Elizabeth H., Elizabeth II. und die Übertragungsrechte für Schach

Übertragungsrechte. Wer hätte gedacht, dass dieser Begriff jemals zum regelmäßigen Teil der Schachberichterstattung wird? Zumal im Zusammenhang mit dem Verkauf dieser Rechte.

Gerade erst hat Magnus Carlsens Unternehmensgruppe die Rechte für ihre Schachtour an Eurosport und das norwegische Fernsehen verkauft, nun lässt der Schach-Weltverband in Sachen Weltmeisterschaft und Kandidatenturnier aufhorchen. Die Übertragungsrechte dafür hat die FIDE jetzt an chess.com veräußert, wie beide Organisationen am Dienstag mitteilten.

Konkret geht es um das WM-Match 2021, die kommende Hälfte des abgebrochenen Kandidatenturniers sowie um das Kandidatenturnier 2022. Eine optimistische Vereinbarung angesichts des Umstands, dass unklar ist, ob und unter welchen Umständen diese Wettbewerbe stattfinden, speziell das für das Frühjahr 2021 angesetzte Kandidatenturnier. FIDE-Präsident Arkadi Dvorkovich hat unlängst nicht mehr ausschließen wollen, dass diese zweite Turnierhälfte pandemiebedingt als hybrides Turnier an acht Spielorten ausgetragen wird statt an einem.

Vom WM-Match zwischen Magnus Carlsen und dem Gewinner des Kandidatenturniers erwarten beide Partner, dass es die meistbeachtete Schachveranstaltung seit Jahrzehnten wird. Und das, neben dem von Corona verursachten generellen Schach-Aufschwung, aus zwei Gründen:

Der eine heißt Elizabeth Harmon, die Hauptfigur in der Netflix-Serie „Das Damengambit“, die wochenlang die weltweiten Netflix-Charts anführte und ein ungeahntes Interesse am Spiel auslöste. Es bedarf jetzt der englischen Königin, einer anderen Elizabeth, um Beth Harmon vom Spitzenplatz zu verdrängen. Die neue Staffel von „The Crown„, die Serie über das englische Königshaus und speziell die Königin, schickt sich an, „The Queen’s Gambit“ zu überholen. Gleichwohl stehen Elizabeth Harmon und Elizabeth II. weiter einsam oben.

Der zweite Grund heißt „pogchamps“, die von chess.com initiierte Millionen-Show mit ihrer enormen Reichweite. Weil weltweit etwa 15 Millionen Menschen den Teilnehmern dieses Turniers auf Twitch folgen, verursachte „pogchamps“ Mitte des Jahres in den Google-Trends einen noch größeren Schach-Ausschlag als jetzt „Das Damengambit“.

Ausschnitt aus den Google-Trends zum Suchbegriff „Chess“: „pogchamps“ verursachte einen noch größeren Ausschlag als „The Queen’s Gambit“.

Einen externen Partner ins Boot zu holen, markiert eine Wende beim Ansinnen der FIDE, ihre größten Veranstaltungen möglichst vielen Zuschauern zugänglich zu machen. Nachdem der ungeliebte, aus der Iljumschinow-Zeit übrig gebliebene Partner WorldChess (vorher: Agon) auf die Übertragung der Grand-Prix-Serie beschränkt worden war (Details siehe dieser Beitrag), hat die FIDE zunächst auf eigenen Kanälen und als Mitbewerber der großen Schachsender die Übertragung ihrer Veranstaltungen organisiert. Stattdessen lässt sie sich jetzt dafür bezahlen, dass diejenigen Zugang bekommen, die mehrfach gezeigt haben, dass sie Schach-TV beherrschen, und ohnehin auf das Wachstum ihrer Schach-Kanäle fokussiert sind, weil sie davon leben.

Was ist der Mehrwert?

Einen Exklusiv-Vertrag bekommt chess.com gleichwohl nicht. „Ein Partner“ werde die US-Firma sein, betonte die FIDE, als sie jetzt den Deal verkündete, ohne Zahlen zu nennen. Wir dürfen annehmen, dass die Marketing-Abteilung des Weltverbands um David Llada bemüht ist, noch einen schachfremden Sender ins Boot zu bekommen, ähnlich wie es die Carlsen-Gruppe bei den Übertragungsrechten für ihre Tour vorexerziert hat.

Es liegt nun an beiden, der FIDE und der Carlsen-Gruppe, aufzuzeigen, worin der Mehrwert einer Schachsendung mit Übertragungsrecht besteht. Beide werden nicht an dem Umstand rütteln, dass jeder die Partien live zeigen darf.

Die freie Verfügbarkeit der Partien hatte Worldchess-Chef Ilja Merenzon im Streit mit chess24 mehrfach rechtlich zu beschneiden versucht und war jeweils gescheitert. Zwar hat Merenzon noch Mitte 2020 in dieser Angelegenheit nun doch einen Durchbruch in seinem Sinne verkündet, nur fand diese Verkündung so gar keinen Widerhall, was wahrscheinlich damit zu tun hat, dass der vermeintliche Durchbruch (in einem kuriosen Verfahren ohne Gegner) auf einem von Merenzon gezinkten Spiel beruht.

Jeder darf die Partien live zeigen, gleiches gilt im WM- und Kandidatenturnier-Kontext für die Inhalte der Pressekonferenzen. Für den Inhaber der Übertragungsrechte bleiben Live-Bilder der Spieler am Brett, Live-Bilder vom Spielort und exklusiver Zugang zu den Spielern für Interviews nach den Partien, gegebenenfalls am Ruhetag.

Was sich daraus machen lässt, werden wir sehen.

(Titelfoto via chess.com)

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