Schachfeiertag mit dem Kremlsprecher

Klares Abgrenzen der FIDE vom russischen Schachverband“ hat DSB-Präsidentin Ingrid Lauterbach unlängst angemahnt. Passiert ist das Gegenteil. Am Weltschachtag 20. Juli hat der FIDE-Präsident seine Verbundenheit mit dem russischen Verband und dem Kreml in einem Maße demonstriert wie lange nicht. Arkady Dvorkovich feierte den Tag in Moskau mit dem Kreml-Sprecher und Putin-Vertrauten Dmitry Peskov, der einigen Persönlichkeiten des russischen Schachs das „goldenen Abzeichen“ des russischen Verbands verlieh.

Spiegel-Bericht zum Schachfeiertag im Moskauer Zentralschachklub und den Reaktionen darauf.

Beide, Peskov und Dvorkovich, haben im Jahr 2000 begonnen, für die russische Regierung zu arbeiten, der eine als Sprecher Putins und des Kremls, der andere als Berater des Ministers für wirtschaftliche Entwicklung. 2016 waren beide in die russischen Bemühungen involviert, die amerikanische Gesellschaft derart zu spalten, dass möglichst der russische Wunschkandidat Donald Trump US-Präsident wird; Peskov an zentraler Stelle, Dvorkovich als Figur am Rande.

Kreml- und Putin-Sprecher Dmitry Peskov am Rande der Schach-WM 2016 Carlsen vs. Karjakin, bei der, anders als bei der US-Präsidentschaftswahl 2016, sein Wunschkandidat nicht gewann. | Screenshot via CNN

Peskov gilt seit langem als Mitglied des innersten Zirkels von Vladimir Putin. Als dessen Stimme verbreitete er in den vergangenen Monaten unter anderem, das russische Militär schieße in der Ukraine nur auf militärische Ziele, die Ukrainer hätten Mariupol selbst zerstört oder das Massaker von Butscha sei eine ukrainische Inszenierung.

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2018/2019 trafen sich FIFA-Chef Infantino und FIDE-Chef Dvorkovich regelmäßig. Lange stand eine Kooperation der beiden Verbände zur Debatte. Offenbar ist daraus nichts geworden. | Foto via ruchess.ru

Dvorkovich behielt zwar Funktionen in der russischen Wirtschaft, aber nach einer Amtsperiode als stellvertretender Ministerpräsident führte sein Weg 2018 in den Sport, der den Regimes des Riesenreichs traditionell und nicht erst seit Putin als politisches Instrument dient. Erst organisierte Dvorkovich die Fußball-WM, Ende 2018 wurde er Weltschachpräsident. Einer der ersten Gratulanten: FIFA-Chef Gianni Infantino, der bei dieser Gelegenheit Dvorkovichs Verdienste am „Erfolg“ der WM 2018 in Russland betonte.

Die nationalen Verbände im Weltschach haben Dvorkovich vor knapp einem Jahr mit überwältigender Mehrheit im Amt bestätigt (bis 2026) – eine „sehr, sehr gute Nachricht“, wie Dmitry Peskov noch am selben Tag verkündete. Die latente Russlandnähe des Schach-Weltverbands, der viel mehr darauf bedacht ist, die Interessen russischen Schachmeister zu schützen als die ukrainischer, hat seitdem kein nationaler und kein Kontinentalverband thematisiert. Bislang hat sich das auch nach dem Moskauer Peskov-Dvorkovich-Auftritt vom Donnerstag nicht geändert.

Erste Äußerungen nach fast einem Monat der Stille: Als Arkady Dvorkovich Mitte März 2022 dem US-Magazin “Mother Jones” ein bemerkenswertes Interview gab – und zwei Tage später eine Gegenerklärung, verbunden mit seinem Rücktritt als Vorsitzender der Stiftung der russischen Hightech-Schmiede Skolkovo.

