Eine Krise, eine Sitzung und kein Ende

Einen Schachspieler zu finden, der Dorian Rogozenco für einen schlechten Trainer hält, ist schwierig. Rogozencos Fokus liege ganz auf dem sportlichen Erfolg, heißt es. Allerdings ist es leicht, Schachspieler zu finden, die sich einen anderen Weg zum Erfolg wünschen als den des Bundestrainers. Wer einen beliebigen Kaderspieler fragt, hat eine gute Chance, eine Geschichte zu hören, in der es um feldwebelhaften Umgangston geht – oder eine, in der der Coach lospoltert und den Austausch verweigert, wenn Strittiges zu klären wäre.  

Neu ist das nicht. Vor mehr als einem Jahr schon sollte an dieser Stelle erzählt werden, wie der Bundestrainer eine minderjährigen Kaderspielerin zusammenstaucht, bis Tränen fließen. Auf Bitten von Spielern ist die Geschichte seinerzeit nicht geschrieben worden: „Wir klären das intern.“ Wenig später wurde der freundliche Alexander Naumann als Coach für die Frauen verpflichtet.

Bundestrainer Dorian Rogozenco (2.v.l.), eingerahmt vom (v.l.) scheidenden DSB-Leistungssportreferent Andreas Jagodzinsky, Nachwuchstrainer Bernd Vökler, Geschäftsführer Marcus Fenner und Präsident Ullrich Krause. | Foto: Yves Reker

Ein Problem ist damit abgemildert, aber die Baustelle nicht aus der Welt. Betroffen ist auch die Herrenmannschaft. Nach dem internen Brandbrief, in dem jetzt DSB-Leistungssportreferent Andreas Jagodzinsky seinen Rücktritt ankündigte, bestätigen mit Matthias Blübaum und Rasmus Svane zwei Nationalspieler auf Anfrage dieser Seite, ihr Vertrauensverhältnis zum Bundestrainer sei gestört. Mit Georg Meier fordert gar ein anderer Nationalspieler öffentlich die Entlassung Rogozencos.

Selbiges hatte zuvor Andreas Jagodzinsky gefordert. Er teilt in seinem Schreiben an die DSB-Spitze mit, sein Verhältnis zum Bundestrainer sei schon „tiefgreifend erschüttert“ gewesen, bevor er von neuerlichen finanziellen Unregelmäßigkeiten hinter seinem Rücken erfahren habe. „In der Vergangenheit wurde der Bundestrainer mehrfach darauf hingewiesen, dass insbesondere gegenüber den Nationalspielerinnen ein wertschätzenderer Umgangston erwartet wird. Es handelt sich bei unseren Kaderspielerinnen nicht um Befehlsempfängerinnen, ja nicht einmal um Angestellte des DSB“, schreibt Jagodzinsky an die Funktionäre.

Gab es einen Beschluss? Man weiß es nicht.

Mit seinem offensichtlichen Kommunikationsdefizit steht der Bundestrainer beim Schachbund nicht alleine da. Wer bislang dachte, das Kommunikationsproblem unseres DSB beschränke sich auf die laienhafte Außendarstellung sowie das Fehlen jeglichen (seit 2012 im Leitbild festgeschriebenen) Marketings rund ums Schach, der erfuhr im Zuge dieser Angelegenheit, dass es auch intern nicht klappt mit der Kommunikation.

Die Online-Olympiade begann für die deutsche Mannschaft mit einer Krisensitzung in Magdeburg. Beteiligt: Spieler, sportliche Leitung, Präsidium. Ob etwas beschlossen wurde und wenn ja was, das haben verschiedene Beteiligte verschieden wahrgenommen.

Die Abschlussfeier in Magdeburg: Dorian Rogozenco mit Liviu Dieter Nisipeanu. | Foto: DSB

Sicher ist: Zu einem gemeinschaftlich getragenen Ergebnis führte diese Sitzung nicht, sie verschob und verschärfte die Krise, anstatt sie aufzulösen. Es folgten Nachbesprechungen im kleinen Kreis, deren Ergebnis die einen für bindend hielten, während andere von nichts wussten. Diese Vorgeschichte und das daraus resultierende Ende im Streit des deutschen Auftritts beim Nationenwettbewerb sind ein Glied in der Kette von Vorfällen, die zum Rücktritt des Leistungssportreferenten führten.

