„Glaube nicht mehr an einen Sinneswandel“: Georg Meier will weg

Georg Meier will nicht mehr für den DSB spielen. Diese Konsequenz zieht der langjährige Nationalspieler aus einem seit der Deutschen Internetmeisterschaft schwelenden Konflikt um einen beleidigenden Tweet von Elisabeth Pähtz, den zu löschen die Führungsriege des Deutschen Schachbunds ihre Spitzenspielerin nicht bewegen konnte.

Meier besitzt neben der deutschen die uruguayische Staatsbürgerschaft, künftig will er für Uruguay spielen. Dem DSB liegt eine Bitte des Großmeisters vor, auf die für einen Verbandswechsel fällige Gebühr (25.000 Euro) zu verzichten, damit er Gespräche mit dem uruguayischen Verband einleiten und schließlich wechseln kann, sollte sich die Situation in Deutschland nicht ändern.

„Ich staune, dass der DSB die Sache eskalieren lässt“

Meier beklagt die Doppelmoral auf Seiten des DSB: „Ich habe mit verantwortlichen Leuten gesprochen. Alle teilen die Auffassung, dass mir mit so einer vulgären öffentlichen Äußerung Unrecht getan wird. Trotzdem gibt es keinerlei Konsequenzen.“ Meier sieht darin einen Freibrief, „Kollegen öffentlich vorzuführen“. Weder wolle er das akzeptieren, noch für einen Verband ohne Haltung spielen.

Was vorher geschah, ein Ausschnitt aus dem Schachforum.

Ein verbales Twittergeplänkel zwischen Pähtz und Meier unmittelbar vor der Internetmeisterschaft war in besagtem verbalen Ausraster der deutschen Spitzenspielerin gegipfelt. Mehrere Hinweise an Pähtz, den Tweet zu löschen, verhallten ungehört. Erst als DSB-Leistungssportreferent Andreas Jagodzinsky sich einschaltete, verschwanden die Zeilen aus dem Netz. „Damit war die Sache für mich vom Tisch“, sagt Meier. Aber wenige Tage später postete Pähtz dieselben Zeilen erneut.

„Ich habe versucht, damit so konstruktiv wie möglich umzugehen“, sagt Meier. „Allen Beteiligten habe ich Gesprächsbereitschaft signalisiert und auf den neuerlichen Tweet nicht reagiert, um kein Öl ins Feuer zu gießen. Jetzt staune ich, dass der DSB die Sache eskalieren lässt.“

„Wir haben das Ansehen des Schachs zu pflegen“

Der DSB-Präsident habe ein Gespräch gemieden, stattdessen erst Geschäftsführer Marcus Fenner, dann Vizepräsidentin Olga Birkholz vorgeschickt. „Seitdem sich Elisabeth gegenüber Marcus Fenner geweigert hat, den zweiten Tweet zu löschen, von einer Entschuldigung ganz zu schweigen, hat sich in der Sache nichts mehr getan. Ich muss jetzt davon ausgehen, dass nichts Lösungsorientiertes mehr kommt.“

Nach Meiers Einschätzung möchte der Schachbund die Angelegenheit als privaten Konflikt zwischen zwei Menschen von sich wegschieben. „Mit privaten Beleidigungen, die gab es auch schon, kann ich umgehen. Aber die Sache bekommt eine andere Qualität, sobald Elisabeth sich öffentlich äußert – wir sind beide Nationalspieler und haben das Ansehen des Schachs zu pflegen. Ich sehe den DSB in der Pflicht einzuschreiten.“

Ende einer Ära? Georg Meier (rechts) bei der Schacholympiade 2018 am ersten Brett der deutschen Nationalmannschaft. | Foto: FIDE

Diese Seite hat am heutigen Sonntag beim Pressesprecher des DSB um eine Stellungnahme gebeten. Sobald sie vorliegt, wird sie in diesen Text eingearbeitet. Bis dahin müssen wir spekulieren, warum der Schachbund seine beste Spielerin nicht zur Räson ruft, und das führt uns zur Rechnung, den Wert von Sportlern an Fördergeldern festzumachen, auf die der DSB hofft.

„War immer stolz, für Deutschland zu spielen“

Laut Meier geht die DSB-Rechnung so: Der Verband wolle erreichen, dass Blitz- und Schnellschach vom DOSB als relevant anerkannt werden. Ist das geschafft, würde eine Top-drei-Platzierung Pähtz‘ bei einer WM einen Sprung des DSB in eine höhere Förderstufe auslösen. Unter derzeitigen Bedingungen sei die einzige Hoffnung des DSB eine Top-3-Platzierung der Männer bei der Schacholympiade.