Beim russischen Schachverband sind Dvorkovich und Peskov Teil einer gemeinsamen Sache. Mit unter anderem Verteidigungsminister Sergei Shoigu bilden sie das Kuratorium des Verbands, dem bis vor wenigen Monaten auch Vladimir Kramnik angehörte, eine Personalie, die anlässlich der Einladung Kramniks zu den Dortmunder Schachtagen im Juni 2023 für Debatten sorgte. Schachtage-Chef Carsten Hensel sagte gegenüber ChessBase (sinngemäß), es sei nicht schlimm, mit Gangstern ein Gremium zu bilden, so lange dieses Gremium nicht tagt.

Wie jetzt am Schachfeiertag verlieh der russische Verband auch im April sein goldenes Abzeichen – an den deutschen Bundestrainer Yuri Yakovich. | Foto: Vladimir Barsky/ruchess.ru

Nach eigenen Angaben seit 2021 vergibt der russische Verband sein „goldenes Abzeichen“: „die höchste Anerkennung besonderer persönlicher Verdienste um die Entwicklung und Popularisierung des Schachs in Russland“. Schon die Verleihung dieses Abzeichens im April 2023 in Moskau hatte das Potenzial, außerhalb Russlands für Aufsehen zu sorgen. Ausgezeichnet wurde – der deutsche Bundestrainer. Yuri Yakovich erklärte bei dieser Gelegenheit, er halte den russischen Verband „für eine vorbildliche Sportorganisation“.

Den deutschen Verband traf dieser Auftritt seines Frauencoaches unvorbereitet, änderte aber nicht die Attitüde gegenüber dem 2021 verpflichteten Wunsch- und Weltklassetrainer. Yakovich soll die potenziell stärkste deutsche Nationalmannschaft der Frauen jemals weiter entwickeln, und er wird sie voraussichtlich zur Mannschafts-WM im September 2023 in Polen begleiten. Der 60-Jährige sei eine untadelige Persönlichkeit, als Schachtrainer eine Institution und nicht zuletzt der Wunschtrainer der Spielerinnen, heißt es. Mit deutschen Behörden und Institutionen, auf deren Sportfördermittel der DSB-Leistungssport angewiesen ist, sei das Engagement des Russen abgesprochen. Alle Entwicklungen, auch die vom April 2023, würden transparent und in Absprache gehandhabt.

Nun, am 20. Juli 2023, wurden im repräsentativen Moskauer Zentralschachklub wieder goldene Abzeichen verliehen. Diesmal blieb es weltweit nicht unbemerkt. Zwar stört sich kein Offizieller des Schachs vernehmbar an Peskovs Auftritt in Moskau, aber in der Schachszene ist Protest ausgebrochen, der lauter und heftiger ausfällt als bei anderen Russland-Eskapaden der FIDE in der jüngeren Vergangenheit.

„Genocide una sumus“ dichtete der englische Schachmeister Howard Staunton (1810-74), der als scharfzüngiger Beobachter des heutigen Schachs auf Twitter weiterlebt. Staunton spielte auf das FIDE-Motto “Gens una sumus” (“Wir sind eine Familie”) an – und auf das stumme Mitläufertum der unter dem Dach der FIDE versammelten nationalen Verbände.

Allen voran protestierte das Ehepaar Cmilyte-Nielsen: GM Viktorija Cmilyte-Nielsen, Parlamentspräsidentin in Litauen, empfindet es als „Schande“, dass Dvorkovich den internationalen Tag des Schachs mit Putins Freunden verbringt. Ihr Mann Peter Heine Nielsen, Trainer von Magnus Carlsen, sagt, Peskov gehöre nach Den Haag vor Gericht, nicht zum Schach. Die wiederholten Appelle beider an Schachverbände und führende Funktionäre, sich zumindest zu äußern, verhallten.

“Eine Familie? Fahrt zur Hölle!” Während der FIDE-Chef und der russische Verband in Moskau Schach feierten, hoffte in Odessa Großmeister Mikhail Golubev, dass ihn keine der auf seine Heimatstadt abgefeuerten russischen Raketen trifft.

