Schleichende Entmachtung

Lang ist die Liste der Leute, die den Abgang von Andreas Jagodzinsky bedauern. Nicht zuletzt DSB-Präsident Ullrich Krause steht darauf, er bedauert ihn sogar „sehr“. Mit Jagodzinsky verliert die DSB-Spitze einen der letzten Mitstreiter, die mit Menschen auf beiden Seiten des Grabens reden.

Noch beim Kongress in Magdeburg profitierte Krause von der Gabe Jagodzinskys zu vermitteln. Unter Jagodzinskys Moderation führten die DSB-DSJ-Verhandlungen zu einem Modell, in dem außer dem „e.V.“ nicht viel übrig ist von dem, was sich die DSJ anfangs vorgestellt hatte.

Andreas Jagodzinsky.

Und doch war bei diesem Kongress schon ein Indiz zu sehen, dass Jagodzinsky nicht mehr das Vertrauen des Führungsduos genießt. In den Jahren zuvor hatte der Leistungssportreferent stets den Hauptausschuss und den Kongress geleitet. Dieses Mal öffnete sich überraschend eine Mottenkiste, heraus kam Horst Metzing (72), und der tat sich erwartbar schwer damit, das wie selten zuvor von Emotion und Polemik geprägte Geschehen in geordneten Bahnen zu halten.

Andreas Jagodzinsky redet mit Leuten, das machte ihn nicht nur wertvoll für das Führungsduo, sondern auch verdächtig. Spätestens seitdem Jagodzinsky sich Mitte des Jahres auf Anfrage dieser Seite (mit der zu sprechen DSB-Mitarbeitern verboten ist) zum Ausraster Elisabeth Pähtz‘ auf Twitter und während der Deutschen Online-Meisterschaft eingelassen hatte (siehe dieser Bericht), galt er als potenzielles Informationsleck im System – und wurde nicht mehr als nötig einbezogen.

Jagodzinsky ahnte davon lange nichts. Als Fenner und Krause nach dem Kongress versuchten, einen neuen Sportdirektor im DSB zu installieren (siehe dieser Bericht), sagte Jagodzinsky auf Anfrage dieser Seite, das halte er für sehr unwahrscheinlich. „Davon wüsste ich.“ Tatsächlich wusste er es nicht. Der für Leistungssport verantwortliche Referent war beim Schnellschuss in Sachen Sportdirektor nicht gefragt worden.

Die Baustelle der finanziellen Zusagen

In welchem Maße er nicht mehr gefragt wird, wenn es darum geht, Goodies an einzelne Spieler zu verteilen, fiel Jagodzinsky jetzt zufällig auf. Schon vor seiner Rücktrittsankündigung hatte er laut seinem Brandbrief finanzielle Zusagen des Bundestrainers an Spieler moniert, „die mir als zuständigem Referenten nicht bekannt waren“ (alle Leistungssportausgaben bis 500 Euro müssen vom Referenten genehmigt werden, alle darüber vom Referenten und einem Mitglied des Präsidiums). Direkt nach dem Gipfel erinnerte Jagodzinsky alle Beteiligten per E-Mail, dass ihm geplante Ausgaben mitzuteilen sind.

Als Jagodzinsky jetzt aus der DSB-Geschäftsstelle die aktuelle Liste mit Einnahmen und Ausgaben des Leistungssports erreichte, sah er, dass die Baustelle der finanziellen Zusagen hinter seinem Rücken eine neue Dimension angenommen hatte. Vor dem Masters in Magdeburg, aber in einem anderen als dem Kongress-Hotel, war ein ausgewählter Nationalspieler in den Genuss eines dreitägigen Trainings mit einem Top-20-Großmeister gekommen. Honorar dafür: 3.000 Euro. Hotelkosten für Spieler, Bundestrainer und einen Begleiter: 1.188 Euro.

Jagodzinsky wusste nichts von diesem Training. Er forderte Belege aus der Geschäftsstelle an und sah den vom Bundestrainer unterschriebenen Honorarvertrag. Daraufhin schrieb er eine lange E-Mail, in der er diese und andere Baustellen aufführt und seinen Rücktritt ankündigte.

Ob ein Präsidiumsmitglied das Sondertraining am Leistungssportreferenten vorbei genehmigt hat? Und wenn ja, welches?

Andreas Jagodzinsky teilt auf Anfrage mit, dass er über seinen internen Brandbrief hinaus nicht Stellung nehmen möchte. „Auf dem Hauptausschuss stehe ich selbstverständlich für Nachfragen zur Verfügung.“ Bundestrainer Dorian Rogozenco ließ eine Anfrage dieser Seite unbeantwortet. Die Vizepräsidentin Sport Olga Birkholz (die am ehesten für hochdotierte Trainings zuständig wäre) ließ die Antwort offen. Sie sprach auf Anfrage von „Regeln der Stellvertretung und Untervollmacht“. Auf eine Anfrage beim DSB-Pressesprecher haben wir verzichtet.

(Titelfoto: Deutscher Schachbund)

Wird fortgesetzt. Demnächst: Was ist eigentlich bei den Nationalmannschaften los?

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[…] Schleichende Entmachtung […]

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[…] sei erst mit Andreas Jagodzinsky der „einzige verlässliche Partner“ der Spieler isoliert worden, bis er seinen Rücktritt ankündigte. Wenig später folgte Frauen-Kapitän Alexander […]

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[…] an der Seite des Leistungssportreferenten Haltung zu zeigen, wurde dieser Referent monatelang entmachtet, bis er das sich ausbreitende System aus Gefälligkeiten, Lagerdenken, Ignoranz und alternativen […]

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[…] war zum einen die Sache mit dem Sportdirektor. In seinem Streben, Andreas Jagodzinsky als Referent abzusägen und jemanden Hauptamtliches unter sich zu installieren, hatte unser Geschäftsführer im […]

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[…] vergeben, kein Wunder. Es war großes Pech, dass ausgerechnet jetzt unserem Schachbund erst der eine Referent, dann der andere abhanden gekommen […]

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[…] Teeküchenfragen durcheskaliert. Und der nächste Schulz war schon gefunden, dieses Mal hieß er Jagodzinsky, und auch diese Sache wurde durcheskaliert, bis drei Köpfe gerollt waren, die Nationalspieler […]

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[…] Referenten für Leistungssport ist vakant, seitdem es Andreas Jagodzinsky zum Hauptausschuss 2020 niedergelegt hat. Hertnecks Kandidatur ist mit dem „Team Krause“ abgesprochen. Von dort ist kein Störfeuer […]

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[…] Formalien. Der schleichend kaltgestellte Andreas Jagodzinsky kann jetzt in einem 14-seitigen Papier schwarz auf weiß nachlesen, dass unter […]

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[…] Die Entlassung war die Folge einer Entwicklung, in deren Verlauf erst der Leistungssportreferent zurückgetreten war, dann der Kapitän der Frauen-Nationalmannschaft zurückgetreten war, dann 12 von 19 […]

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[…] per E-Mail an den DSB den Wechsel einzutüten versuchte, assistierte sogleich der beim DSB längst in Ungnade gefallene, aber noch im Amt und daher in Noppes‘ E-Mail-Verteiler befindliche Leistungssportreferent […]

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[…] Fragen war seitens der Delegierten nichts zu hören, nur der unter Marcus Fenner und Ullrich Krause schleichend entmachtete Andreas Jagodzinsky erhob das Wort. Nachdem dessen Einlassungen im Kongressprotokoll vertuscht […]