Drei Monate vor der Präsidenten-Wahl beim Schachbund: Vorteil Krause

Die Wahl zum DSB-Präsidenten könnte entschieden sein, bevor sie begonnen hat. Amtsinhaber Ullrich Krause ist nicht nur die Überraschung gelungen, jetzt schon vier Monate ohne Pleite, Panne und Peinlichkeit zu absolvieren. Obendrein hat er einen Zug ausgeführt, den sein Mitbewerber Christian Kuhn kaum wird parieren können: Ralph Alt soll Vizepräsident Sport werden.

An Juristen im Rentenalter fehlt es dem organisierten Schach nicht, sie sind überrepräsentiert, aber DSB-Ehrenmitglied Alt ist unter dieser Spezies gewiss derjenige mit dem gewichtigsten Namen, zumal in der Schachfunktionärsszene. Es ist noch gar nicht lange her, da sollte Alt sogar Krause ablösen und selbst Präsident werden.

2019 war das, aber Alts Gesundheit ließ eine Kandidatur nicht zu. Statt seiner und statt dem wie immer als potenzieller Präsident genannten, aber abwinkenden Michael S. Langer stieg Badens Schachpräsident Uwe Pfenning in den Ring.

Ralph Alt soll Vizepräsident Sport werden. | Foto: Wolfgang Galow

Angesichts der Personalie Alt sehen wir kollektives Nicken der Funktionärshäupter. Aus dem Funktionärsfunk hören wir, dass das bislang nicht existente Team Christian Kuhn nun entweder glänzende Personalien und Ideen präsentiert, oder die Sache sei für den Herausforderer gelaufen. Sogar auf die in der Causa Alt naheliegende Frage, ob unserer verkrusteten Schachorganisation nicht mit jungen Praktikern aus Vereinen viel mehr gedient wäre als mit Ehrenmitgliedern aus der Verwaltung, finden die Funktionäre leicht eine Antwort.

Birkholz will kandidieren

In der Wahrnehmung des Schachverwalters bestehen die akuten Probleme des organisierten Schachs ja nicht in dessen katastrophaler Außendarstellung, in der von Krause/Fenner forcierten Erosion vertrauensvollen Miteinanders, im daraus folgenden fortgesetzten Verlust engagierter Leute oder darin, dass der DSB eigentlich alles, was in seinem Leitbild als Handlungsmaxime steht, seit 18 Jahren Tag für Tag verhöhnt. Nein, zuallererst sieht der Schachverwalter am Horizont eine Reform der Beitragsordnung und der Satzung kommen, und dafür bedarf es – genau, eines veritablen Juristen.

Männer sind beim Deutschen Schachbund vertretungsberechtigt. Die erste Vizepräsidentin in der fast 150-jährigen Geschichte der Organisation ist es nicht.

Trotz dieser weitgehenden Einigkeit über die Personalie, gänzlich ohne Malus im Stil wird die Installation Alts nicht verlaufen. Unser Schachbund hat ja eine Vizepräsidentin Sport, die erste Frau im Präsidium in seiner fast 150-jährigen Geschichte. Wie mit der umgegangen wird, changiert zwischen Kaltstellen und offenem Mobbing. Würde Olga Birkholz sich diese demütigende Konstellation nicht länger antun wollen, es wäre verständlich. Andererseits empfindet sie Leidenschaft für die Sache.

Auf Anfrage dieser Seite teilt Birkholz mit, sie plane, als Vizepräsidentin Sport zu kandidieren. Der geplante Wechsel auf ihrer Position ist allem Anschein nach nicht mit ihr abgesprochen. Nun bedarf es keines Hellsehers, um vorauszusagen, was passiert, wenn auf der einen Seite Birkholz sitzt, auf der anderen Alt, und sieben Dutzend Schachkongress-Funktionäre sollen zwischen diesen beiden entscheiden. Würde Birkholz nicht abgewählt, das wäre eine Sensation.

Als sie vor zwei Jahren gewählt und Klaus Deventer abgewählt wurde, war das ein Erdbeben – vor allem für Ullrich Krause, den dieser Verlust bis heute erschüttert. Krause wollte sich auf Deventer als mit Abstand wichtigsten Teil seines „Teams“ stützen, auf jemanden, der den Laden seit Jahrzehnten kennt und den Passus „Dienstaufsicht“ im DSB-Organigramm mit Inhalt und Handlungen füllen könnte.

Dem Vernehmen nach will beim kommenden Kongress Breitenschachreferent Hugo Schulz (unten rechts) sein Amt abgeben. Damit wäre neben Öffentlichkeitsarbeit und Leistungssport ein drittes Referendariat vakant.

Nun stand Krause alleine da, und anstatt zu führen und aufzusehen, stützte er sich auf jemand anderen, auf seinen Geschäftsführer. Der müsste dem von ihm vermittelten Schein nach ja sogar in der Lage sein, zu Fuß über den Atlantik zu laufen, wie Andreas Jagodzinsky in der „Schach“ süffisant angemerkt hat. Also verband Krause sein Funktionärsschicksal auf Gedeih und Verderb mit dem seines Geschäftsführers.

