Stefan Kindermann: „In Österreich halten sie mich für einen Piefke“

Vom Heranwachsenden, der nichts anderes wollte, als professionell Schach zu spielen, über den Schachgroßmeister, der es bis zu einer WM-Teilnahme brachte, bis zum Geschäftsführer der Münchener Schachakademie: Im ersten Teil unseres Gesprächs mit Stefan Kindermann haben wir seinen Lebensweg bis an die Spitze der Akademie in der bayerischen Landeshauptstadt nachvollzogen. Auch dort hat die Pandemie den Geschäftsbetrieb beeinflusst und verändert. Weil Begegnungen von Angesicht zu Angesicht schwer möglich sind, gibt es die Akademie jetzt auch online.

Heute zeigt uns Stefan Kindermann seine Lieblingspartie, die nach eigener Einschätzung wahrscheinlich beste, die er je gespielt hat. Und wir schauen auf andere Schachspieler – von Wolfgang Uhlmann bis Vincent Keymer – sowie auf deren Eröffnungen.

Schacholympiade Dubai 1986, links Stefan Kindermann am ersten Brett für Deutschland, wo er 7,5 Punkte aus 13 Partien erzielte. Außerdem (v.l.) Klaus Bischoff, Hans-Joachim Hecht (stehend), Jörg Hickl (verdeckt) und Detlef Heinbuch. | via Wikipedia

Herr Kindermann, warum spielen Sie unter österreichischer Flagge?       

Ich bin gebürtiger Österreicher, kam allerdings schon als Einjähriger mit meinen Eltern nach Deutschland. Wenn ich jetzt in Österreich bin, halten sie mich für einen Piefke. Ich kann leider gar kein Wienerisch. Meine Schachjugend, meine Schach-Ausbildung waren deutsch. Trotzdem hätte ich früher schon für Österreich gespielt, aber damals, als ich die Verhandlungen mit dem Österreichischen Schachbund führte, wurde Schach dort absolut nicht professionell gesehen. Selbst für Teilnahmen an Schacholympiaden hätte es keinerlei Honorar gegeben. Als Profi konnte ich das ja schlecht mitmachen. Im Lauf der Jahre habe ich sechs Schacholympiaden für Deutschland gespielt.

Als ich später nicht mehr richtig Profi war und auch nicht mehr stark genug für die deutsche Nationalmannschaft, hatte sich das Schach in Österreich stark professionalisiert. Also habe ich wieder den Kontakt gesucht. Der Wechsel verlief unproblematisch, ich bin ja österreichischer Staatsbürger. Dann habe ich noch zwei Schacholympiaden und einige europäische Mannschaftswettbewerbe für Österreich gespielt. Kürzlich erst bin ich im Online-Schach österreichischer Vizemeister geworden. Darauf bin ich stolz. Die gesamte österreichische Olympiamannschaft war am Start – inklusive Markus Ragger. Dass ich nur Vizemeister wurde, war sogar Pech. In der letzten Runde hätte mir ein Remis gereicht. Ich stand minimal besser und lag auch gut in der Zeit. Dann ist mir ein klassischer Mouse-Slip unterlaufen: Er schlug eine Figur von mir, ich wollte zurückschlagen, aber meine Dame ist leider ein Feld vorher stehengeblieben. (lacht) 

Das ist selbst Magnus Carlsen neulich passiert …

Ja, Carlsen sagte ganz entspannt, das gehöre dazu beim Online-Schach.

Aktuell ist Arkadij Naiditsch in den Schlagzeilen. Er will von der aserbaidschanischen Föderation zurück zur deutschen wechseln und wieder unter deutscher Flagge spielen, was bisher  abgelehnt wurde. Haben Sie dazu eine Meinung?

Bei Naiditsch war das Problem, dass er eine recht kontroverse Persönlichkeit war, dass es da offenbar sehr starke Spannungen gab, zumindest mit den Funktionären. Ich kann nicht sagen, wie ich mich dazu positionieren würde. Grundsätzlich ist es sehr gut, wenn das Team gestärkt wird. Die Frage ist dann halt, wie die Verträglichkeit im Team ist. Wenn jetzt die anderen Nationalspieler zum Beispiel sagen würden, sie fänden es auch gut, wenn Naiditsch wieder ins Team kommt – warum nicht. 

Wie sehen Sie unabhängig von dieser Personalie die Perspektiven der deutschen Nationalmannschaft, vor allem von der jüngeren Spielergeneration?