Elisabeth Pähtz‘ Rücktritt aus der Nationalmannschaft ist gerade ein Jahr her. Nach der Abwahl ihres Gegenpols Klaus Deventer hat es der Schachbund geschafft, das belastete, teils vergiftete Verhältnis zur mit Abstand besten deutschen Schachspielerin zu reparieren. Mutmaßlich auch im Hinblick auf die vage Förderhoffnung will jetzt niemand einen neuerlichen Bruch riskieren. 

„Ich war immer stolz, für Deutschland zu spielen“, sagt Meier, der die uruguayische Staatsbürgerschaft seiner Mutter verdankt. Deren jüdische Mutter, Meiers Großmutter, lebte in Hamburg, bis sie sich einst vor den Nazis nach Uruguay retten konnte. Eher zufällig sei seine in Uruguay aufgewachsene, weitgereiste Mutter wieder in Deutschland gelandet.

Wie Meier beinahe Carlsen-Sekundant geworden wäre

Ende der 2000er galt Meier (32) als perspektivreichster deutscher Spieler. Von Vladimir Kramnik ist vor Meiers erster Teilnahme in Dortmund 2011 die Aussage überliefert, Meier, damals die Nummer zwei in Deutschland hinter Arkadi Naiditsch, werde für eine lange Zeit die deutsche Nummer eins sein – doch da hatte sich der junge Großmeister bereits entschieden zu studieren.

Meier gegen Kramnik 2011 in Dortmund. Kramnik sagte ihm während des Turniers eine große Schachzukunft voraus, aber Meier hatte schon entschieden zu studieren. | Foto: Georgios Souleidis

Beinahe wäre Georg Meier gar Sekundant von Magnus Carlsen geworden. Garry Kasparow hatte ihn 2010 als ersten Helfer ins Carlsen-Team geholt. Aber bei einer gemeinsamen Trainingssession mit Carlsen in Norwegen erfuhr Meier, dass Carlsen Kasparow gefeuert hatte. „Damit war ich auch raus. Magnus hat sich dann ein Team aus Freunden aus seinem Umfeld zusammengestellt.“

 Vier Jahre lang war Georg Meier Schachprofi mit einem Elo, der zwischen 2650 und 2670 pendelte. „Anfangs lief das sehr gut, als neues Gesicht bekam ich Einladungen zu Rundenturnieren der zweiten Reihe.“ Aber als sein Gesicht nicht mehr ganz so neu war, „musste ich Open und Ligen spielen“. Was fehlte, waren Vergleiche mit Spielern der Elite, „von denen ich lernen kann. Das wäre für meine Entwicklung unheimlich wichtig gewesen.“ Weil Meier keine Turniere fand, die ihn weiterbringen, entschied er zu studieren, „um mir ein zweites Standbein zu bauen“.

„Ich wäre südamerikanischer Spitzenspieler“

„Wenn damals Leute wie Kramnik und Kasparow mir riesiges Potenzial bescheinigt haben, fand ich das schmeichelhaft. Geteilt habe ich diese Einschätzung gar nicht einmal“, sagt Meier. Aber wenn er heute als Amateur nach einem Acht-Stunden-Arbeitstag in der Grenke-Bank noch ein wenig Online-Blitz spielt und die Nummer 15 der Welt aus einem Turnier kegelt, „dann verstehe ich, was sie gemeint haben“.

Meier gegen Carlsen beim Grenke Chess. | Foto: Eric van Reem

In der deutschen Nationalmannschaft spielt Georg Meier seit der Schacholympiade in Dresden 2008, bei der er am ersten Brett der zweiten deutschen Mannschaft mit einer Performance von knapp 2800 für Aufsehen sorgte. „Ich habe gar kein Rieseninteresse, für Uruguay zu spielen. Aber lieber vertrete ich ohne Honorar das Geburtsland meiner Mutter, als hier auf verbrannter Erde zu stehen. Ein Großteil meiner Verwandten lebt in Uruguay, ich wäre ein südamerikanischer Spitzenspieler, mein Wechsel würde der Schachszene im Land etwas bedeuten.“

Niemals könnte der Schachverband Uruguays die 25.000 Euro für einen Verbandswechsel aufbringen. Aber ohne Wechselgebühr dürfte Meier zwei Jahre nicht international spielen, bevor er gratis wechseln kann – außer der DSB stimmt dem Wechsel zu und erklärt, auf die Gebühr zu verzichten. „Ich hoffe, dass der DSB jetzt nicht noch nachtritt, indem er mich zwei Jahre lang auf Eis legt. Oder, besser noch, dass ein Sinneswandel einkehrt, aber ich glaube nicht mehr daran.“

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