DSB-Geschäftsführer Marcus Fenner. | Foto: Deutscher Schachbund

In der Rückschau hat sich direkt nach Deventers Abgang schon in der Causa Jordan die Neigung Marcus Fenners offenbart, Konflikte ohne Not eskalieren zu lassen. Allen Ernstes versuchte Fenner, auf DSB-Kosten einen Gegen-Deutschland-Cup zu organisieren, der nicht dem Schach, sondern einzig dem Zweck diente, die Existenz des Turnierorganisators Dirk Jordan zu untergraben. Wir haben diesen maßlosen Unfug (Details siehe dieser Bericht) seinerzeit „Posse“ genannt. Im Kontext der Maßlosigkeiten, die seitdem geschehen sind, war das freundlich.

Nachdem Jörg Schulz Hausverbot bekommen hatte, wäre das ein Anlass gewesen, Wege zu finden, zur Zusammenarbeit im Sinne der gemeinsamen Sache zurückzukehren. Aber auch diese Angelegenheit wurde über ein lähmendes Jahr lang bis zur Kongressdebatte über Toiletten- und Teeküchenfragen durcheskaliert. Und der nächste Schulz war schon gefunden, dieses Mal hieß er Jagodzinsky, und auch diese Sache wurde durcheskaliert, bis drei Köpfe gerollt waren, die Nationalspieler revoltierten und die Sportschau verwundert feststellte, dass das Spiel zwar in aller Munde, aber sein Verband damit beschäftig ist, sich selbst zu zerlegen.

Jeder Krause-Nachfolger müsste als erstes die Fenner-Frage beantworten, bevor er sich ans Werk macht. Ullrich Krause stellt sich diese Frage nicht. Aber sein Zug, Olga Birkholz rauszukegeln und stattdessen Ralph Alt zu installieren, mag nicht nur im Sinne seiner Wiederwahl helfen, er mag auch seine Führungs- und Dienstaufsichtsschwäche kompensieren.

https://twitter.com/CmielThorsten/status/1333844047065182209
ChessBase-Autor Thorsten Cmiel stellt auf Twitter regelmäßig die #FennerFrage.

Alt wird sich nicht wie Boris Bruhn widerstandslos sämtliche Zuständigkeiten wegnehmen lassen, um sich zumindest am Amt erfreuen zu können. Er wird sich nicht wie Olga Birkholz kaltstellen lassen, ohne aufzubegehren. Er wird auch nicht wie Thomas Cieslik präventiv kapitulieren. Und er repräsentiert mit seiner Superjuristenvergangenheit wahrscheinlich genau die Sorte Mensch, die Fenner für eine Respektsperson hält und ihr gegenüber entsprechend auftritt.

Die von Jagodzinsky in der „Schach“ aufgeworfene Frage, wer beim DSB eigentlich der Chef ist, würde sich womöglich beantworten, wenn Krause von Beginn an klarstellt, dass zwischen ihn und Ralph Alt kein Blatt Papier passt. Ralph Alt könnte Ullrich Krauses ersehnte Stütze sein, die nach Deventers Abwahl weggebrochen war.

Boris Bruhn (l.) und Ullrich Krause. | Foto: FIDE

Der Wechsel im Amt der Vizepräsidentin Sport wird nicht der einzige im neuen Krause-Präsidium sein. Der Vizepräsident Finanzen Hans-Jürgen Weyer wird aufhören. Anstatt die Kasse beim DSB zu hüten, zieht es ihn zurück zum Berufsverband der Geowissenschaftler, dessen Geschäfte er seit Mitte der 80er-Jahre fast drei Jahrzehnte geführt hat. Wer ihm als DSB-Finanzchef nachfolgen soll, hat sich zumindest nicht bis an den Bodensee herumgesprochen. Wahrscheinlich steht es noch nicht fest.

Dem Vernehmen nach wackelt der Vizepräsident Verbandsentwicklung Boris Bruhn. Zumindest wird Ullrich Krause das seit dem Abwahlantrag vor einem Jahr anhaltende Rumoren über diese Personalie in seinen Gremien nicht überhören. Leider gilt in diesen Gremien Bruhns Position als nebensächlich. In erster Linie herrscht unter den Paragrafenfachleuten eine gewisse Orientierungslosigkeit über der Frage, wofür der Vizepräsident Verbandsentwicklung eigentlich da ist.