Matthias Blübaum und Alexander Donchenko sind offenbar sehr stark geworden. Mit Vincent Keymer wartet natürlich noch im Hintergrund ein großes Talent, wobei die einzelnen Spieler natürlich schon weiter sind in ihrer Entwicklung. Aber wie weit es noch nach oben geht, das wäre wirklich ein Blick in die Kristallkugel. Allerdings: Um absolute Super-Großmeister zu werden, sind Blübaum und Donchenko aus meiner Sicht fast schon zu alt. Trotzdem, möglich ist alles. 

Auf Aruba hatte der Schachmäzen Joop van Oosterom 1992 ein Trainingsturnier für die Polgar-Schwestern organisiert. Mit von der Partie: Stefan Kindermann. Den verband eine Freundschaft mit den Polgars, nachdem er in Budapest gemeinsam mit Judit trainiert hatte. „Superkonditionen für die Teilnehmer, alles sehr luxuriös. Ich wurde beim Turnier Vierter, damit war ich zufrieden. In diesem traumhaften Ambiente habe ich über meine Verhältnisse gespielt“, sagt Kindermann. | Foto: privat

Ihre Schachakademie befindet sich in München – wo die Schach-WM 2023 ausgetragen werden könnte. Was haben Sie davon gehört?

Soweit ich weiß, gab es im Stadtrat vor einigen Jahren einen Antrag, eine Schach-WM nach München zu holen. Wer dahinter stand, war sehr unklar, und das wurde damals abgelehnt, soweit ich weiß. Darüber hinaus kann ich auch nichts sagen. Der Münchner Oberbürgermeister ist der Schirmherr unserer Schachstiftung, ich habe aber trotzdem nichts Neues gehört. Wir würden uns über eine WM in München natürlich freuen.  

Wenn Sie hier eine Ihrer Partien zeigen könnten, welche wäre das? 

Meine Lieblingspartie habe ich sogar erst vor relativ kurzer Zeit gespielt, aus meiner Sicht die beste Partie, die ich je gespielt habe. Mir gelang es, 16 Züge vorauszurechnen.

Sie machen auch Eröffnungsvideos. Woher nehmen Sie die Themen?  

Das sind meine. Ich diskutiere natürlich mit den verantwortlichen Leuten bei ChessBase, denn die müssen ja beurteilen, ob mein Vorschlag ein Thema fürs Publikum ist. Nachdem ich ja selbst nicht mehr so im Schach drin bin, muss es ein Thema sein, von dem ich etwas verstehe. Ich hätte gar nicht die Zeit, mich zum Beispiel in eine Najdorf-Variante einzuarbeiten, das wäre nicht seriös, da bin ich kein Top-Experte. Es aber gibt ein paar Eröffnungen, in denen ich mich noch ganz gut auskenne. 

Georg Meier sagte neulich über die Französische Verteidigung:

„Würde ich heute nochmal mit Schach anfangen, würde ich nicht e4 e6 spielen, sondern e4 e5, klassische Eröffnungen. Ums Zentrum kämpfen und so weiter. Die klassischen Kasparow-Karpow-Partien im Spanier würde ich nicht nur studieren, sondern mich auf diesem Gebiet selbst entwickeln wollen. Natürlich kannst du mit Französisch ein Level von 2650 oder 2700 erreichen, aber wenn du gegen die Besten der Welt spielst, ist Französisch ein Handicap. Sobald sie sich auf dich eingeschossen haben, zeigen sie dir, deine Eröffnung ist minderwertig. So war das auch mit meinem Franzosen. Der funktionierte wunderbar, bis ich anfing, regelmäßig gegen 2700+-Leute zu spielen.“            

Was sagen Sie als Französisch-Anhänger dazu?

Französisch ist ja meine große Liebe seit vielen Jahren, ich bin einer von vielen Französisch-Fans. Mein Wissensstand ist, wenn man Französisch mit den modernen Supercomputern analysiert, dann wird es sicher etwas schlechter bewertet als zum Beispiel Berliner Mauer oder Najdorf. Und tatsächlich wird Französisch in der Weltspitze ja sehr selten eingesetzt, es gibt ja im Prinzip zurzeit niemanden, der Französisch als Hauptwaffe einsetzt. Es kann also sein, dass es etwas schwächer ist als Najdorf oder Berliner Mauer.

