Pähtz vs. Meier vs. DSB

Die Kaderspieler des deutschen Schachbunds sollen künftig einen „Ehrenkodex“ unterschreiben, der sie am Brett und abseits davon zu zivilisiertem, fairen Verhalten verpflichtet. Das ist eine Folge des andauernden Konflikts zwischen Elisabeth Pähtz, Georg Meier und dem DSB, der unter anderem dazu geführt hat, dass Georg Meier sich vom DSB lossagen will, um künftig für Uruguay zu spielen.

Ein verbaler Twitter-Austausch zwischen Pähtz und Meier vor der Deutschen Internetmeisterschaft hatte zu einem beleidigenden Ausraster Pähtz‘ geführt. Während der Meisterschaft weigerte sich Pähtz, gegen Meier anzutreten, es folgte ein weiterer Ausraster im Chat. Meier forderte den Ausschluss Pähtz‘ aus dem Turnier, sie verzerre durchs Nichtantreten den Wettbewerb.

Von seinem Sportverband verlangte Meier, ein Zeichen zu setzen, das ihn und andere künftig davor schützt, von Kollegen in aller Öffentlichkeit angegangen zu werden. Pähtz‘ Verhalten solle sanktioniert werden. Diesen Wunsch Meiers zu erfüllen, sahen sich sämtliche seiner DSB-Gesprächspartner außerstande.

Je mehr Meier fühlte, nicht gehört zu werden, desto mehr verschärfte er den Ton, zuletzt gegenüber Ullrich Krause. Der teilte seinen Funktionären noch vor der jüngsten Sitzung des DSB-Präsidiums mit, ein Erlass der Gebühr für einen Föderationswechsel komme nicht infrage, die Angelegenheit sei erledigt.

Auszug aus dem jüngsten internen „Infobrief“ des Krause/Fenner-Präsidiums, das die Funktionäre mit diesen Briefen über seine Sicht der Dinge auf dem Laufenden hält.

Eine erstaunliche Einschätzung, geht die Angelegenheit doch munter weiter. Wäre sie erledigt, hätte das DSB-Präsidium keinen Anlass, einen Ehrenkodex für Spieler einzuführen. Wäre sie erledigt, wäre Ruhe zwischen den Kontrahenten.

Stattdessen hat Elisabeth Pähtz auf ihrem Youtube-Kanal eine Georg-Meier-Serie begonnen. Pähtz sagt es in den bislang drei Folgen nicht explizit, aber lässt für den Zuschauer durchblicken, wie sie ihren Kollegen Meier (Elo-Bestwert 2670) einschätzt: ein durchschnittlicher GM, der sich (auf dem Brett) nur unzureichend zu verteidigen weiß und wegen Arroganz dazu neigt, sich bzw. seine Chancen zu überschätzen.

Wechselwunsch in der Schwebe

Wäre die Angelegenheit erledigt, würde sich ein langjähriger Nationalspieler nicht öffentlich vorgeführt und allein gelassen fühlen. Nachdem weder Leistungssportreferent Andreas Jagodzinsky noch Sportdirektor Marcus Fenner noch Vizepräsidentin Olga Birkholz noch Präsident Ullrich Krause auf sein Anliegen eingegangen waren, wandte sich Meier an die Aktivensprecher Sarah Papp und Daniel Fridman.

Georg Meier. | Foto: Frank Hoppe/Deutscher Schachbund

Meier schwebte eine Umfrage unter Kaderspielern vor, die anonym eine Meinung zu dem Vorgang formulieren sollten. Den gesammelten Meinungen hätten die Funktionäre entnehmen können, wie ihre Spitzensportler die Sache einordnen. Dazu kam es nicht, aber aus der Meierschen Initiative erwuchs der Vorschlag eines Ehrenkodex‘ für Kaderspieler, der schließlich über Jagodzinsky beim Präsidium landete und dort dem Vernehmen nach abgenickt wurde.