Wie wäre es mit dem, was seit 18 Jahren im DSB-Leitbild steht und was seit 18 Jahren verhöhnt wird? In welchem Maße die DSB-Führung auf ihr Leitbild pfeift, wurde in den Pandemiemonaten besonders deutlich. Im Leitbild unseres Schachbunds sind als Handlungsmaximen für die DSB-Führung unter anderem diese Sachen festgeschrieben:

  • Offen für neue Entwicklungen
  • Richtet sich an aktuellen Veränderungen und Bedürfnissen aus
  • Dienstleister für alle Schachspieler
  • Positives, ausstrahlungskräftiges Bild in der Öffentlichkeit
  • Modernes Marketing
  • Zeitgemäße Außendarstellung
  • Entwickelt Angebote innerhalb und außerhalb der Vereine
  • Moderner, abwechslungsreicher Spielbetrieb

Ein Vizepräsident für Entwicklung, der den Verband im Sinne dessen entwickelt, was das Leitbild ohnehin seit 18 Jahren vorgibt, im Sinne dessen, was gerade akuter ist denn je, wäre mal eine schöne Abwechslung. Und, endlich, ein Schritt ins 21. Jahrhundert.

Und Christian Kuhn?

Tja. Lange nichts gehört von Christian Kuhn. Im Sinne seiner Wahl ist seine Unsichtbarkeit ein Riesenproblem, weil schon vor seiner Kandidatur nie jemand irgendetwas von Christian Kuhn gehört hatte. Wenn diese Kandidatur scheitert, wird das in erheblichem Maß damit zu tun haben, dass immer noch niemand weiß, wer dieser Mann ist, wofür er steht, was er denkt und sagt und anpacken will, wie er sich im Zwiegespräch anfühlt. Warum Kuhn nicht seit Wochen aus allen Rohren feuert, um das zu ändern, ist kaum zu verstehen.

Noch hat Christian Kuhn keine Hand am Steuer. | Foto: privat

Gehen wir davon aus, dass Kuhn in naher Zukunft den einen oder anderen Impuls, die eine oder andere Idee aussendet. Aber angesichts des schwerfälligen Apparats, den er steuern möchte, werden solche Impulse Zeit brauchen einzusickern, geschweige denn zu überzeugen. Und die Uhr tickt. Wer sich vergegenwärtigt, dass fast ein Jahr verstrich, bis Ullrich Krause die Pandemie als Chance fürs Schach erkannte und entsprechend handelte, der sieht, dass angesichts der typischen Trägheit im organisierten Schach drei Monate bis zur Wahl wenig Zeit ist. Zu wenig eigentlich.

Dem Vernehmen nach ist Kuhn gerade damit beschäftigt, Workshops abzuhalten und Ideen zu sammeln. In seine Arbeitsgruppen hat er sehr gute bis exzellente Leute eingeladen, teilweise aus der Schmitt-Hensel-Bode-Liga, teilweise junge Macher aus Ländern und Vereinen, teilweise Vertreter freier Strukturen außerhalb des traditionellen organisierten Schachs. Die Konzepte und Pläne, die dort entstehen, sollen das Gerüst für sein Wahlprogramm bilden. Und so hat Kuhn gute Aussichten, dereinst als derjenige nicht gewählte Präsidentschaftskandidat mit dem bei weitem besten Programm aller Kandidaten jemals in die Geschichte der Schachverwaltung einzugehen.

Und wenn beide nicht gewählt werden?

Gelutscht ist der Wahldrops gleichwohl nicht. Dafür ist das Entsetzen über den DSB anno 2019/20 in weiten Kreisen der Funktionäre in den Ländern zu weit verbreitet. Zwar findet die Personalie Alt allgemeine Zustimmung, bestimmt ist Krause seinem Herausforderer jetzt einen Schritt voraus, aber definitive Zustimmung zur Personalie Krause vernehmen wir aus den Ländern bislang nicht. Eher eine Tendenz. Und die Ansage, dass von Kuhn endlich etwas kommen muss, wenn er zumindest eine Chance haben will, gewählt zu werden.

Robert K. von Weizsäcker – Wikipedia
Robert von Weizsäcker. | via Wikipedia

Möglich ist auch das Szenario, dass beide nicht gewählt werden. Es wäre nicht das erste Mal. Als 2017 Ullrich Krause Herbert Bastian herausforderte, war der Laden ähnlich gespalten wie heute, wenngleich aufgrund einer ganz anderen Gemengelage. Im ersten Wahlgang fielen beide Kandidaten durch, und es wurde spontan ein bis dahin nicht auf den Wahlzetteln stehender Dritter gefragt, ob er es machen möchte. Horst Metzing lehnte ab, dann zog Bastian zurück, Krause wurde Präsident.

Die Frage ist, wer 2021 dieser Dritte sein könnte, wenn beide Kandidaten durchfallen. Klar ist nur, wer es nicht ist.

Vor Monaten schon, etwa zur Zeit des Sportschau-Beitrags, ist plötzlich der mittlerweile im Ruhestand befindliche DSB-Ehrenpräsident Robert von Weizsäcker aus der schachlichen Versenkung aufgetaucht. Er nehme weiterhin Anteil und sehe Anlass, sich einzubringen, signalisierte von Weizsäcker. Kaum war er im Kreis der Zoom-Opposition erschienen, erreichte ihn die Anfrage, ob er sich vorstellen kann, noch einmal als DSB-Präsident zu kandidieren. Weizsäcker winkte ab.

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