Fahrplan mit Unwägbarkeiten

Das Schach am Brett liegt weiter brach, aber zumindest auf der höchsten Ebene hat das Schach jetzt einen Fahrplan. Das Kandidatenturnier wird vom 19. bis 29. April 2021 in Jekaterinburg, Russland, fortgesetzt – mehr als ein Jahr, nachdem die FIDE es ebendort pandemiebedingt abgebrochen hatte. Der Gewinner wird ab dem 24. November 2021 in Dubai ein WM-Match gegen Titelverteidiger Magnus Carlsen spielen.

Als eine Unterbrechung des Flugverkehrs zwischen Russland und anderen Ländern unmittelbar bevorstand, hat der Weltverband im März 2020 das Kandidatenturnier gestoppt, um zu verhindern, dass Teilnehmer in Russland stranden. Ursprünglich sollte am 1. November 2020 weitergespielt werden, aber die chinesischen Großmeister Ding Liren und Wang Hao durften nicht ins Ausland reisen.

Oder wollten sie nicht? Wang Hao sagte in aller Deutlichkeit, dass er eine Fortsetzung im November für unverantwortlich hält. FIDE-Chef Arkadi Dvorkovich erwog, das Kandidatenturnier hybrid zu beenden, doch dazu kam es nicht.

Vorbild Wijk

Dieses Mal sei die Einreise der beiden Chinesen gesichert, sagte Dvorkovich gegenüber Chess.com: „Wir haben Kontakt mit dem chinesischen Schachverband und der chinesischen Botschaft aufgenommen. Obwohl wir immer noch auf eine formelle Antwort warten, haben wir die Zusicherung erhalten, dass sie reisen dürfen.“

Einigen Spielern dürfte nach ihrer Rückkehr aus Jekaterinburg in die Heimat eine Quarantäne bevorstehen. Gleichwohl haben laut Dvorkovich alle Teilnehmer positiv reagiert, wenngleich einige von ihnen „Fragen zur Logistik“ gestellt hätten. Erst vor wenigen Tagen hatte Alexander Grischuk gesagt, er halte es für unwahrscheinlich, dass das Kandidatenturnier jemals fortgesetzt wird.

Ellbogengruß im März 2020 zwischen den WM-Kandidaten Ian Nepomniachtchi und Alexander Grischuk. | Foto: Lennart Ootes/FIDE

Die Spielbedingungen im April 2021 sollen denen vom März 2020 oder denen des Tata Steel Masters vom Januar 2021 ähneln. Maxime Vachier-Lagrave und Ian Nepomniachtchi starten als Favoriten. Der Franzose und der Russe liegen mit jeweils 4,5 Punkten aus 7 Partien in Führung. Ersterer war als Nachrücker ins Turnier geraten, nun hat er gute Aussichten, der nächste WM-Herausforderer zu werden.

Der Zwischenstand, mit dem es mehr als ein Jahr später weitergeht. | Screenshot via chess.com

Das WM-Match zwischen Magnus Carlsen und dem Gewinner des Kandidatenturniers ist vom 24. November bis 16. Dezember 2021 im Rahmen der Weltausstellung in Dubai angesetzt. Gespielt werden 14 klassische Partien, Preisfonds: zwei 2 Millionen Euro (1,2 Millionen für den Sieger, 800.000 für den Verlierer). Als erstes Unternehmen hat die größte Schachseite chess.com die Übertragungsrechte erworben. Offenbar ist der Konflikt um Magnus Carlsens in Dubai nicht gern gesehene Partnerschaft mit dem Glücksspielkonzern Kindred überwunden.

Sonderregel für Radjabov?

Regulär hätte das Match ein Jahr eher begonnen, am 20. Dezember 2020, ebenfalls im „Dubai Exhibition Centre“ 300 Meter entfernt vom Zentrum des Expo-Geländes. Auch die Weltausstellung 2020 findet verspätet statt: vom 1. Oktober 2021 bis zum 31. März 2022.

Teimour Radjabov. | Foto: Alina l’Ami/Tata Steel Chess

Außen vor bleibt vorerst der Aseri Teimour Radjabov, der sich via World Cup für das Kandidatenturnier qualifiziert hatte, aber wegen der Pandemie die Teilnahme verweigerte. Die folgende, in weiten Teilen öffentlich ausgetragenen Auseinandersetzung Radjabovs mit der FIDE blieb ohne Ergebnis.

Im Nachhinein hat spätestens der Abbruch des Turniers seine Sicht bestätigt. Dvorkovich ebenso wie sein Generalsekretär Emil Sutovsky haben seitdem durchblicken lassen, dass sie gewillt sind, beim 2022 beginnenden, neuen WM-Zyklus eine Sonderregelung für Radjabov zu schaffen, die ihm eine Teilnahme am nächsten Kandidatenturnier ermöglicht.

Das Kandidatenturnier ebenso wie kommende weitere Weltklasse-Schachwettbewerbe in Russland, beginnend mit den ab dem 10. Juli in Sotschi geplanten World Cups (offen, 206 Spieler, 2 Millionen Dollar Preisfonds und Frauen, 103 Spielerinnen, 700.000 Dollar Preisfonds), steht im Ausrichterland mehr denn je im Fokus. Nach einer Entscheidung des Internationalen Sportgerichtshofs ist es Russland wegen Doping-Verstößen bis Ende kommenden Jahres untersagt, Sportwettbewerbe auf WM-Level abzuhalten. Diese Entscheidung hat zum Beispiel dazu geführt, dass die Hockey-WM nicht, wie geplant, in Russland ausgetragen wird.

In dem Maße, wie Wettbewerbe in anderen Sportarten wegfallen, gewinnen die, die stattfinden, an Bedeutung. Das Kandidatenturnier und der World Cup als WM-Qualifikationsturniere sind von der Gerichtshof-Entscheidung offenbar nicht betroffen. Abzuwarten bleibt, wie es sich mit der Schach-Olympiade 2022 verhält. Nachdem Weißrussland als Ausrichter 2021 ausfiel (die offizielle Version lautet, der weißrussische Verband habe mitgeteilt, er sei außerstande, das Turnier zu organisieren), ist Russland eingesprungen. Die nächste Schacholympiade soll 2022 in Moskau stattfinden.

Protest nach der Nawalny-Verhaftung. Klick auf „Play“ startet das Video.

Nicht nur auf Seiten der Organisatoren, auch auf Seiten der Spieler ist das Schach in Russland politisiert, seit der Verhaftung Alexander Nawalnys nach seiner Rückkehr aus Deutschland mehr denn je. Als der Oppositionelle Ende Januar sogleich festgenommen wurde, kam es in Russland zu Massenprotesten. Daran beteiligt: ein ehemaliger und ein aktueller WM-Kandidat, Dmitry Andreikin, der sich auf Facebook meinungsstark gegen Korruption gibt, und Alexander Grischuk, den die unabhängige russische Nachrichtenseite chess-news.ru gemeinsam mit Großmeister Daniil Dubov in einem Video erspäht hat.

„Nur ein Tropfen im Meer, aber keine verschwendete Zeit“: Der einstige WM-Kandidat Dmitry Andreikin auf Facebbok.
3.8 5 votes
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
3 Comments
Most Voted
Newest Oldest
Inline Feedbacks
View all comments