Meiers Wechselwunsch ist in der Schwebe. Statt für Uruguay, Geburtsland seiner Mutter, würde er lieber für Deutschland spielen („darauf war ich immer stolz“), aber eben nicht für diesen deutschen Verband unter dem gegenwärtigen Führungspersonal, dem er „fehlende Haltung“ vorwirft. Alle Beteiligten hätten ihm signalisiert, Pähtz‘ Verhalten sei nicht in Ordnung, dennoch gebe es keinerlei Konsequenzen.

„Gehört, dass etwas gärt“

Vor allem möchte Georg Meier Schach spielen, wann und wo es ihm beliebt, aber das wird nicht möglich sein, wenn er eine zweijährige Sperre für FIDE-Turniere absitzen muss. Und um die kommt er nicht herum, wenn der DSB darauf beharrt, von Uruguay 25.000 Euro Wechselgebühr einzufordern.

Wunsch oder Wirklichkeit? Auszug aus dem Leitbild des Deutschen Schachbunds.

Dem Pressesprecher des Schachbunds haben wir eine Passage aus dem Leitbild des Schachbunds vorgehalten, angemerkt, dass der DSB die Angelegenheit hat sehenden Auges eskalieren lassen, und unter anderem gefragt, warum DSB unter seinen herausragenden Botschaftern nicht Regeln zivilisierten Miteinanders in Erinnerung ruft. Eine Antwort haben wir nicht bekommen.

Wir haben außerdem den unmittelbar involvierten DSB-Leistungssportreferenten Andreas Jagodzinsky gebeten, sich zu dem Fall zu äußern.

DSB-Leistungssportreferent Andreas Jagodzinsky. | Foto: Deutscher Schachbund

Jagodzinsky hatte kurz vor der DSIM gehört, „dass etwas gärt“, aber mangels konkreter Anhaltspunkte nicht eingegriffen. Niemandem sei der Austausch auf Twitter vor der Eskalation ernsthaft aufgefallen. „Mir erschien er beim Lesen völlig unproblematisch“, sagt Jagodzinsky.

Am Tag der Meisterschaft habe Pähtz per Rund-E-Mail auf das Problem aufmerksam gemacht, sie habe sich provoziert gefühlt. Am Tag danach habe Georg Meier um ein Telefonat gebeten, der vorgesehene Weg: „Ich als Referent bin derjenige, der in so einem Fall vermittelt. Die öffentliche Auseinandersetzung sollte für Spielerinnen und Spieler das letzte Mittel sein.“

Weisungsbefugt gegenüber den Spielern seien weder Präsident noch Geschäftsführer noch Leistungssportreferent oder Bundestrainer. Selbst wenn Meier habe provozieren wollen („Damit muss man im Spitzensport vielleicht auch mal leben“), wäre es angezeigt gewesen, die Sache in Ruhe untereinander zu klären. „Und trotz fehlender Weisungsbefugnis erwarte ich, dass Kaderspieler bei Turnieren, für die sie qualifiziert sind oder Freiplätze haben, alle Partien spielen, solange sie nicht krank sind.“

„Hoffe, Georg bleibt dem deutschen Schach erhalten“

Jagodzinskys dringender Bitte, den kritischen Tweet zu löschen, sei Pähtz nachgekommen. Im Lauf der Woche habe sie dann gefordert, nun solle Meier alle Tweets löschen, die sie betreffen. Wenig später sei ihr kritischer Tweet wieder online gewesen. Hierauf nicht unmittelbar reagiert zu haben, müsse er sich ankreiden lassen, wenngleich für eine solche Forderung kein objektiver Grund bestanden habe.

