Schach in der Sportschau: Hoffnungsträger, Machtkampf und ein großer Grieche

In der Reihe “Sport inside” plant die Sportschau am kommenden Sonntag einen ausführlichen Schachbeitrag. Niklas Schenk, Autor des knapp zehnminütigen Films übers deutsche Schach, skizziert den anhaltenden Boom unseres Spiels, porträtiert den deutschen Hoffnungsträger Vincent Keymer und den deutschen Verband. Ungekürzt ist das Werk schon jetzt auf Youtube zu sehen.

Seit Wochen geht das Gerücht, der WDR arbeite an einem langen Schachbeitrag, habe mit mehreren Leuten aus der Szene gesprochen, auch über die Krise im Leistungssport. Insbesondere die Spitze unseres Schachbunds sei gar nicht so glücklich damit. Jetzt ist der Beitrag fertig, und er hat einen Star: Georgios Souleidis, ein Schachspieler, der sich vor einer Kamera komfortabel fühlt, eloquent agiert, der zudem keinen Anlass bietet, ihm unangenehme Fragen zu stellen.

Der Big Greek erzählt vom Wachstum seines Youtube-Kanals seit März. Mittlerweile schauen mehr als 70.000 Menschen zu. Souleidis erklärt Magnus Carlsens Bestrebungen, sich ein Schach-Imperium zu bauen, und hofft, dass Vincent Keymer hierzulande einen Boris-Becker-Effekt auslösen kann. Im Beitrag dichtet die Sportschau Vincent Keymer ein Remis gegen Magnus Carlsen beim Grenke Chess Classic 2019 an, zeigt sogar den Händedruck mit dem Weltmeister am Ende der Partie. Nur war die nach langem Kampf verloren gegangen.

2.000 Mitglieder verloren?

Souleidis nimmt die Zuschauer mit in sein Schlafzimmer mit der Schreibtischecke, das ihm mittlerweile auch als Arbeitszimmer dient. Schach auf Youtube ist für den Hamburger Schachmeister und -trainer längst zum Job geworden. “Es ist lukrativ, es lohnt sich”, sagt Souleidis. Allein der Youtube-Kanal sichere ihm rund 4.000 Euro monatliche Einnahmen, heißt es in dem Beitrag.

Hofft auf den Boris-Becker-Effekt: “The Big Greek” Georgios Souleidis.

Auch wenn sie kaum Gegensteuern seitens unseres nationalen Verbands ausgelöst hat: Die bange Frage nach der Mitgliederentwicklung steht im Raum, seitdem wir nicht mehr von Angesicht zu Angesicht Schach spielen können. Nun meldet die Sportschau, 2.000 der 90.000 Vereinsmitglieder seien dem Schach seit Pandemiebeginn verlorengegangen. Diese Zahl ist nicht falsch, aber eine kaum verlässliche Momentaufnahme, ergab eine Anfrage dieser Seite beim Schachbund.

Im April 2020 seien es sogar 4.000 Mitglieder weniger als im April 2019 gewesen, nun seien es im Vorjahresvergleich 2.000 weniger, lässt Ullrich Krause mitteilen. “Beide Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen. Eine echte Vergleichbarkeit kann nur die Januar-Zahl liefern, weil die Höhe der Beitragszahlung Anfang Januar ermittelt wird und dann für das ganze Jahr gilt, d.h. die Vereine haben erst zum Jahresende etwas davon, wenn sie die ausgetretenen Mitglieder abmelden”, sagt Krause. Deswegen gilt unverändert die unlängst vom DSB-Präsidenten formulierte Befürchtung, “dass Ende Dezember noch viele Abmeldungen erfolgen werden”.

“Gezwungen zu reagieren”: DSB-Präsident Ullrich Krause.

Wenn wir die gegenwärtigen Chancen nicht wahrnehmen, “bleiben wir halt ein kleines Brettspiel für Nerds und Opas – das immerhin die deutsche Aufstellerbranche fast im Alleingang am Leben erhält”, haben wir unlängst in diesem Beitrag geätzt. Nun wissen wir dank Sportschau, dass sogar unser Präsident einen der ungezählten Schachaufsteller daheim vorhält, um ihn vor der Skype-Kamera repräsentativ entrollen zu können.

