Kollisionen im Juli

Das aufregendste, spektakulärste Turnier im internationalen Schachzirkus zu benennen, ist leicht: der World Cup, der mit seinen K.o.-Matches Tag für Tag Dramen produziert. In diesem Jahr sollen ab dem 10. Juli gleich zwei World Cups stattfinden (offen und Frauen, insgesamt knapp 3 Millionen Dollar Preisgeld).

Aus deutscher Sicht sieht es aus, als müssten wir diese eigentlich frohe Botschaft mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis nehmen. Ebenfalls am 10. Juli soll die „Sparkassen Chess Trophy“ in der Westfalenhalle in Dortmund beginnen. Käme es zur Kollision, würde das FIDE-Turnier Dortmund die stärksten Teilnehmer und eine Menge Aufmerksamkeit kosten.

Nisipeanu ist durch! Bequemes Remis in der Schwarzpartie, gefolgt von einem souveränen Sieg mit Weiß. Huschenbeth jetzt…

Gepostet von Perlen vom Bodensee am Donnerstag, 12. September 2019

Ob der World Cup wirklich stattfindet, sei aber noch nicht vollständig klar, sagt auf Anfrage dieser Seite Patrick Zelbel, Sprecher des Dortmunder Schachfestivals. Auszuweichen sei ohnehin keine Option. Der Juli-Termin in Dortmund stehe seit langem fest, und er sei extra gewählt worden, um Kollisionen mit dem WM-Zyklus des Weltverbands zu vermeiden. Die FIDE hatte ursprünglich den August als World-Cup-Monat avisiert.

Wahrscheinlich deswegen ballt sich das Turniergeschehen im deutschsprachigen Raum im Juli. Neben den Dortmundern dürften auch die Veranstalter des Schachfestivals in Biel (17. bis 28. Juli) gespannt verfolgen, wie sich die Dinge um die im russischen Sotschi geplanten World Cups entwickeln. Ebenso die Organisatoren des Schachgipfels, der inklusive German Masters (aber isoliert vom DSB-Kongress, siehe dieser Bericht) am 24. Juli in Magdeburg beginnen soll.

Was ist mit Grenke?

Fiele der World Cup aus, träfe die heimische Elite im Juli 2021 voraussichtlich gleich zwei Mal aufeinander. Die Dortmunder planen ein Rundenturnier mit zehn Teilnehmern, den „Deutschland Grand Prix“, bei dem sich die besten deutschen Spieler mit solchen der erweiterten Weltklasse messen sollen.

Die drei Platzhirsche (Blübaum, Donchenko, Nisipeanu) würden in Dortmund wie in Magdeburg um den nationalen Nummer-eins-Spot ringen – und im direkten Vergleich versuchen, den kommenden Mann (Keymer) auf Distanz zu halten. Fände aber der World Cup statt, wäre es überraschend, sollte sich keiner dieser vier für das auf 206 Teilnehmer aufgeblasene Spektakel qualifizieren.

Die deutsche Nummer eins gegen die Nummer zwei, Matthias Blübaum gegen Alexander Donchenko. Fällt der World Cup 2021 in Sotschi aus, sehen wir diese Paarung im Juli wahrscheinlich in Dortmund und wenig später noch einmal in Magedeburg. Findet der World Cup statt, sehen wir sie gar nicht. | Foto: Arne Jachmann/Deutscher Schachbund

Anders als der World Cup ist die 48. Auflage der Dortmunder Schachtage unter dem neuen Namen „Sparkassen Chess Trophy“ im Juli sicher. Daran ließen die Organisatoren um Veranstaltungsleiter Carsten Hensel knapp fünf Monate vor Turnierbeginn keinen Zweifel. Offen ist lediglich, ob in der Westfalenhalle Zuschauer zugelassen sein werden. „Wenn überhaupt, können wir das nur bei sehr positiver Pandemie-Entwicklung und unmittelbar vor der Veranstaltung entscheiden. Im Moment sieht es eher nicht danach aus“, sagt Stefan Koth, Vorsitzender des ausrichtenden Vereins „Initiative Pro Schach“.

Viel eher, nämlich in gut fünf Wochen, soll das Grenke-Schachfestival in Karlsruhe/Baden-Baden beginnen. Was mit Europas größtem offenen Turnier und dem Weltklasse-Rundenturnier ist, erscheint alles andere als sicher. Eine Anfrage dieser Seite nach dem Stand der Dinge bei Turnierchef Sven Noppes und beim Schachzentrum Baden-Baden blieb bislang unbeantwortet. Der letzte Eintrag auf den Turnierwebsites stammt vom März 2020: die pandemiebedingte Absage des Opens wie des Classics. Seitdem haben potenzielle Teilnehmer der 2021er-Auflage nichts aus Baden-Baden gehört.

Wie berichtet, soll das Dortmunder Turnier helfen, Schach ohne Rochade wieder in den Fokus zu rücken und praktisch zu erproben. Seitdem der Dortmunder Schachbotschafter Vladimir Kramnik Ende 2019 mit Hilfe von AlphaZero die neue, alte Spielart untersucht und seine Ergebnisse publiziert hat, ist es darum ruhig geworden. Der Reformbedarf im Eliteschach bleibt trotzdem bestehen, ebenso der Wunsch der meisten Elitespieler, mit Hilfe einer neuen Variante den ausgeuferten Eröffnungstheorie-Zopf abzuschneiden.

