Der Tag, an dem mich Alexander Aljechin bestraft hat

Mit den Partien von Alexander Aljechin setzte ich mich schon immer weniger gern auseinander als mit denen anderer Legenden wie Nimzowitsch oder Petrosjan. Trotzdem bin ich natürlich auch „sein“ Kapitel in Garri Kasparows Band 2 von „Meine großen Vorkämpfer“ durchgegangen. Als „Genie der Schachkombinationen“ wurde Aljechin gemäß Kasparow schon zu Lebzeiten bezeichnet, von vielen Weltmeistern ist ein Zitat über ihn dort abgedruckt. Außer Fischer äußerte sich jeder positiv, manche fast euphorisch:

„… stand ich in jungen Jahren natürlich unter großem Einfluss des Schaffens von Alexander Aljechin … Ich bewunderte die Raffinesse seiner Ideen und die unglaubliche Kraft, mit der er versuchte, seine ungestümen Angriffe mit unerwarteten Opfern abzuschließen.“

— Garri Kasparow

„Aljechin ist für mich der größte Spieler aller Zeiten.“

— Boris Spassky

„Er sah eine Kombination und entwickelte mit Leichtigkeit und Genauigkeit eine forcierte Fortsetzung. Deshalb waren Aljechins Kombinationen derart herausragend.“

— Michail Botwinik

„Aljechin wuchs auf mit der Kombination. Er ist in sie verliebt. Alles Strategische ist für ihn nur Vorbereitung, fast ein notweniges Übel.“

— Emanuel Lasker

Für mich Patzer war es immer genau umgekehrt: Alles Strategische ist toll, Kombinationen sind notwendiges Übel. „Ungestüme Angriffe“ und „unerwartete Opfer“ zählten noch nie zu meinem schachlichen Lieblingsvokabular – und schon gar nicht zu meinem Repertoire. Ich war immer eher beim Team „Figuren kaltstellen“, „Überdeckung“, „Prophylaxe“ oder ergötzte mich an (von Nimzowitsch mit Doppelrufezeichen versehenen!!) mysteriösen Turmzügen. Ich wollte den Ball lieber über die Linie dribbeln, als ihn mit einer Kombination reinzuknallen. Rechnen – igitt … Wahrscheinlich bin ich deshalb innerhalb meiner Mittelmäßigkeit nie über 1800 DWZ hinausgekommen. 

Einmal hat sich Alexander Aljechin für meine Ignoranz an mir bitter gerächt, indem er meinem Gegner eine ganz konkrete Schablone an die Hand gab, um mich zu besiegen. Auch acht Jahre nach jener Partie erinnere ich mich noch an fast alle Einzelheiten. Zu kläglich war der Verlust. Aber da ich einiges daraus gelernt habe, will ich die Partie trotzdem zeigen. 

Gehring, Horst – Hahn, Martin
Bezirksliga Stuttgart, 13. Januar 2013
Französisch

1.d4

Ein freundlicher und bescheiden wirkender älterer Herr hatte gegenüber von mir Platz genommen. Und ich kann nicht genau erklären warum – ich erwartete nach seinem ersten Zug irgendein gemütliches Damenbauerspiel. Von meinem Gegenüber wusste ich nichts, außer dass er circa 100 oder 200 DWZ weniger als ich hatte (muss ja nichts bedeuten, ich weiß). Gewinnen war meine Devise, ich saß am hintersten Brett einer aufstiegshungrigen Mannschaft.

1…e6 

Im Sommer 2012 hatte ich wieder mal meine Schwarz-Eröffnungen umgestellt, anstatt auch mal mehr an anderen wichtigen Dingen wie Taktik, Visualisierung von Zugfolgen oder Endspielen zu werkeln. Französisch sollte es diesmal sein, nachdem ich mit den Positionen nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 nicht mehr so recht glücklich war. Zu viele unterschiedliche Stellungstypen gibt es dort, zu viele offenen Linien, zu oft hatte ich vor allem in Blitzpartien mit stärkeren Spielern in irgendwelchen brutalen Gambits weiße Läufer vor meinem unrochierten König auf f7 reinknallen sehen, zu rechenfaul war ich. Als ich 2012 am Bücherstand der Stuttgarter Stadtmeisterschaft das neue „Rock-Solid Chess Opening Repertoire For Black/The French Connection: winning ways with 1.e4 e6 and 1.d4 e6“ von Viacheslav Eingorn entdeckte, schlug ich ich sofort zu. Es war relativ schmal, bot aber trotzdem ein komplettes Repertoire, auch gegen 1.Sf3 und 1.c4.