„Fassungslos“

Kurz vor Beginn des Turniers war Elisabeth Pähtz in die Schlagzeilen geraten, weil andere Zugriff auf ihren Lichess- und Youtube-Account hatten (mutmaßlich auch auf einen ihrer chess.com-Accounts). Das neuerliche Pähtz-Drama veranlasste Rasmus Svane und Matthias Blübaum, das Zusammenspiel mit Pähtz in einer Mannschaft zu verweigern.

Laut Jagodzinskys Schreiben hat der Bundestrainer Blübaum und Svane der Erpressung bezichtigt. Nach der Krisensitzung habe der Coach angekündigt, diese beiden bei künftigen Wettbewerben nicht mehr aufzustellen. „Das macht mich auch heute noch fassungslos“, schreibt Jagodzinsky.

Nach seiner Wahrnehmung war bei besagter Sitzung vereinbart worden, dass Pähtz nicht aufgestellt wird. Entgegen dieser Vereinbarung sei sie beim ersten (und letzten) Kampf in der finalen K.o.-Runde der Online-Olympiade doch eingesetzt worden.

Das unglückliche Ende der Online-Olympiade: Dennis Wagner fehlten im Armageddon 0,3 Sekunden, und Deutschland war draußen.

Und so spielt Elisabeth Pähtz auch in dieser Geschichte eine wesentliche Rolle, dieses Mal, ohne aktiv beteiligt zu sein. Aber sie ist Teil der Achse Fenner-Pähtz-Rogozenco, die sich abseits des Einfluss‘ des Leistungssportreferenten im Lauf des vergangenen Jahres als bestimmender Part des Geflechts von Koalitionen und Verbundenheiten im deutschen Leistungsschach gebildet hat. Ob Enthüllungen wie die von Jagodzinsky vorgebrachten ausreichen, diese Achse zu erschüttern, erscheint fraglich.

Nicht nur dem Bundestrainer, auch dem DSB-Chef fühlt sich Pähtz verbunden, seitdem der ihr Fördermittel erstritten hat. Im Gegenzug ließ der Schachbund in der Pähtz-Meier-Affäre keinen Zweifel daran, welchen der beiden beteiligten Nationalspieler er für wertvoller hält. Dieses Mal lassen Marcus Fenner und Ullrich Krause keinen Zweifel daran, dass sie den Rücktritt Jagodzinskys möglichst abmoderieren wollen, bevor der Leistungssportreferent im Dezember beim Hauptausschuss seine Seite der Medaille zeigt.

Jagodzinskys Schreiben an die Funktionäre nimmt Pähtz nicht als Enthüllung, sondern in erster Linie als Angriff auf einen Trainer wahr, den sie für seinen Fokus auf den sportlichen Erfolg schätzt. „Dorian verdanke ich, dass ich die 2500 Elo übersprungen habe“, sagt die deutsche Spitzenspielerin.

Nach ihrer Darstellung hat Rogozenco nie zugesagt, sie bei der Online-Olympiade außen vor zu lassen, vielmehr habe sie freiwillig zurückgezogen. Den Begriff „Erpressung“ hält Pähtz für gerechtfertigt, sie benutzt ihn selbst. Ohne Blübaum und Svane hätte die deutsche Mannschaft nicht immer vollzählig spielen können, das wäre peinlich gewesen. Also habe sie im Sinne einer kompletten Nationalmannschaft verzichtet.

„Unter diesen Umständen spielen wir nicht“

Für Matthias Blübaum und Rasmus Svane beginnt die Geschichte rund um die Online-Olympiade am 8. August, als die beiden Großmeister auf Lichess die Titled Arena spielten – ebenso wie einer oder mehrere Fremde, die mit Pähtz‘ Account in eben diesem Turnier für Aufsehen sorgten.

