Kastellaun! Heureka!

Was können Schachvereine tun, um potenzielle Neuzugänge an sich zu binden? Die Frage war schon drängend, bevor die Pandemie begann. Die Zahl der erwachsenen Mitglieder von Schachvereinen stagniert bundesweit seit Jahren, während immer mehr junge Leute an der Schwelle zum Studium/Berufsleben dem organisierten Schach verlorengehen. Jetzt ist die Frage umso drängender, weil im Lauf der Corona-Monate Schach im Internet einen nie dagewesenen Boom erlebt – eine Chance auch für das Vereinsschach.

Wie kann sich der gemeine Schachverein eine Scheibe von diesem Boom abschneiden? Der SC ML Kastellaun, nach eigenen Angaben die beste Adresse für Schachliebhaber im Hunsrück, demonstriert auf seiner Homepage ein verblüffend einfaches Rezept, und das sieht so aus:

Heureka! Oben auf der Seite prangt ein Button, und wer darauf klickt, kann sich direkt dem quicklebendigen Lichess-Team des Vereins anschließen. Niedriger kann die Hürde fürs Mitmachen kaum liegen.

Jeder Verein mit einem Team bei Lichess oder einem Club bei chess.com sollte so einen Button möglichst prominent auf seiner Homepage platzieren. Womöglich würde allein der dafür sorgen, dass demnächst die Zahl der organisierten Schachspieler real steigt, sodass sich unser Schachbund die Wirklichkeit nicht länger künstlich schönrechnen muss.

Sogar Vereinskleidung haben sie in Kastellaun, hier vorgeführt von der ersten Mannschaft des Rheinland-Pfalz-Ligisten. Das Foto haben wir der Homepage des Vereins entnommen. Wer die abgebildeten Herren sind, steht dort leider nicht.

Generell sieht es aus, als habe sich der SC ML Kastellaun mit der Corona-Krise besser arrangiert als manch anderer. Und vernünftiger: Während die Schach-Ärzte am 13. März eine Schachmeisterschaft für austragbar hielten, hat der Verein aus dem Hunsrück auf sein Open verzichtet, das am 13. März beginnen sollte. Stattdessen haben die Kastellauner Richtung Online-Schach umgeschwenkt. Fast täglich bieten sie einen Wettbewerb an, besonders für Jugendliche. Der Verein ist auf Facebook, Twitter, Instagram präsent, zwei junge Vereinsmitglieder streamen regelmäßig auf Twitch, einer unterhält einen Youtube-Kanal. Natürlich sind die Kastellauner auch in den Quarantäneligen dabei, derzeit als Sechstligist.

Obendrein haben sie sich in der neuen Deutschen Schach-Online-Liga (DSOL) angemeldet. Dort kreuzte der Rheinland-Pfalz-Ligist jetzt in der Liga 1B zum Auftakt die Klingen mit dem achtfachen Deutschen Mannschaftsmeister SG Porz. Und das führt uns zu Kastellauns Frank Schneider, der am vierten Brett mit den weißen Steinen seiner Neigung erlag, zu Beginn der Partie eine Schablone abzuspulen, anstatt nach dem besten Zug zu suchen. Nach 1.e4 c6 2.d3 d5 3.Sd2 e5 4.Sgf3 Ld6 stand es so:

Frank Schneider (1788) – Robin Gallasch (2024)
DSOL Liga 1B, SC ML Kastellaun I-SG Porz I

Natürlich ist die Versuchung groß, hier und in den folgenden Zügen per 5.Le2 oder 5.g3 usw. usf. per altindischer oder königsindischer Schablone Bedenkzeit zu sparen. Aber wer dem Schwarzen Probleme stellen will, der zieht an dieser Stelle das giftigere 5.d4, und Schwarz wird sich ein bisschen auskennen müssen, um komfortables Spiel zu finden. Wir haben dieses Abspiel unlängst in unserer Rezension der Caro-Kann-DVD von Marco Baldauf kurz beleuchtet:

Ihre Klimax erreichte besagte Partie 25 Züge später.

Weiß hat sich ordentlich durchgefressen, materiell sieht das mehr als gut aus. Aber Schwarz droht tödlich 31…Lh2+ nebst 32…Lg1.

Tatsächlich kämpft Weiß angesichts der schwarzen Drohung ums Überleben, und es gibt nur einen Zug, der den Weißen in der Partie hält.

Welchen?
(Du willst lösen? Klicks aufs Brett.)

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