Die Könige unter den Kickern: das Trendspiel Schach bei der Fußball-EM

Trainingslager von Nationalmannschaften jeglicher Sportarten sind ein trefflicher Ort, um Trendspiele auszukundschaften. Bei der in Herzogenaurach einquartierten Fußball-Nationalmannschaft zum Beispiel steht jetzt abseits der Trainingseinheiten „Cornhole“ hoch im Kurs, ein aus den USA importiertes Spiel, das im Deutschen den hässlichen Namen „Sackloch“ trägt.

Nicht viel geschmeidiger klingt „Rundnetz“, darum wird dieses ebenfalls in den USA erfundene Trendspiel im Deutschen meist „Roundnet“ genannt. Oder „Spikeball“, wie Frederik Svane und Dmitrij Kollars sagten, als sie neulich im DSB-TV berichteten, was im Trainingslager der Schach-Nationalmannschaft gespielt wurde: Spikeball und Lasertag.

Die Schachfreunde (v.l.) Sané, Kimmich, Musiala und Henrichs bilden die Schachspielerfraktion im DSB-Quartier in Herzogenaurach, bei weitem nicht das einzige Quartier, in dem zwischen den Trainingseinheiten mit Ball Denksport betrieben wird. | Fotomontage, Spielerfotos: Thomas Boecker/DFB

Während der Fußball-Europameisterschaft fällt jetzt ein Trendspiel auf, das anders als Sackloch und Rundnetz nicht ganz neu, sondern viele hundert Jahre alt ist, eines, das gerade weltweit eine erstaunliche Renaissance erlebt, eines, mit dem sich Frederik Svane und Dmitrij Kollars von Berufs wegen recht gut auskennen. Schach ist auch im Profifußball en vogue wie nie.

Werbung

Die Elitekicker und ihre Coaches nehmen das Spiel nicht nur als Zeitvertreib wahr, auch als Werkzeug, das hilft, auf dem Fußballplatz unter Druck die Übersicht zu wahren und bessere Entscheidungen zu treffen. Nebenbei stillt es die Lust des Sportprofis auf Wettkampf. Schach ist bei vielen Teams der Fußball-EM mit von der Partie.

Die Schachfreunde Kimmich und Esipenko am Rande des WR Chess im Februar 2023 in Düsseldorf.

Wenn am Sonntagabend in Frankfurt die Deutschen und die Schweizer aufeinandertreffen, dann stehen zwei dieser Teams auf dem Platz. An der Seitenlinie wird ein Schachspieler dirigieren. „Ich vergleiche Fußball mit Schach“, erklärte Nati-Coach Murat Yakin nach dem 3:1 seiner Jungs über Ungarn, bevor er erläuterte, wie er seine elf Figuren siegbringend arrangiert hatte. Mindestens drei Schweizer Spieler teilen die Leidenschaft ihres Trainers: Silvan Widmer, Leonidas Stergiou und Vincent Sierro. Letzterer, neu im Team, gilt als bester Schachspieler im Schweizer Kader.

Im Schachklub des DFB-Kaders ist diese Hackordnung nicht eindeutig geklärt. Benjamin Henrichs, Joshua Kimmich, Leroy Sané und Jamal Musiala bilden die Schachspielerfraktion. Sicher ist nur, das hat Henrichs gegenüber Sportreporter Günter Klein eingestanden, dass Kimmich etwas besser ist als Henrichs – trotz seiner Tendenz, in Zeitnot zu geraten.

Daniel Henrichs mit seinem Teamkollegen bei RB Leipzig, dem spanischen Nationalspieler Dani Olmo.

Henrichs darf sich dafür als Gründer des DFB-Euro24-Schachklubs verstehen. Sein Fußballclub RB Leipzig fördert die Beschäftigung der kickenden Angestellten mit der Königin der Spiele. In Leipzig wetteifert Henrichs meistens mit dem spanischen Nationalspieler Dani Olmo, dem er bei der EM am 6. Juli in Berlin auch auf dem Fußballfeld als Gegenspieler begegnen könnte. Ein Viertelfinale Deutschland vs. Spanien liegt in der Luft.

Schach spielte Henrichs im DFB-Team anfangs allein. Aber als Kimmich sah, wie sich Henrichs auf seinem Handy mit der Schach-App beschäftigte, forderte er den Kollegen sogleich heraus. Dann sollten sich die Schachfreunde Sané und Musiala dazugesellen, und der Club war vorerst komplett, neue Mitglieder nicht ausgeschlossen.

Die Schachfreunde Vogts und Bonhof machten einst den Anfang: Bericht im Spiegel für Abonnenten.

Dass im Fußballteam der Schachnation Georgien Schachspieler mitwirken, liegt nahe. Khvicha Kvaratskhelia, Flügelstürmer des SCC Neapel, ist einer von denen. Ein anderer, EM-Qualifikationsheld Budu Zivzivadze, musste sich in jungen Jahren sogar entscheiden, ob er auf die Schach- oder die Fußballkarte setzt.

Der Stürmer vom Karlsruher SC verband das eine mit dem anderen. Er entschied sich für Fußball als Beruf und Schach als Fortbildungstool, das ihm hilft, strategisch zu denken und schnelle Entscheidungen zu treffen. Vor der EM hat Zivzivadze mit Exweltmeisterin Nona Gaprindashvili eine Trainingspartie absolviert.

