Wer baut das perfekte Brett? Von der Suche nach einem Verkaufsschlager

Es war zu gut, um wahr zu sein, Schmuckstück und technisches Wunderwerk in einem: ein elektronisches Schachbrett, auf dem die Figuren von selbst ziehen, ruckelfrei und so schnell, dass selbst Blitzpartien möglich sind. Kompatibel mit jeder Online-Schachplattform, außerdem schön anzuschauen wie ein Turnierbrett der gehobenen Kategorie. Das Regium-Brett löste in der Schachszene wochenlang Wirbel aus – bis es sich als Masche entpuppte, die mit höchster Wahrscheinlichkeit ersonnen worden war, um potenziellen Unterstützern Geld aus der Tasche zu ziehen.

Die Neugierde, die das Wunderbrett hervorrief, hat den Anbietern auf dem Schachmarkt offenbart, dass hier eine Nachfrage besteht, die zu befriedigen Geld wert wäre: ein Brett, mit dem sich geschmeidig Online-Schach spielen lässt, auch Blitz, ohne auf den Bildschirm starren zu müssen. Die Erkenntnis, dass eine unerwartet große Nachfrage befriedigt werden will, hat eine erstaunliche Dynamik unter Produzenten und Online-Schach-Anbietern ausgelöst.

Lässt sich so ein Brett zu einem vertretbaren Preis bauen? Es wäre ein Verkaufsschlager.

Maschinen, die Schachfiguren bewegen, faszinieren den Betrachter, seitdem Wolfgang von Kempelen 1781 in Wien Kaiser Joseph II. und Großfürst Paul I. seinen Schachtürken präsentierte. 200 Jahre später versuchten Schachcomputer-Hersteller, diese Faszination in klingende Münze zu verwandeln. Zum Beispiel kam 1982 der „Novag Robot Adversary“ auf den Markt, zu erwerben für stolze 1.500 Euro, ein Gerät, das die Figuren per Roboterarm übers Brett bugsierte. Im Jahr darauf setzte Spiel-Riese Milton Bradley den „Grandmaster“ dagegen, unter dessen Brett eine Magnet-Plotter-Technik die Figuren zieht. Beide Maschinen galten seinerzeit als revolutionär.

Bis in die späten 2000er-Jahre kamen immer wieder derartige Geräte auf den Markt. Keines von denen war ein kommerzieller Volltreffer, weil keines von denen zuverlässig seinen Dienst verrichtete. „Mechanik verschleißt. Je günstiger sie produziert ist, desto eher“, sagt Schachcomputer-Experte Benjamin Aldag von Topschach.de. Beim neuesten Gerät mit Roboterarm etwa, dem „Novag 2robot“ (2008), falle in der Regel nach einiger Zeit die Kalibirierung des aus Plastik gefertigten Roboterarms aus. Bei Geräten, die mit Plottertechnik und Magneten unterm Brett arbeiten, ermüde die eingesetzte Spannfeder. „Zuverlässige mechanische Lösungen ließen sich durchaus konstruieren, aber die wären so teuer, dass niemand die Geräte kaufen würde“, sagt Aldag.

„Mechanik verschleißt“: Der Plastikarm des Novag2Robot ist eine wackelige Angelegenheit. Wackelt es zu sehr, verliert die Technik die Orientierung. | Foto: Topschach.de

2016 ein neuer Ansatz, nicht ausschließlich ein traditioneller Schachcomputer, sondern in erster Linie ein Brett, geeignet für Online-Schach. Per Crowdfunding via Kickstarter und Indiegogo sammelte Square Off mehr als 750.000 Dollar für sein Schachbrett mit Bluetooth-Verbindung zu einer App ein, mehr als das Zehnfache des ursprünglich gesetzten Ziels. Die Entwicklung verzögerte sich wegen technischer Schwierigkeiten, aber 2018 wurden die Geräte ausgeliefert. Auch die Square-Off-Bretter beinhalten mit der ermüdenden Feder unterm Brett ein potenzielles Mechanik-Problem, aber sie funktionieren. 2020 initiierte Square Off eine zweite Finanzierungsrunde für neue Produkte, mehr als 600.000 Dollar kamen zusammen.