Den Ursprung der Krise im Leistungssport datiert Krause im Sportschau-Beitrag auf August/September 2020. Eine erstaunliche Einschätzung. Jeder, der es wissen wollte, wusste seit mindestens zwei Jahren, dass der Bundestrainer sich beim Umgang mit seinen Schützlingen zu oft nicht an Regeln zivilisierten Miteinanders orientiert. Und lange vor August/September hatte eine Nationalspielerin ihrem Kollegen in aller Öffentlichkeit mitgeteilt, man habe ihm ins Gehirn gebissen. Tags darauf verweigerte sie bei der Deutschen Online-Meisterschaft den sportlichen Wettkampf.

Die ewige Baustelle

Würde beim DSB jemandem an Compliance liegen, die Regeln für solche Fälle stehen in der Konzeption Leistungssport: Die Kaderspieler sind zu “angemessenem Verhalten und Auftreten” anghehalten, zu “Fairplay”, dazu, dem Ansehen des DSB (“dem Ansehen des Schachs” sollte dort stehen) zu dienen und sich nicht grob unsportlich zu verhalten. Wer dagegen verstößt, wird bestraft.

Spieler-Allianz geschmiedet: Georg Meier.

Im Fall Pähtz führten die Verstöße nicht einmal zu einer Ermahnung. Und sie führten dazu, dass Georg Meier sich von seinem Verband allein gelassen und vorgeführt fühlte. In der Folge schmiedete der Großmeister eine seltene Allianz der Einzelkämpfer, die im offenen Brief der zwölf Kaderspieler gipfelte. Und selbst der kam nicht, wie Krause gegenüber anderen Medien verbreitet, “in überraschendem Tempo”, sondern war eine Woche lang angekündigt – und wäre zu vermeiden gewesen. Es hätte sich nur auf Seiten der Empfänger jemand zu der Einsicht durchringen müssen, dass sich diese Sache nicht aussitzen lässt.

“Wir waren gezwungen zu reagieren”, sagt Krause nun. Vor zwei Jahren etwa, als bekannt wurde, dass der Bundestrainer minderjährige Spielerinnen zusammenstaucht, bis Tränen fließen, wäre eine Reaktion tatsächlich angemessen gewesen. Anstatt an der Seite des Leistungssportreferenten Haltung zu zeigen, wurde dieser Referent monatelang entmachtet, bis er das sich ausbreitende System aus Gefälligkeiten, Lagerdenken, Ignoranz und alternativen Wirklichkeiten nicht mehr stützen wollte. “Moralisch abgewirtschaftet” habe unser Führungsduo, rief Andreas Jagodzinsky zum Abschied beim Hauptausschuss.

Sichtbar sein, wo die neuen Spieler sind

Als Ullrich Krause einst antrat, hatte er die Öffentlichkeitsarbeit als zentrale Baustelle identifiziert. Viel passiert ist auf dieser Baustelle seitdem nicht. Drei Jahre später hat er nun gegenüber der Sportschau neben dem Leistungssport ein weiteres Mal die Öffentlichkeitsarbeit als eine von zwei “großen Baustellen” genannt. Und er kündigte wie unlängst im Hauptausschuss an, sich dafür professionelle Hilfe zu holen. Das eigentliche Problem, die Attitüde, Schach und die Schachspieler zu verstecken, anstatt sie ins Schaufenster zu stellen, kam nicht zu Sprache.

Das Schach steht seit Monaten vor einer bizarren Kombination aus Krise und Gelegenheit. Der Sportschau-Beitrag kratzt in dieser Hinsicht bestenfalls an der Oberfläche, indem er den Gegensatz zwischen einem boomenden Spiel und einem mit sich selbst beschäftigten Verband herausarbeitet. Ein mahnender Sportschau-Zeigefinger geht in die falsche Richtung, er zeigt auf den DSB-Youtube-Kanal und dessen 65 Abonnenten.