Werbung
Nona Gaprindashvili und ihr Sohn David empfangen Budu Zivzivadze (links). Im Hintergrund das signierte Messi-Trikot, dass die argentinische Fußball- der georgischen Schachlegende zum 80. Geburtstag geschenkt hat. | Foto: Natia Logua

Den besten Schachspieler unter den Euro-24-Fußballern stellt das serbische Team, wie jetzt die FAZ berichtet. Dejan Joveljić dürfte mit einer Elozahl von 2217 sogar der weltweit beste Schachspieler unter den Profifußballern sein (GM Simen Agdestein, norwegischer Nationalspieler im Schach und Fußball, ist schließlich längst zurückgetreten). Im serbischen Team klafft zum zweitbesten Schachspieler eine Leistungslücke. „Srđan Babić spielt mit einem Onlinerating zwischen 1600 und 1700 sehr gut“, lobt Joveljić aus der sicheren Distanz von einigen hundert Punkten.

chess.com-Profil von Dejan Joveljic.

Am Dienstag können sich die beiden Serben auf dem Fußballplatz mit jemandem messen, der Schach von der RB-Leipzig-Schachschule zur „Herrelandsholdet“, der dänischen Nationalmannschaft, mitgebracht hat. Über Yussuf Poulsens Beziehung zum Schach und seine Fähigkeiten ist öffentlich wenig bekannt. Aber ein vom dänischen Team veröffentlichtes Foto legt nahe, dass er auf dem Brett weiß, was er tut. Leider zeigt das Bild nicht, wer die weißen Steine führt. Die Stellung legt nahe, dass sich im dänischen Team jemand noch besser mit Schach auskennt als Poulsen.

Die meisten Schlagzeilen als schachspielender Fußballprofi hat zuletzt jemand aus dem englischen Team gemacht, einer von mehreren Schachspielern der “Three Lions”. In diversen Interviews vor der Europameisterschaft hat Harry Kane seine Schachgeschichte erzählt, der Klassiker: Pandemie, „Queen’s Gambit“ geguckt, selbst gespielt und dabei geblieben, wer kennt es nicht.

Kane spielt Zehn-Minuten-Partien auf chess.com. Sein Rating gibt er mit etwa 1200 an und sagt, er habe auch im Kreise der Kollegen beim FC Bayern München schon die eine oder andere Partie ausgetragen. Für den besten Schachspieler im Bayern-Team hält Kane jemanden, der für Frankreich Europameisterschaft spielt: der französischen Linksaußen Kingsley Coman. Was Joshua Kimmich von dieser Einschätzung hält, ist nicht bekannt.

Natürlich geht es im großen Spiegel-Gespräch mit Harry Kane in erster Linie um Fußball, aber am Rande auch um Schach (für Abonnenten).
Was die Holländer zwischen den Trainingseinheiten machen? Ist doch klar.
4.5 8 votes
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest

5 Comments
Most Voted
Newest Oldest
Inline Feedbacks
View all comments
trackback

[…] Die Könige unter den Kickern: das Trendspiel Schach bei der Fußball-EM […]

werewulf
werewulf
20 Tage zuvor

Ein weiterer Aspekt könnte die Art und Weise sein, wie Schachspieler ihre Züge planen und oft mehrere Szenarien gleichzeitig im Kopf durchspielen. Dies spiegelt die Denkweise eines Fußballspielers wider, der während eines Spiels ständig die Positionen seiner Teamkollegen und Gegner überwachen muss. Schach entwickelt außerdem analytisches Denken und Problemlösungsfähigkeiten, die auch auf dem Fußballplatz sehr nützlich sind. Einige Spieler haben möglicherweise sogar erkannt, dass sie durch Schach ihre Entscheidungsfähigkeit verbessern und unter Druck ruhig bleiben können. Diese Fähigkeiten haben mir persönlich auch geholfen, selbstbewusster andere Spiele bei https://casinostreber.com/ auszuwählen. Früher machte ich mir große Sorgen, wenn ich um etwas spielte,… Weiterlesen »

Sebastian
Sebastian
1 Monat zuvor

Danke für diesen sehr gut recherchierten Artikel! Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel.

Schachspielende Fußballstars sind beste Werbung für unseren Sport. Vielleicht ergeben sich ja auch „neue Synergien“, das wäre klasse.

werewin
werewin
20 Tage zuvor

Danke für diesen sehr gut recherchierten Artikel! Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel.

Thomas Richter
Thomas Richter
1 Monat zuvor

Ich war neugierig und habe mir den Dejan Joveljic mal angeschaut: FIDE-Elo 2217 stammt aus 4,5/9 in _einem_ rein serbischen Turnier – Niederlage gegen den Letzten (alternder FM Baujahr 1947), Sieg gegen den Vorletzten (Elo 2037) und sieben Remisen. Partien wohl nicht öffentlich – jedenfalls denkbar, dass einige (darunter vier IMs) dem prominenten elolosen Teilnehmer ein Remis gönnten. Danach konnte er im Schnell- und Blitzschach dieses Niveau nicht ganz bestätigen. Im Blitz spielte er ein Rundenturnier mit 8 GMs unter den 16 Teilnehmern, wieso das denn? Nun, das hatte er selbst organisiert (und womöglich auch finanziert). Danach auch die EM… Weiterlesen »