WM, EM und damit nicht genug: Das Mega-Schachwochenende

Ein pickepackevolles Schachprogramm und jede Menge Gelegenheiten zum Mitfiebern stehen an diesem Wochenende auf dem internationalen Terminplan. Bei der Blitz-Europameisterschaft ab Freitag werden 24 Deutsche mitspielen (vorbehaltlich weiterer Anmeldungen), darunter mindestens ein halbes Dutzend Großmeister und Blitzspezialisten, die, wenn es gut läuft, eine Medaille ins Visier nehmen können. Außerdem beginnt am Samstag die Endrunde der Jugend-Weltmeisterschaften. Mit Vincent Keymer, Frederik Svane (U16) und der einstigen U16-Weltmeisterin Annmarie Mütsch (U18w) werden drei deutsche Vertreter am Start sein.

Letzteres war nicht zu erwarten. Maximal knapp waren nicht nur Svane und Mütsch in der europäischen WM-Vorrunde ausgeschieden; dem Lübecker fehlte gar nur ein verfeinerter Wertungspunkt für die Qualifikation. Es schien, als wäre der aufgrund seines Weltranglistenplatzes gesetzte Keymer der einzig Übriggebliebene.

Wenig später erreichte Jugend-Bundestrainer Bernd Vökler die aus seiner Perspektive frohe Nachricht: Weil nicht alle Qualifizierten bei der Endrunde spielen würden, durften Svane und Mütsch nachrücken. In der U16 könnte es nun zum deutsch-deutschen Duell Svane-Keymer kommen.

Nach der U16 nun die U18? Annmarie Mütsch am Brett. | Foto: Yves Reker/DSJ

Bei der Blitz-Europameisterschaft werden sich angesichts der Vielzahl deutscher Teilnehmer solche Duelle schon in der Vorrunde nicht vermeiden lassen. Das Feld der wahrscheinlich mehr als 200 Spieler absolviert am Freitag, dem ersten Turniertag, elf Runden Schweizer System. Die 16 Bestplatzierten spielen am Samstagabend Matches, bis vier Spieler übrig sind. Die wiederum begegnen einander am Sonntag im Halbfinale, danach wird das Finale ausgetragen.

Einer von denen müsste doch …?!

Ein Blitzturnier hat ohnehin einen Lotteriecharakter, und der verstärkt sich noch, wenn das Schweizer System ein großes Feld in der Disziplin Blitzschach sortieren soll. Trotzdem, die Blitz-EM müsste schon sehr unglücklich laufen, würde sich am Freitagabend herausstellen, dass kein Deutscher es unter die letzten 16 geschafft hat.

Wir haben ja einige Spezialisten am Start. Daniel Fridman zum Beispiel, den Sieger der Deutschen Online-Meisterschaft. Oder Matthias Blübaum, die deutsche Nummer eins und amtierender Deutscher Meister im Blitzschach. Oder Rasmus Svane, den Blitz-Rasierer. Oder Georg Meier, den Bankangestellten, der nach einem achtstündigen Arbeitstag mal eben ein Blitzschach-Match gegen die Nummer 15 der Welt gewinnt. Zumindest einer von denen müsste doch …?!

Vincent Keymer (rechts) spielt abends Blitz-EM und nachmittags Jugend-WM. Und sollte der dem Jugendalter entwachsene Matthias Blübaum neben der Blitz-EM Lust auf noch mehr Schach bekommen, er wird an diesem Wochenende welches finden. | Foto: Maria Emelianova/chess.com

Dann ist da noch Vincent Keymer, wahrscheinlich derjenige unter allen Genannten, dem an diesem Wochenende das umfangreichste Programm bevorsteht. Bei der U16-WM wird Keymer als Mitfavorit ins Rennen gehen, für die Blitzschach-EM hat er sich obendrein angemeldet. Zeitlich müsste das zu bewältigen sein: Nachmittags spielt die Jugend ihre WM, abends beginnen die EM-Blitzpartien. Und, wer weiß, vielleicht spielt sich Vincent bei der WM unter Gleichaltrigen so warm, dass er direkt im Anschluss auch bei der EM ein Wörtchen mitzureden vermag.