Wenn das organisierte Schach die neuen Schachspieler erreichen will, muss es dort sichtbar sein, wo sie sich tummeln – auf Youtube. So weit, so richtig. Nur scheint sich unser Verband dieser einfachen Wahrheit nicht länger verschließen zu wollen, vorerst bedarf es keiner Mahnung mehr.

Über den überfälligen “offiziellen” deutschen Schachkanal von DSB, Ländern und allen, die sonst noch mitmachen wollen, werde zumindest nachgedacht, hat uns unlängst der Berliner Vizepräsident Paul Meyer-Dunker berichtet. Insofern besteht auf diesem Feld Hoffnung, dass viele überschaubare Einzelprojekte zu einem gemeinsamen zusammenwachsen, relevante Reichweite aufbauen und damit im Sinne unseres Sports arbeiten.

Ein Klick, schon beigetreten. Der Schachclub ML Kastellaun hat es auf seiner Website vor- und viele andere haben es seitdem nachgemacht.

Den zweiten mahnenden Zeigefinger richtet die Sportschau auf die deutschen Vereine, wieder die falsche Richtung. Die deutschen Vereine spielten auf den großen Schachwebsites keine wahrnehmbare Rolle, heißt es.

Tun sie doch, sei es in der Lichess-Bundesliga, wo zweimal wöchentlich tausende Spieler in ihren Vereinsteams den Wettkampf suchen, sei es in der Clubs League, die chess.com im April 2020 gegründet hat und in der der eine oder andere deutsche Verein mitspielt. Und überhaupt, was soll das?

Auf den Schachplattformen sind die deutschen Schachvereine längst integriert. Jetzt können sie Beth Harmon als Vehikel nutzen, um sich in ihrem lokalen Umfeld ins Gespräch zu bringen.

Tatsächlich stehen unsere Vereine vor einigen Herausforderungen, die von der Sportschau angemahnte ist nicht darunter. Unmittelbar geht es darum, das Vereinsleben aufrecht zu erhalten, zur Überbrückung neue Spiel- und Trainingsformate zu erfinden und zu etablieren. Außerdem gilt es, Hürden für Mitglieder und Interessierte abzubauen: Vereine sollten ihr Lichess- oder chess.com-Team prominent auf der Homepage verlinken und zum Mitspielen einladen. Mittlerweile sind viele Vereine dem Kastellauner Beispiel gefolgt.

Obendrein ist Fantasie gefragt, um dem Verein in seinem lokalen Umfeld schon jetzt Sichtbarkeit zu verschaffen. Nie war es derart angebracht wie jetzt, den Vereinsauftritt in den Sozialen Medien aufzupeppen oder ihn, falls nicht vorhanden, erst einmal zu gründen. Ein Schachverein muss ja nicht nur über sein Spielgeschehen berichten, um sich ins Gespräch zu bringen, auch das eine Frage der Fantasie. Ein Beispiel dafür, wie Schachvereine Beth Harmon für sich spielen lassen können, haben Schachgeflüster-Macher Michael Busse und wir unlängst aufgezeigt:

Mittel- und langfristig stehen die Vereine vor der Herausforderung, den Boom des Bildschirmschachs in Eintritte beim Vereinsschach zu transformieren. Sie werden im Sinne eines breiteren Angebots hybrid werden, die in der Krise erfundenen Spiel- und Trainingsformen zum festen Teil des Vereinsgeschehens machen müssen. Und während manch kleiner Verein die Pandemie nicht überleben wird, steht manches Team, dessen Mitglieder sich erst auf einer Schachplattform gefunden haben, vor der Herausforderung, sich in einen “richtigen” Schachverein zu verwandeln.

“Auf den großen Websites spielen deutschen Vereine keine Rolle”? Diese Feststellung der Sportschau ist nicht nur falsch, sie geht an den tatsächlichen Herausforderungen vorbei.

Sven Noppes von den Schachfreunden Deizisau ist natürlich viel zu freundlich, Mumpitz als solchen zu benennen und eine relevante Frage einzufordern. Er beantwortet den konstruierten Vorwurf, indem er eine unter anderem von seinem Verein längst beantwortete Frage konstruiert. “Die Vereine müssen Antworten finden, wie sie sich auf den Plattformen integrieren können”, sagt Noppes.

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