Abbruch einer irregulären Veranstaltung

Aus und vorbei, verschoben auf einen unbestimmten Zeitpunkt. Der Abbruch des Kandidatenturniers zeigt, dass die Strippenzieherei eines ehemaligen Putin-Stellvertreters sogar auf russischem Hoheitsgebiet Grenzen hat.

Allen Widrigkeiten und Protesten zum Trotz hatte die FIDE lange am Kandidatenturnier festgehalten, aber nun, da Russland zum 27. März den internationalen Flugverkehr einstellt, musste eine Wende her. Damit nicht alle Teilnehmer in Jekaterinburg stranden, so die offizielle Begründung, hat der Weltverband das Kandidatenturnier abgebrochen: „Wir hätten Spielern und Offiziellen nicht garantieren können, dass sie sicher und bald nach Hause kommen.“

Zeichnung via @WillumTM

Während am Bodensee diese Zeilen entstehen, sind in Jekaterinburg alle nichtrussischen Spieler, Sekundanten und Offiziellen auf dem Heimweg. Anish Giri hat einen Linienflug ergattert, die anderen mit FIDE-Hilfe einen Charterjet, der sie nach Amsterdam fliegt. Fabiano Caruana kann nicht ausschließen, vorerst in Amsterdam zu stranden. Für die Nummer zwei der Welt gilt schon seit Tagen, was die FIDE jetzt als Abbruch-Grund anführt.

Der Tabellenstand bleibt stehen, wie er ist, die zweite Hälfte des Wettbewerbs wird nachgeholt. Und sie wird von mehreren Fragen begleitet sein. Zum Beispiel dieser: Was ist mit Teimour Radjabov?

Der Azeri hatte das Kandidatenturnier angesichts der Corona-Pandemie für unspielbar erklärt und die Teilnahme aus genau den Gründen verweigert, die nun zum Abbruch geführt haben. Ungerecht behandelt fühlt sich Radjabov ohnehin schon, und das nicht zu Unrecht. Wenn er nun weiter außen vor bleibt, liefert das Kritikern ein gewichtiges Argument, dieses Kandidatenturnier als ein irreguläres zu betrachten.

Hätte nicht MVL den Ausreißer eingefangen …

Dafür gibt es auch sportliche Argumente. Offensichtlich haben die misslichen Umstände alle Teilnehmer beeinträchtigt, den einen mehr, den anderen weniger. Die erste Hälfte eines Kandidatenturniers ohne Corona-Querelen wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit anders gelaufen.

Der seit Jahren stets stabile und kaum zu schlagende Ding Liren bei „minus zwei“, eine sportliche Abnormalität. | Foto: Maria Emelianova

Darauf könnte speziell Ding Liren pochen, Nummer drei der Welt, einer von zwei Topfavoriten und außerdem einer der stabilsten Spieler überhaupt. Dass der Chinese nach sieben Runden mit „minus zwei“ dasteht, ist eine Abnormalität, die sich nur mit den äußeren Umständen erklären lässt. Und so wird eine zweite Frage über der Fortsetzung stehen: „War die erste Hälfte dieser Veranstaltung sportlich aussagekräftig?“

C19 und COVID-19 – ein Zusammenhang?

Hätte nicht in der siebten Runde Maxime Vachier-Lagrave den fast schon ausgerissenen Tabellenführer Ian Nepomniachtchi eingefangen, die Fortsetzung würde eine sportliche Farce werden. Der Russe hatte alle Chancen, sich schon zur Halbzeit den Status „WM-Herausforderer“ mehr oder weniger zu sichern. Er hätte weit vor allen anderen liegen können, der Turniersieg nach 14 Partien mehr oder weniger Formsache.

Nun hat Nepo gegen MVL verloren, und wir dürfen uns auf eine spannende zweite Hälfte freuen anstatt auf eine, bei der sieben von acht Teilnehmern um die goldene Ananas spielen. Aber wer immer aus dieser zweiten Hälfte als WM-Herausforderer hervorgeht, es wird der Schatten einer unter irregulären Umständen gespielten Qualifikation über dem kommenden WM-Match liegen.

Wie einst Gerald Hertneck Judit Polgar mit dem Winawer-Franzosen erlegte.

Nepo blieb auch gegen MVL beim Winawer-Franzosen, einer Eröffnung, die dem Schwarzen so viele kritische Aufgaben zu lösen gibt, dass sie auf Weltklasselevel kaum zu sehen ist. Bei einem Kandidatenturnier tauchte sie zuletzt 1986 auf, gespielt von Artur Jussupow gegen Andrei Sokolov.

Dass Nepomniachtchi gegen Kirill Alekseenko einen Winawer gespielt hatte, lässt sich noch als Versuch werten, gegen den nominell schwächsten Teilnehmer auch mit Schwarz Gewinnchancen zu bekommen. Dass Nepomniachtchi dabei blieb, den Winawer zu seiner Hauptverteidigung gegen 1.e4 kürte und damit WM-Herausforderer werden will, ist in einem kaum fassbaren Maße dreist. Und es zeigt, warum Nepo einer der spannendsten Spieler im Schach-Zirkus ist.

https://twitter.com/StefanLoeffler/status/1242963639059054594

Vielleicht konnte er dem C19 nicht wiederstehen? In der von A00 bis E99 reichenden Schach-Eröffnungsklassifikation ist die Winawer-Hauptvariante unter C19 einsortiert. Und nun legt ein unter COVID-19 einsortiertes Virus die Welt lahm.

Ist Nepomniachtchi tatsächlich ein derartiger Schelm, dass er C19 spielt, weil der COVID-19 umgeht? Französisch war zwar neben dem Najdorf immer seine Zweiteröffnung gegen 1.e4, aber den Winawer hatte er zuletzt 2014 angewandt. Nepomniachtchi muss vor dem Kandidatenturnier gezielt daran gearbeitet haben.

C19, die Winawer-Hauptvariante.

Unsere Freunde von chess.com haben schon die ersten Spieler zum Abbruch befragt, darunter Wang Hao, der von Anfang an gefordert hatte, das Turnier zu verschieben. Außerdem den neuen Tabellenführer Maxime Vachier-Lagrave, der die die FIDE nicht kritisieren mag. Chess.com hat angekündigt, die Berichterstattung zum Abbruch des Kandidatenturniers im Lauf des Tages fortwährend zu aktualisieren:


Ein alternatives Universum: Der Winawer-Franzose ist komplett anders als alles andere. Wer nicht gerade WM-Herausforderer werden möchte, der erwirbt damit eine Schwarz-Waffe gegen 1.e4, die manchen Weißen straucheln lässt.
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