Internationale Berichterstattung über Peskovs Auftritt, weder von Schach- noch allgemeinen Medien blieb aus – außer in Deutschland, wo Florian Pütz‘ Bericht im Spiegel zur einer dpa-Meldung führte, die sich am Freitag rasch in deutschsprachigen Blättern verbreitete. Aber die „heftige Kritik“ am FIDE-Chef, die der Spiegel wahrgenommen hat, gibt es nur in den Sozialen Medien, und der “Ruf aus Deutschland”; Dvorkovich abzusetzen, kommt von einem Einzelnen. Die „Rebellion“, die gar die Frankfurter Rundschau ausgemacht hat, gibt es gar nicht.

Am System des Weltverbands mit seinen Gefälligkeiten und Abhängigkeiten perlt wahrscheinlich auch diese Affäre ab. Dvorkovichs Wahlsieg 2022 über den ukrainischen Ökonom und GM Andrii Baryshpolets mit 157:16 Stimmen spiegelt, was unverändert gilt: Die Wirklichkeit im russisch geprägten Weltschach-Apparat ist eine andere als die, die außerhalb des Apparats debattiert wird.

Dvorkovich mache die FIDE und das internationale Schach an ihrem Feiertag zum Juwel des Kremlins, rücke den Verband und seinen Sport in die Nähe von Kriminellen. Das sei „ein unglaublicher Skandal“, sagt Paul Meyer-Dunker, Präsident des Berliner Schachverbands. Meyer-Dunker fordert, der DSB müsse die neueste Entwicklung verurteilen und ein Verfahren vor der Ethik- und Disziplinarkommission der FIDE anstreben.

Mit FIDE-Kritik und öffentlichen Handlungsaufforderungen an den DSB war der DSB-Angestellte Meyer-Dunker schon im vergangenen Jahr speziell in den Wochen rund um Dvorkovichs Wiederwahl aufgefallen. Dem Vernehmen nach hat sich seinerzeit FIDE-Generalsekretär Emil Sutovsky bei DSB-Geschäftsführer Marcus Fenner über dessen meinungsstarken Mitarbeiter beschwert – Mitauslöser für eine Krise beim DSB, die einerseits den Angestellten einen Betriebsrat bescherte, sich andererseits als Anfang vom Ende der Verbandsführung entpuppte.

Böse Anrufe aus der FIDE-Zentrale sind in Berlin diesmal nicht zu erwarten, es fehlt der Adressat. Offen ist die spannende Frage, ob sich die neue Verbandsführung in Deutschland zur Abhängigkeit der FIDE von und Nähe der FIDE zu diktatorischen Regimen deutlich positioniert. Sie wäre damit der einzige nationale Schachverband weltweit, der sich regt und eine Haltung erkennen lässt. Dafür würde der DSB einigen Applaus bekommen – außerhalb des Apparats.  


Nachtrag, 22. Juli: Kurz nach Erscheinen dieses Beitrags reagierte der DSB auf Twitter auf Nielsens Frage.

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Uwe Böhm
Uwe Böhm
10 Monate zuvor

Ich gratuliere zu dem tollen Artikel. Das ist Klartext. Beim DSB scheint man auch aufgewacht zu sein. Maßnahmen sind schon längst überfällig. Der Spruch “Gens una sumus” ist doch angesichts des Angriffs- und Vernichtungskriegs gegen die Ukraine der blanke Hohn. Man kann sich schon fragen, was die FIDE für die ukrainischen Schachspieler getan hat. Die Antwort ist klar. Nichts! Statt am Weltschachtag die in der Ukraine getöteten Schachspieler zu ehren und den ausgebombten und vertriebenen Schachspielerinnen die Solidarität der FIDE zu versichern, trifft sich der FIDE-Präsident mit maßgeblichen Kriegstreibern in Moskau. Der Gesamteindruck ist verheerend. Insofern hat der Herr Meyer-Dunker… Weiterlesen »

errdee
errdee
10 Monate zuvor

Super-Artikel mit klarer und nachvollziehbarer Positionierung! Vielen Dank – für mich als (normalerweise) nur stillen Mitleser ist es absolut unverständlich, wie und warum sich die Schachwelt nach wie vor um Dvorkovich und Konsorten dreht, die Putins Krieg stützen 🙁

