen seinen sehenswerten Partien regelmäßig Nicht-Partien einstreut. Wesley So, der sich zuletzt online in der Magnus-Tour munter durchremisiert hat. Und nicht zuletzt Rapport, eigentlich ein Garant für attraktives Schach, der aber wenige Tage vor dem Kandidatenturnier nicht geneigt sein wird, viel zu offenbaren.  

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Picard
Picard
1 Monat zuvor

Ich würde gerne mitspielen und ganz sicher kein einziges Remis spielen … !

Last edited 1 Monat zuvor by Picard
Joe Cool
Joe Cool
1 Monat zuvor

Es geht bei diesem Turnier wohl weniger darum, attraktives Schach zu bieten, sondern Magnus Carlsen den anvisierten 2900 ein wenig näher zu bringen. Dafür sind hohe Elo-Gegner notwendig. Es ist daher ein Vorteil und gewünscht, wenn diese wenig Kampfkraft aufbringen oder aus dem Vorruhestand zurückgeholt wurden. Fehlt nur noch Garri K. zum vollkommenen Glück.

Gesine
Gesine
1 Monat zuvor

Ein wirklich unterirdisch zusammengestelltes Feld
.

Richard Purschwitz
Richard Purschwitz
1 Monat zuvor
Reply to  Gesine

10 Spieler der aktuellen Top 20 der Welt. In der Tat, unterirdisch.

Richard Purschwitz
Richard Purschwitz
1 Monat zuvor

Mir ging es ganz anders als dem werten Verfasser, als ich das Teilnehmerfeld gesehen habe. Ich dachte, wow, Halbrentner, denen im Zweifel ein zweifelhafter, riskanter Zug wichtiger sein könnte als die ELO-Zahl-Sicherung, dazu zwei Kandidaten, bei denen man vielleicht indirekt erschließen kann, was sie dann beim „Hauptturnier“ aus dem Ärmel zaubern und mit Shak, Anish und Wesley „alte“ Haudegen, die Magnus durchaus das Leben schwer machen könnten. Kurz, ich finde die Mischung gerade gut! Und: Wer Supergroßmeisterturniere verfolgt, sollte sich nicht über jedes Remis ärgern, das am Ende in den Listen steht. Wir wollen ja keine Patzerparade sehen. Ach ja,… Weiterlesen »

Joschi
Joschi
1 Monat zuvor

Wenn schon Rentner, dann wenigstens Ivanchuk; und bitte nicht schon wieder Keymer und Pragg, die haben wir wirklich oft genug gesehen in den letzten Wochen und Monaten!
Das Problem ist, dass die Alten sich vor Carlsen so fürchten werden, dass sie versuchen werden, “sich hinten reinzustellen” (wie man im Fußball sagt).

Matthias Hausknecht
Matthias Hausknecht
1 Monat zuvor

Ich möchte den unvermeidlichen und von CB und Co. hochgejubelten Pragg nicht mehr bei internet übertragungen sehen. Seine Ausstrahlung ist ähnlich der des Womanizers Ding Liren, glatt, langweilig, autistisch. Keymer mag ein netter Mensch und ausgezeichneter Schachspieler sein, aber es ist schon lange zu viel des Guten mit dem Hype. Dann lieber ein Spieler wie Radjabov. Schon als Kind löste sein sicheres Spiel bei Garry Kasparov vormals Erich Weinstein eine Wutattacke aus, weil Radi mal kein Remis geboten hatte Er vertritt einen in Deutschlands Politik- und PR Landschaft verfemten Standpunkt, weswegen man ihn hierzulande oft gebetsmühlenartig diskreditiert, was ihn für… Weiterlesen »

Thomas Richter
Thomas Richter
1 Monat zuvor

Schachfreund Hausknecht hat sich zwar im Ton vergriffen, aber auch ich empfinde den Hype um Praggnanandhaa – ich nenne ihn Großmeister PR – als übertrieben. Auch innerhalb von Indien ist er offiziell Nummer 5 bei den Junioren – hinter Senkrechtstarter Erigaisi, Nihal Sarin, Gujesh und Sadhwani. Die Unterschiede sind zwar oft klein, live ist er nach dem Reykjavik Open wieder Nummer 3 (weil Gukesh gegen ihn eine Gewinnstellung verloren hat und Sadhwani ein schlechtes Turnier erwischte). Aber dass Conrad Schormann (nur) ihn erwähnt ist für mich nicht nachvollziehbar. Auch die Kritik an “Rentnern” ist für mich jedenfalls zu hart. Anand… Weiterlesen »

Kommentator
Kommentator
1 Monat zuvor

Irrtum, Freundchen: Jemand, der einen Dikator hofiert, wird nicht von anderen diskreditiert, sondern diskreditiert sich selbst. (Ebenso wie Leute, die eine derart tiefbraune Gesinnung zeigen wie du in deinem Beitrag von niemandem in die rechte Ecke gestellt werden, sondern sich freiwillig und unaufgefordert selbst dorthin begeben.)
Abgesehen davon scheinst du den Artikel nicht richtig gelesen zu haben: Gegen Radjabov spricht ja auch ein aboluter Mangel an Kampfgeist – da nützt es nichts, auf fast 20 Jahre alte Partien zu verweisen.