WM-Herausforderer dank Sputnik V: Nepomniachtchi muss jetzt abspecken

Bevor der WM-Herausforderer sich ausführlich äußerte, trat der russische Schach-Lautsprecher auf den Plan. Die Impfung mit Sputnik V sei ein wesentlicher Faktor für Ian Nepomniachtchis Erfolg gewesen, erklärte Andrei Filatov, Chef des russischen Verbands. Geschützt spiele es sich sicherer, sagte Filatov gegenüber der Nachrichtenagentur TASS und im chess.com-Interview. Bei Nepos nicht geimpften Mitbewerbern habe unterbewusst die Angst mitgespielt, sich zu infizieren. Das könnte auch beim kommenden WM-Kampf eine Rolle spielen. Als Norweger habe Magnus Carlsen keinen Zugang zu Sputnik V.

„2016 stand schon Sergej Karjakin kurz vor dem Sieg. Hoffen wir, dass dieses Mal das Glück auf unserer Seite ist“: Andrei Filatov (M.) mit seinen Nationalspielern Ian Nepomniachtchi und Sergej Karjakin. | Foto: FIDE

Noch einen Erfolgsfaktor hat Filatov ausgemacht: die Pause nach der ersten Hälfte des Turniers. Um Nepomniachtchis körperliche Verfassung sei es nicht zum Besten bestellt, sein Spielstil gleichwohl sehr energieintensiv. Auch bei Wettbewerben mit der russischen Nationalmannschaft gelte es, den Moment abzupassen, in dem Nepo müde wird, und ihm eine Pause zu gönnen.

Für sieben Partien reiche seine Energie, danach werde sein Spiel instabil. „Darum dachten wir, dass Ian beste Chancen hat zu gewinnen, sollte das Turnier unterbrochen werden.“ Aber für das Match gegen Magnus Carlsen werde die russische Nummer eins an ihrer Fitness arbeiten müssen.

Die körperliche Verfassung sei neben der psychologischen mitentscheidend für den Erfolg in einem Match, wie es nun auf Nepomniachtchi wartet. „Ich glaube an Ian“, sagte Filatov. „Ich habe ihn gebeten, sich nicht auf seinen Lorbeeren auszuruhen, sondern sofort mit der Arbeit zu beginnen.“ Darauf habe er gut reagiert.

Bei der Pressekonferenz nach dem Kandidatenturnier bedankte sich Nepomniachtchi bei seinem Team, das vielleicht noch mehr Glückwünsche verdiene als er: Vladimir Potkin, Ildar Khairullin, Nikita Vitiugov und Peter Leko. „Ich bin nur derjenige, der die Figuren zieht. Sie sind der Teil des Eisbergs, der unter Wasser bleibt“, sagte Nepomniachtchi.

Ian Nepomniachtchi mit seinem Sekundanten Vladimir Potkin (links). | Foto: Lennart Ootes/FIDE

Nepomniachtchi sieht auch einen Heimvorteil als Faktor für seinen Sieg in Jekaterinburg: „Ich war glücklich, als sich abzeichnete. dass das Turnier hier stattfinden würde. 2013 habe ich mich in Jekaterinburg fürs Superfinale der Russischen Meisterschaft qualifiziert. Die Stadt ist für mich mit einem Erfolg verbunden.“ Nepomniachtchi zitierte ein russisches Sprichwort: „Wenn Sie zu Hause bist, helfen die dir Wände um dich herum.“

Für den Herausforderer gilt es nun, ein Team für die WM zu formen. Nepos allseits für seinen Ideenreichtum bewunderter Landsmann Daniil Dubov wird eher nicht Teil dieses Teams sein: „Ein großartiger Schachspieler, ein großartiger Analytiker, aber Daniil hat auch mit Magnus zusammengearbeitet. Ich möchte ihn nicht vor die Wahl zwischen mir und Magnus stellen.“

„Wird ein aufregendes Match“

„Hoffe auf das Beste, bereite dich auf das Schlimmste vor“, sagte Nepomniachtchi zu seinen Chancen im WM-Match: „Ich bin Realist, ich weiß, dass es hart wird. Aber ich neige auch nicht dazu, mich selbst schlechter zu reden, als ich bin.“

Fabiano Caruana, Carlsens Herausforderer 2018, erwartet ein enges Match: „Ian hat zuletzt sehr stark gespielt, nicht nur im Kandidatenturnier. Er wird für Magnus ein gefähtlicher Gegner sein.“

Magnus Carlsen freut sich derweil auf ein interessantes Match. Nepomniachtchi sei ein „sehr, sehr starker Herausforderer“: „Er spielt sehr aggressiv spielt, dadurch gibt er auch seinen Gegnern Chancen. Wir können davon ausgehen, dass es ein aufregendes Match wird.“

U12-Weltmeisterschaft 2002: (von rechts) Sieger Ian Nepomniachtchi, Magnus Carlsen, David Howell, Dimitri Andreikin, Nguyễn Ngọc Trường Sơn, Wei Chenpeng. Unter den Teilnehmern waren weitere starke Vertreter des 1990er-Jahrgangs: MVL, Le Quang Liem, Ivan Saric, Yuri Kuzubov. | Foto via George Mastrokoukos

Für den Weltmeister und den mit ihm befreundeten Herausforderer schließt sich nun ein Kreis. Die beiden kennen sich und begegnen einander am Brett seit Jahren. 2002 gewann Nepomniachtchi die U12-WM vor seinem norwegischen Konkurrenten. Dann trennten sich die Wege: Der Norweger stieg schnell in die absolute Weltspitze auf, der Russe kam nicht hinterher. Anstatt sich auf Schach zu fokussieren, kokettierte er mit manch anderer Leidenschaft, mit der fürs Dota-Spiel zum Beispiel, wo er als „FrostNova“ bekannt ist und sich auch als Kommentator betätigt hat.

Erst in der jüngeren Vergangenheit scheint Nepomniachtchi beschlossen zu haben, aus seiner Gabe das Maximum zu machen. Der russische Schach-Chef Andrei Filatov sieht mit Vergnügen, dass sich sein hoffnungsvollster Schützling seit einigen Jahren reinkniet und nun ansetzt, die Früchte dieser Arbeit zu ernten. Aber für den letzten Schritt gegen Magnus „Sixpack“ Carlsen muss er nun noch ein wenig Speck ab- und Muskulatur aufbauen.

Um in einen regulären WM-Zyklus zurückzukehren, könnte das nächste Match gleich im Jahr darauf folgen. FIDE-Geschäftsführerin Dana Reizniece-Ozola kündigte an, dass das nächste Kandidatenturnier für 2022 geplant ist – mit Tiebreak-Regeln nach den Wünschen der Spieler. Am Ende dieses Kandidatenturniers war breit kritisiert worden, dass im Falle eines Gleichstands nach 14 Runden keine Playoffs vorgesehen sind.

Mit dieser Ankündigung ist wahrscheinlich die Frage ausgeräumt, wofür die noch 2021 geplanten Kandidaten-Qualifikationsturniere gut sind, allen voran der World Cup, der im Juli in Sotschi gespielt werden soll. Aller Vorrausicht nach wird es dort um Tickets fürs Kandidatenturnier 2022 gehen. Den genauen Plan will die FIDE im kommenden Monat veröffentlichen. FIDE-General Emil Sutovsky hat via Twitter vorerst bestritten, dass geplant ist, noch 2022 das nächste WM-Match auszurichten.

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