Jagodzinsky übertrug die Angelegenheit schließlich dem Präsidium: „In Angelegenheiten, die eine gewisse öffentlichkeitswirksame Relevanz erreichen, habe ich – wie auch schon in der Vergangenheit – das Präsidium eingeschaltet, weil dessen Mitglieder letztlich von der Schachöffentlichkeit ob zurecht oder zu Unrecht verantwortlich gemacht werden.“ In einem ersten Schritt habe Marcus Fenner mit den Beteiligten gesprochen. „Dem kann man aber nicht vorwerfen, dass er genauso wenig erreicht hat wie ich.“ 

Zwischen den Stühlen? Bundestrainer Dorian Rogozenco (hinten) und Aktivensprecher Daniel Fridman. | Foto: Maria Emelianova/chess.com

Zum Vorwurf, der DSB habe den Konflikt sehenden Auges eskalieren lassen, sagt Jagodzinsky: „Die Angelegenheit ist nicht ausgesessen, sondern entsprechend unserer Satzung behandelt worden. Ich verstehe, dass der Vorgang auf Außenstehende unfassbar langsam wirkt. Das ist unseren Strukturen geschuldet, die, meine persönliche Meinung, überarbeitet gehören.“ Hätte zum Beispiel der Präsident als erster eingegriffen, stelle sich die Frage, wozu der DSB einen Referenten oder eine Vizepräsidentin Sport braucht.

Die Frage, ob der Bundestrainer bei künftigen Nominierungen hinsichtlich der Personalie Meier zwischen den Stühlen steht, stellt sich für Jagodzinsky nicht. „Sollte Georg dem deutschen Schach erhalten bleiben, was ich nach wie vor hoffe, sehe ich keine Probleme bei Nominierungsfragen. Das muss unter sportlichen Gesichtspunkten beantwortet werden. Auch wenn ich mit Dorian Rogozenco und Frauentrainer Alexander Naumann einig bin, dass gute Beziehungen zwischen den Spielern in den meisten Fällen leistungsfördernd sind, müssen wir bei der Nominierung der Frauen- und Männermannschaft nicht auch noch auf persönliche Beziehungen zwischen Spielern und Spielerinnen achten. Wenn das im Turnier zu Problemen führt, dann muss ggf. auch mal jemand nach Hause geschickt werden.“

Der kommende Ehrenkodex solle umfassend für alle Kaderspieler (Jugendliche und Erwachsene) gelten und nicht nur Äußerungen über Kollegen, Trainer, Funktionäre abdecken. Cheating, von Onlinecheating bis zu Ergebnisabsprachen, solle ebenfalls beleuchtet werden.

Elisabeth Pähtz. | Foto: David Llada/FIDE

Im Ergebnis ziehen sich nun weitere Gräben durch das an Animositäten wahrlich nicht arme deutsche Schach, zuvorderst der zwischen Elisabeth Pähtz und Georg Meier. Wären aus dem Kader des Schachbunds zwei Antipoden herauszugreifen, die Wahl würde auch in Unkenntnis dieser Geschichte auf Georg Meier und Elisabeth Pähtz fallen. Die eine ein Bauchmensch, hochemotional, der andere kühl, eher leise, umso bestimmter in der Sache.

Tatsächlich hatte zwischen diesen beiden längst ein einseitig ausgehobener Graben geklafft. In Pähtz‘ Elefantengedächtnis für vermeintliche und tatsächliche Ungerechtigkeiten haftet der Umstand, dass sich Georg Meier vor zehn Jahren wenig schmeichelhaft über die Notmannschaft geäußert hat, mit der der DSB die Schacholympiade bestritt. Das empfand sie als unkollegial, und das ist zehn Jahre später immer noch die Basis ihrer Argumentation, Meier habe angefangen.