Tags darauf tauschten sich die beiden Nationalspieler über diesen Vorfall aus, Svane informierte den Bundestrainer per E-Mail. Am Dienstag, 11. August, „haben wir Dorian mitgeteilt, dass wir Bedenken haben, … mit Elisabeth in einer Mannschaft zu spielen und sehr in Erwägung ziehen, von der Mannschaft zurückzutreten, wenn er sich entscheidet, Elisabeth nicht aus der Mannschaft zu nehmen“, so Blübaum und Svane gegenüber dieser Seite.

Der Bundestrainer habe entschieden, Pähtz in der Mannschaft zu behalten. „Nach dieser Entscheidung, nach mehreren Gesprächen und nach Elisabeths öffentlichem Statement haben wir am späten Mittwochabend intern gegenüber Dorian erklärt, dass wir unter diesen Umständen nicht für die Mannschaft spielen werden.“

Die Nationalspieler Rasmus Svane (l.) und Matthias Blübaum bei der Schacholympiade 2018 in Batumi (Georgien). | Foto: FIDE

Der Bundestrainer habe sie gebeten, trotzdem nach Magdeburg zu kommen, um eine Lösung zu finden. Dort kam es zu besagter Krisensitzung am ersten Olympia-Spieltag, die die Bedenken der beiden Spieler nicht ausräumen konnte. Kurz darauf kam es noch einmal zu einem Gespräch mit Rogozenco: „Wir haben ihm mitgeteilt, dass wir bei unserer Entscheidung zum Rücktritt bleiben und nur bereit sind, an der Online-Olympiade teilzunehmen, falls Elisabeth für den Rest des Turniers nicht eingesetzt wird.“

Kurz vor der Mannschaftssitzung für den zweiten Turniertag habe Rogozenco ihnen gesagt, „dass Elisabeth zwar nicht offiziell aus der Mannschaft genommen wird, aber bei der Online-Olympiade nicht mehr eingesetzt wird“. „Um sicherzugehen, habe ich nachgefragt. Der Bundestrainer hat es mir daraufhin noch einmal bestätigt“, sagt Svane. Und so erklärten sich beide Spieler bereit, sich aufstellen zu lassen.

„Akzeptieren die Entscheidung nicht“

Auch für das wichtige K.o.-Match zum Auftakt der Finalrunde gegen Ungarn. „Ich war zu Hause und hätte gespielt“, sagt Svane. „Ich war bei der Polnischen Liga aktiv, aber hatte vormittags Zeit und hätte auch gespielt“, sagt Blübaum.

Beide erfuhren per E-Mail vom Bundestrainer, dass sie nicht eingesetzt werden, während andere Spieler erfuhren, dass sie mit von der Partie sind, ohne ihre Mitspieler zu kennen. Die bis dahin übliche Rundmail mit der Bekanntgabe der Mannschaftsaufstellung gab es an diesem Tag nicht. „Nach Absprache mit Matthias habe ich Dorian mitgeteilt, dass er, sollte er Elisabeth gegen Ungarn einsetzen, sich nach unserer Auffassung nicht an die in Magdeburg getroffene Vereinbarung hält“, sagt Svane.

Bald nach dem Match gegen Ungarn bot Andreas Jagodzinsky den beiden Spielern an, bei der Lösung der Situation zu helfen. „Wir haben ihm erklärt, dass wir Dorians Entscheidung, Elisabeth gegen Ungarn einzusetzen, nicht in Ordnung finden und sie nicht akzeptieren. Diese Entscheidung hat unser Vertrauensverhältnis zu Dorian Rogozenco gestört“, teilen Blübaum und Svane mit. „Zu weiteren Vorgängen, die nach dem Match mit Ungarn stattgefunden haben, möchten wir uns momentan nicht äußern.“

Die Anfrage dieser Seite beim Bundestrainer bleibt unbeantwortet.

(Wird fortgesetzt. Demnächst: Der Frauenkader – Problem gelöst oder abgemildert? Außerdem: Braucht der Leistungssport im DSB eine neue Struktur?)

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