Mit Uschi Glas 2015. | Foto: privat

Meier sagt, dass es gegen 2700er schwer zu spielen ist. Der Punkt ist, dass man mit Schwarz gegen Top-Elite-Spieler mit jeder Eröffnung Probleme hat (lacht). Ich bin überzeugt, dass auch Georg Meier, wenn er frühzeitig zum Beispiel Spanisch oder was auch immer mit Schwarz gelernt hätte, trotzdem Probleme hätte gegen Top-Elite-Spieler. Vor allem ist es heutzutage problematisch, wenn man berechenbar ist, also wenn man praktisch nur eine Eröffnung im Repertoire hat. Das scheint mir auch Meiers Hauptpunkt in dem Interview gewesen zu sein. Ich kenne das Problem sehr gut, bin natürlich nicht auf dem Level wie Meier, aber in der Bundesliga habe auch ein paar Jahre gegen Leute um 2650 Elo gespielt – mit eben diesem Handicap.

Komischerweise ist Französisch in gewisser Weise eine deutsche Verteidigung. Wolfgang Uhlmann war mit der berühmteste Französisch-Spieler, dann Gerald Hertneck und ich selbst, jetzt die jüngere Generation, Georg Meier, Matthias Blübaum, Rasmus Svane, alle haben intensiv Französisch gespielt. Rainer Knaak darf man nicht vergessen, er ist auch ein großer Franzose. Der legendärste Franzose war natürlich Viktor Kortschnoi. Aber der hatte eben als absoluter Weltklassespieler ein viel breiteres Repertoire. Französisch war nur ein Teil davon.  

Wie kam es zu Ihrer Vorliebe für Eröffnungen wie Holländisch oder Französisch, die ja beide nicht zu den superseriösen zählen?

An meine Holländisch-Anfänge erinnere ich mich nicht mehr genau. Aber bei Französisch weiß ich es noch. Das war so Mitte/Ende der 80er-Jahre. Ich war ja e4-Spieler und hatte gegen Französisch immer Probleme. Das hat mich dann so genervt, dass ich dachte, es wäre doch eine Idee, das jetzt auch mal selbst mit Schwarz zu spielen und mir von meinen Gegnern zeigen zu lassen, was man dagegen macht. Meine Gegner haben mich allerdings niemals überzeugt, deshalb bin ich bei Französisch geblieben. 

Genau so ging es mir auch mit meinen Französisch-Anfängen, wenngleich natürlich ungefähr tausend DWZ-Punkte unterhalb von Ihnen..

Und, zufrieden mit Französisch? 

Ja, mit vereinzelten Ausnahmen bin ich sehr zufrieden damit. Ich spiele es vor allem gegen Leute, von denen ich weiß, dass sie mit Weiß von Französisch genervt sind.

Bei mir ist natürlich ein Schwachpunkt, dass ich aktuell gar keine Zeit mehr habe, mich mit Theorie zu beschäftigen und dadurch sehr unflexibel bin. Das ist in der 2. Bundesliga schon ein Nachteil, wenn man nichts anderes spielen kann als zum Beispiel Französisch. Die Gegner können sich drauf einschießen. So eine Eröffnung hat mehr Effekt, wenn sie überraschend kommt. Bei Holländisch war es früher teilweise so, dass die Weiß-Spieler regelrecht entnervt waren. Jeder hat irgendeinen Eigenbau gespielt, der nicht gut war. Inzwischen ist das für die Schwarzen ein bisschen schwieriger geworden. Lustig finde ich, dass Holländisch sehr starke Emotionen auslöst. Es gab oder gibt viele Topspieler, die eine richtige Verachtung oder einen Hass auf Holländisch empfinden, das berühmteste Beispiel war Viktor Kortschnoi. Aber auch mein Mannschaftskollege Nigel Short hat mir zum Beispiel schon Vorträge gehalten, wenn er gesehen hat, dass ich Holländisch gespielt habe. Vor allem über die Leningrader Variante sagt er, das könne man nicht spielen.

Aber er spielte doch selber mal Holländisch, zum Beispiel im Kandidaten-Wettkampf 1991 gegen Jonathan Speelman? 

Ja, eine Zeit lange spielte Nigel Holländisch, aber nur Stonewall. Heutzutage glaube ich auch, dass Stonewall solider ist als Leningrader. Leningrader ist trotzdem spielbar, aber schwierig, man kann es kaum standardisieren. 

Stefan Kindermann: Die Kunst des Königsangriffs - Nach dem Trainingssystem der Münchener Schachakademie
Wie Stefan Kindermann die Kunst des Königsangriffs beherrscht, lässt sich anhand der oben kommentierten Partie nachvollziehen.

5 4 votes
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
4 Comments
Most Voted
Newest Oldest
Inline Feedbacks
View all comments