Auf ihrer Liste der Menschen, die keine Weihnachtskarte bekommen, steht nun auch der Schreiber dieser Zeilen. Der hatte ihr lange vor den Jagodzinskys und Fenners zu erklären versucht, dass eine öffentliche Person keine Fäkal-Tweets abzusetzen hat. Dann hat er auch noch über Meiers Wechselwunsch und die Hintergründe berichtet, tendenziös nach Pähtz‘ Auffassung: Weder sei ihre emotionale Ausnahmesituation in den Tagen der DSIM erwähnt worden noch der Umstand, dass sie ja gelöscht hätte, wenn Meier auch löscht. Und dann, am schlimmsten, sei sie auch noch in der Kommentarspalte „vorgeführt“ worden:

Elisabeth Pähtz kommt tatsächlich nicht von alleine darauf, dass sie sich in dieser Angelegenheit ausschließlich selbst vorführt. Das mag neben ihrer aufbrausenden Beratungsresistenz damit zusammenhängen, dass in ihrem Umfeld ein verlässliches Koordinatensystem fehlt, dem sie entnehmen kann, was man tut und was nicht.

Die einzig souveräne Reaktion lag ja auf der Hand: „Tut mir leid, Georg, mir ist eine Sicherung durchgebrannt, kommt nicht wieder vor.“ Fall erledigt. Zwölfjährige beharren auf „Aber der hat angefangen“. Eine vielfache Deutsche Meisterin, ehemalige Welt- und Europameisterin sollte dem entwachsen sein, und wenn sie das nicht ist, dann sollte ihr Verband im Sinne des Ansehens unseres Sports die einzig souveräne Reaktion einfordern.

Kaderspieler zweiter Klasse?

Wenn Jagodzinsky sagt, niemand beim DSB sei weisungsbefugt, ist das nur die halbe Geschichte. Der Schachbund ist Herr über die Kaderzugehörigkeit, die für Spieler existenziell wichtig ist. Einen Schlag mit dieser Keule zumindest anzudrohen, um Leute zur Besinnung zu bringen, ist eine jederzeit verfügbare Option, von der Gebrauch zu machen sich in diesem Fall niemand getraut hat.

DSB-Präsident Ullrich Krause. | Foto: Deutscher Schachbund

Ein weiterer Graben klafft nun zwischen Georg Meier und DSB-Präsident Ullrich Krause. Dem hat der Nationalspieler ein fehlendes Rückgrat diagnostiziert, unter anderem, weil Krause in diesem Fall die Kader-Keule nicht eingesetzt hat. Pähtz gibt dem DSB Aussicht auf Fördergelder, Meier nicht. Ist Meier darum ein Kaderspieler zweiter Klasse und muss sich beleidigen lassen?

Ob Meiers Diagnose stimmt, ob hier mit zweierlei Maß gemessen wird, lässt sich schwerlich belegen, aber vermuten. Stellen wir uns vor, Meier hätte 2700 Elo und wäre für den DSB Geld wert, Pähtz hätte 2400 und wäre es nicht. Ob Krause dann auch erklärt hätte „Fall erledigt“, um sich danach aufs stumme Beleidigtsein zurückzuziehen?

ProChess-League-Veteran Georg Meier

„Keine Probleme bei Nominierungsfragen“, sagt Jagodzinsky. Intern mag das stimmen, vielleicht kann der Bundestrainer sich aufs Sportliche fokussieren und alles andere ausblenden. Von außen betrachtet, geht die Frage, ob der beschädigte Nationalspieler Georg Meier nun sportlich in Ungnade fällt, nicht einfach weg. Stattdessen stellt sie sich bei jeder Nominierung.

Zum Beispiel bei der für die kommende Online-Schacholympiade, an der die deutsche Nationalmannschaft teilnimmt, eine von 160 Mannschaften. Das Turnier wird nach einem an die ProChess League angelehnten Format ausgespielt.

Unter den deutschen Spitzengroßmeistern gibt es genau einen Spieler, der mit diesem Format jahrelange Erfahrung und Erfolg hat, der sich zum Beispiel im ProChess-League-Halbfinale unter anderem mit Magnus Carlsen gemessen hat: Georg Meier.

Der DSB hat jetzt seine Olympia-Mannschaft bekanntgegeben. Georg Meier ist nicht nominiert.

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