Verena Meier
Verena Meier
10 Monate zuvor

Gens una sumus .,.. oder auch … Мы кучка убийц

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[…] gepriesene FIDE-Anti-Trans-Regel, nicht zuletzt Dvorkovichs öffentlicher Auftritt mit Kreml-Sprecher Peskov: Allen Beteiligten bot sich Einiges an, auf das sie die in Düsseldorf versammelten FIDE-Granden um […]

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[…] nicht kommen, er hatte einen anderen Termin. Am Feiertag des Schachs begegnete Dvorkovich in Moskau dem Sprecher von Vladimir Putin. | via Emil […]

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[…] Hauptsponsor der FIDE-Rapid-Team-WM auftrat, hat Nielsen das Engagement mehrfach in den Kontext der kremlnahen Dvorkovich-FIDE gestellt. Bei der 2024er-Auflage des Wettbewerbs wird nicht Nielsen, sondern wie gehabt […]

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[…] einem Jahr wurde der DSB von der Nachricht überrascht (siehe dieser Beitrag), dass Frauen-Bundestrainer Yuri Yakovich das „goldene Abzeichen“ des russischen Verbands […]

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[…] denn ukrainisches zu schützen. Im Juli 2023 feierte Dvorkovich den internationalen Tag des Schachs im Hauptquartier des russischen Verbands gemeinsam mit Putin-Sprecher Dmitry Peskov, mit dem er im Kuratorium des russischen Verbands sitzt. […]

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[…] am Randes des Schachmatchs in New York eine Delegation aus dem Kreml, angeführt von Putin-Sprecher Dmitry Peskov, den Kontakt zum Trump-Team. Nachzulesen ist das im nach Sonderermittler Robert Mueller benannten […]

Jim Knopf
Jim Knopf
10 Monate zuvor

Die Teilnahme russischer Spieler an Turnieren und die Aktivitäten russischer FIDE-Funktionäre sind zwei vollkommen verschiedene Paar Schuhe. Ersteres lässt sich sich nicht sinnvoll regulieren, weil die Benennung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine als ebensolchen in Russland als Straftat gilt – deshalb sind alle diesbezüglichen Vorschläge schlicht und ergreifend nicht umsetzbar, weder für die Profis noch für die vielen Amateure. Auf Lichess sind auch sehr viele Russen unterwegs, soll man die alle ausschließen!? Die Tatsache, dass der FIDE-Präsident ein führender russischer Politiker war bzw. ist, steht auf einem ganz anderen Blatt. Das ist in der Tat ein untragbarer Zustand, aber… Weiterlesen »

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[…] seiner ersten Partie gegen den Inder Venkataraman Karthik sandte Nakamura per Twitter ein charmant vergiftetes Dankeschön an den FIDE-Chef – in Form von Sonnenblumen, der ukrainischen Nationalblume, und […]

schachkatze
schachkatze
10 Monate zuvor

Der Artikel bringt alles aufbereitet und gut auf den Punkt – Genozid una sumus.

Mein Gefühl sagt mir, dass das neue DSB-Präsidium um Ingrid Lauterbach diese unangenehmen Dinge schweigend “aussitzen” wird.

Die breite Masse der Schachfreunde gibt sich aber schon mit Aussagen wie “Sport & Politik sollte man trennen” zufrieden und hält sich ansonsten raus. In der Gruppe der “Russland-Versteher” lebt man das Ganze noch mit Floskeln à la “Die USA/NATO/etc. sind doch die wahren Kriegstreiber” oder verweist auf die “berechtigten Sicherheitsinteressen Russlands”.

Jim Knopf
Jim Knopf
10 Monate zuvor

Man kann nur hoffen, dass Frau Lauterbach und Frau Gering die Alleingänge von Herrn Meyer-Dunker nicht tolerieren und dass sie ihm im Unterschied zu ihren Vorgängern klar und deutlich erklären, wer sein Arbeitgeber ist und wofür er sein Gehalt bezieht.

Da er im Beitrag nicht zitiert wird,ist das Interview mit Michael Langer zu der ganzen Thematik vermutlich schon in Arbeit…