Wer von den Beteiligten vorzeitig ausscheidet oder lieber an einer anderen Veranstaltung teilnehmen möchte, bei der sich der eine oder andere Top-10-Spieler und womöglich auch der Weltmeister tummelt, der findet an diesem Wochenende weitere Alternativen. Am Samstag und Sonntag läuft bei chess.com die mit 10.000 Dollar dotierte Bullet Championship. Obendrein ist am Samstag bei Lichess die nicht so hoch dotierte, aber umso prestigeträchtigere Titled Arena im Bullet angesetzt.

Auf chess.com steht an diesem Wochenende die Bullet Championship auf dem Programm.

Außerdem wird vom 19. bis 22. Dezember fast die komplette Weltelite der Frauen an den virtuellen Brettern sitzen. Der „European Online Women’s Chess Club Cup“ steht auf dem Programm, unter anderem mit der deutschen Spitzenspielerin Elisabeth Pähtz, die allerdings für das topgesetzte Team aus Monte Carlo das vierte Brett besetzt. Gleichwohl sind drei deutsche Vereine dabei, nominell am besten bewertet die Vertretung aus Schwäbisch-Hall. Knapp dahinter der SC Bad Königshofen 1957 sowie der Hamburger SK.

Die Jugend-WM- und Blitz-EM-Partien werden auf der Plattform Tornelo gespielt. Zu verfolgen sein werden sie voraussichtlich auf allen gängigen Übertragungskanälen. Die Deutsche Schachjugend wird außerdem am Samstag ab 16 Uhr auf ihrem Twitch-Kanal die Partien der Jugend-EM zeigen, voraussichtlich mit einem Fokus auf die drei deutschen Teilnehmer. Die DSJ hat unter anderem Jana Schneider fürs Kommentieren gewonnen.

Livestreams der Spieler wird es nicht geben, sie sind nicht erlaubt. Felix Meißner, Teil der deutschen Delegation, hatte sich danach erkundigt und erfahren, dass das Reglement solche Streams verbietet. Im Sinne des Fair Plays müssen alle Teilnehmer während der laufenden Partien von den Schiedsrichtern zu sehen und zu hören sein. Jemand, der live kommentiert, würde den Anti-Cheating-Inspektoren ihre Aufgabe schwierig machen.

Alexander Donchenko (rechts) spielt gelegentlich Onlineschach, glaubt aber, dass das seinem Turnierschach nicht hilft. Liviu Dieter Nisipeanu sieht das so ähnlich. Die deutsche Nummer drei hat gar angekündigt, mit dem Schach aufzuhören, sollte künftig nur noch online gespielt werden. | Foto: Deutscher Schachbund

„Immer dieses Online-Schach-Gedaddel. Wann wird denn wieder richtig gespielt?“, mag jetzt der eine oder andere Leser denken. Andere mögen sich fragen: „Blübaum, Keymer, schön und gut, aber was, bitteschön, ist mit Alexander Donchenko?“

Tatsächlich ist Donchenko nicht nur Matthias Blübaums derzeit ärgster Konkurrent um den Spitzenplatz der deutschen Rangliste. Nach mehreren Medienauftritten in der jüngeren Vergangenheit schickt er sich obendrein an, Elisabeth Pähtz als erster Botschafter unseres Spiels abzulösen. Donchenko sieht in Onlineschach tatsächlich nur einen Zeitvertreib, der seinem Turnierschach nicht hilft. Wahrscheinlich deswegen fehlt sein Name auf der Blitz-EM-Teilnehmerliste.

Zehn Tage noch, dann steigt er wieder in den Ring. Alexander Donchenko hat sich für das Open in Krakau angemeldet, das am 27. Dezember beginnt.

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