Das Square-Off-Brett, ein veritables Produkt, aber meilenweit entfernt von der perfekten Lösung, die Regium nur per Video präsentieren konnte.

Von der perfekten Lösung, die Regium Anfang 2020 per Video präsentierte, ist Square Off meilenweit entfernt: zu langsam, zu klobig. Und doch hat auch Square Off von der Aufmerksamkeit um Regium profitiert. Kaum hatte sich offenbart, dass das Wunderbrett ein Wunschtraum bleiben wird, initiierte Square Off einen „open box sale“. Die Square-Off-Bretter, bis dahin ausverkauft, waren auf wundersame Weise plötzlich wieder verfügbar.

DGT-Chef Hans Pees.

Aufgeschreckt vom Wirbel um Regium, setzten derweil andere Produzenten elektronischer Bretter ihre Entwickler auf das Thema an. In einem ersten Experiment versuchte Aldag für die Firma DGT, die Technik nachzubauen. Er kam zu dem Schluss, dass die erforderlichen Elektromagneten ein Brett mit der Regium-Funktionalität zu einem 20 Zentimeter hohen, kostspieligen Klotz machen würden. DGT-Chef Hans Pees sagt auf Anfrage: „Dynamiken im Markt gibt es immer, und wir arbeiten immer an Innovationen. Aber wir reagieren nicht öffentlich auf Produktideen, die gerade in den Nachrichten sind.“

Millennium-Chef Thomas Karkosch.

„Die Idee von Regium war genial“, sagt Millennium-Chef Thomas Karkosch im Gespräch mit dieser Seite. „Selbstziehende Figuren, das ist per se toll – wenn es schnell funktioniert, fehlerfrei und nicht kaputtgeht.“ Im Prinzip würde er so ein Projekt gerne anpacken. „Aber alle Entwickler, die ich frage, heben abwehrend die Hände.“ Gleichwohl sei es ein zentrales Ziel seines Unternehmens, Kunden ein elektronisches Brett anzubieten, mit dem sie möglichst komfortabel online Schach spielen können. Nur eben voraussichtlich eines ohne selbstziehende Figuren.

Auch auf Seiten der Onlineschach-Anbieter hat Regium Dynamik ausgelöst. Lichess-Vater Thibault Duplessis hatte sich bislang stets dagegen gewehrt, elektronischen Brettern den Zugang zu seiner Plattform zu gewähren, um potenziellen Cheatern keine Einfallschneise zu schaffen. In den Wochen nach Regium die Kehrtwende: Lichess öffnete seine Schnittstelle – mit dem Argument, dass sich nun Bastler daran versuchen sollen, das ersehnte Brett fürs Onlineschach zu entwickeln, das Regium nur per Video präsentiert hatte.

chess24-Chef Sebastian Kuhnert.

Die Schnittstelle zur Spielplattform ist auch bei chess24 Gegenstand der Debatte. Anlässlich des Magnus-Carlsen-Invitational ist chess24 eine Partnerschaft mit Millennium eingegangen. Offen ist, ob chess24 seine in Neuentwicklung befindliche „Playzone“ exklusiv für Millennium-Geräte öffnen wird, sie komplett öffnet oder eine andere Lösung anstrebt. „Dazu ist noch nichts entschieden“, teilt chess24-Chef Sebastian Kuhnert auf Anfrage mit.

Das nächste Brett mit selbstziehenden Figuren ist schon angekündigt. Ein Team von Entwicklern in der indischen Stadt Bangalore arbeitet unter dem Projektnamen „Rolling Pawn“ daran, eine günstige Alternative zum DGT-Brett zu erschaffen. Als Extra zum Brett ist ein Roboterarm nach Plotterprinzip geplant, der die Figuren ziehen kann. Entwickler Jaydeep Chakrabarty sieht potenzielle mechanische Fehler als Herausforderung: „Sollten wir scheitern, haben wir es zumindest versucht und können daraus lernen. Ein erstes Scheitern bei der Entwicklung eines Roboterarms wird ja nicht generell Fortschritt und Entwicklung neuer Features unseres elektronischen Brettes behindern.“

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