Nun hat sich Carsten Hensel, einstiger Kramnik-Manager, als Verbündeter geoutet. Unlängst im Schachgeflüster-Podcast kündigte Hensel an, dem rochadefreien Schach eine Bühne geben zu wollen. Auf dieser Bühne in der Westfalenhalle wird gegenüber von Kramnik Viswanathan Anand Platz nehmen. In einer Neuauflage ihres WM-Matches 2008 in Bonn werden die beiden Exweltmeister ein Match über vier Partien No-Castling-Schach mit klassischer Bedenkzeit spielen.

WM-Revanche ohne Rochade: Nach ihrem Match in Bonn 2008 treffen die Schachfreunde Kramnik und Anand nun in Dortmund 2021 aufeinander. | Foto: Frederic Friedel/ChessBase

Noch ein Verbündeter hat sich geoutet. Matthias Wüllenweber findet die neue Variante „elegant“: „Durch eine minimale Regeländerung entsteht eine neue, scharfe Schachform, die schnell in Vertrautes mündet“, erklärt Wüllenweber auf Anfrage dieser Seite. Jetzt steht der ChessBase-Chef vor der Aufgabe, diese neue Schachform in seine Spielplattform Playchess zu integrieren, sodass sie dort gespielt werden kann – als Teil des Dortmunder Schachfestivals.

Da die Pandemie 2021 noch kein Open zulässt, soll dieses eine Mal ein Online-Open nach den Kramnik-Regeln auf Playchess das Geschehen in Dortmund begleiten. Wie das genau ablaufen wird, wie es technisch umgesetzt wird, ist noch offen. „Wir sind in Gesprächen mit den Dortmundern“, sagt Wüllenweber.

Wie Dortmund den Staub abschütteln will

Die Pandemie muss für Ausrichter nicht nur ein Nachteil sein. Neben den Problemen für Organisatoren sieht Hensel die Chance, „die ohnehin beabsichtigte Digitalisierung dieser Veranstaltung beschleunigt voranzutreiben“. Diese Beschleunigung ist in Dortmund bitter notwendig.

Bis zur 2019er-Auflage stand das Dortmunder Turnier unter dem fehlgeleiteten Konzept, Schach in erster Linie als Zuschauersport am Ort der Veranstaltung zu präsentieren. Als Folge sah die überwältigende Mehrheit derjenigen, die von daheim aus zuschauten, auf allen Kanälen in erster Linie ein mediales Trauerspiel. Und während andere Superturniere zunehmend super aussahen, schien in Dortmund jahrelang nicht einmal jemandem aufzufallen, wie verstaubt und unattraktiv der Wettbewerb daherkommt.

Nein, das ist keine Todesanzeige.

Gepostet von Perlen vom Bodensee am Dienstag, 9. Juli 2019

Jetzt hat das neue Dortmund-Team schon ein erstes Verdienst, lange bevor die Bretter und Plexiglasscheiben aufgebaut sind: Der Reformbedarf ist erkannt und benannt. Allerdings droht das neue Dortmund-Team in dieselbe entwicklungshemmende Falle zu gehen, in der nicht nur unser Schachbund seit Jahrzehnten gefangen ist: die UKA-ChessBase-Niggemann-Falle. Anstatt Partner zu suchen, die mediale Gegenleistungen einfordern, Partner mit Ambition, an denen man wachsen und von denen man lernen kann, sucht sich das deutsche Schach mit seiner Mäzenatentradition Gönner, in deren Schoß es sich ausruhen lässt.

„Mit ChessBase gemeinsam weiterentwickeln“

Eine „Digitalisierungsoffensive“ planen die Dortmunder, „in aller Welt“ wollen sie zu sehen sein – und wählen als „Medienpartner“ ausgerechnet die Firma, deren deutsche Zentrale sich seit Jahrzehnten medial ungelenk gibt, an Reichweite anscheinend kein Interesse hat und in aller Welt wie im deutschsprachigen Raum digital kaum zu sehen ist. ChessBase selbst befand es in einer ersten „Mitteilung“ zum Dortmunder Festival nicht für notwendig, die eigene Rolle als Medienpartner und das auf dem eigenen Server ausgerichtete Turnier besonders zu erwähnen.

Neben gesteigerter Sichtbarkeit und Attraktivität wollen die Dortmunder um Turnierdirektor Andreas Jagodzinsky das deutsche Spitzen- und Jugend-Schach anschieben, mit dem Deutschland-Grand-Prix ebenso wie mit dem NRW-Jugend-Cup. Als Medienpartner suchen sie sich ausgerechnet die Firma, auf deren deutschsprachiger Seite deutsche Schachmeister bestenfalls eine Nebenrolle spielen, wenn überhaupt. Daran, deutsche Spieler aufzubauen, besteht in Hamburg offenbar kein Interesse. In Dortmund ist es ein zentrales Anliegen.

Wie soll das zusammenpassen? „Wir werden uns mit ChessBase gemeinsam weiterentwickeln“, sagt Zelbel. Auf der technischen Seite halte das Dortmunder Team mit Guido Kohlen einen „sehr erfahrenen Mann“ bereit. Und auf der medial-digitalen soll es Zelbel selbst richten. Die gesamte Kommunikation werde intensiviert, teilen die Dortmunder mit. Zelbel habe sich vorgenommen, „die Kommunikation im Bereich digitaler Medien für die interessierte Zielgruppe weiterzuentwickeln“.

Titelfoto: Guido Kohlen

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