2. e4 

Also doch kein Damenbauergeplänkel. Als er diesen Zug spielte, schien mein Gegner plötzlich richtig Interesse an der Partie zu bekommen, er wirkte auf mich ab nun besonders aufmerksam, schien sogar erfreut zu sein. Später fand ich in einer Datenbank von ihm selbst mit den schwarzen Steinen einige lang zurückliegende Französisch-Partien.

Vermutlich war er glücklich über die nach seinem Anfangszug 1.d4 wohl eher seltene Gelegenheit, gegen seine eigene Lieblingseröffnung spielen zu dürfen und sein über viele Jahrzehnte angesammeltes Wissen auch mal von der weißen Seite aus einsetzen zu können. 

2…d5 3. Sc3 Sf6 4. Lg5 Le7 

Im Gegensatz zu all den verschiedenen Stellungstypen, die man nach 1.e4 e5 kennen muss, ist das Französisch-Grundschema, also wo die Klötze hin müssen, relativ einfach in den Kopf zu bekommen: schwarze Bauern auf e6, d5 und c5, Königsspringer nach f6, Damenspringer nach c6, die Dame oft nach b6 oder c7. Damit fährt man in der Regel gut, wenngleich es natürlich für Schwarz auch andere Varianten gibt. Und natürlich muss man abhängig von der Variantenwahl auch ein paar konkrete Zugfolgen kennen. 

Aber was für mich als Französisch-Anfänger am wichtigsten war: es kann kein weißer Läufer auf f7 reinknallen! 

Wer weiß, vielleicht war diese Tatsache auch die Motivation der Spieler aus Paris, 1…e6 im Jahr 1834 in einer Fernpartie gegen eine englische Mannschaft (siegreich!) einsetzten und der Eröffnung damit den Namen Französisch verliehen?

5. Lxf6 

„Ups, eine Nebenvariante. Na ja, so schlimm ist das nicht, immerhin bekomme ich nun das Läuferpaar“ waren hier in etwa meine Gedanken. Außerdem war natürlich auch 5.Lxf6 vom Buch abgedeckt („Anderssens Zug verspricht nichts“).   

5…Lxf6 6. Sf3

„Nach 6…c5 7. Lb5+ Ld7 8. exd5 Lxb5 9. Sxb5 0-0 kann Weiß nicht auf einen Vorteil hoffen“, steht in dem Buch. Da ich es erst kurz davor studiert hatte, erinnerte mich aber auch noch gut an die weitere Anmerkung „6…0-0!? sieht sogar noch vielversprechender aus für Schwarz“. Meine Wahl war somit klar:

6…0-0!? 7. e5 Le7 8. Ld3 

Hier hört mein Buchwissen auf. Ich machte mir über die entstandenen Stellung Gedanken: durch die sofortige Rochade und somit Festlegung der Königsstellung (anstatt vorher erst noch wie oben beschreiben c7-c5 zu spielen) hatte ich dem Gegner ein klares Angriffsziel geliefert und musste mich ab sofort also mit dem berüchtigten Läuferopfer auf h7 auseinandersetzen.   

8…f6?!

Es war kein richtiges Rechnen, mehr eine Art allgemeine Überlegung („Ich kontrolliere zur Sicherheit noch ein bisschen besser das Feld g5, damit der weiße Springer auf keinen Fall dort auftauchen kann“), die mich von dem in der Anmerkung zum 4. Zug erläuterten Entwicklungsschema abkommen ließ. Der von mir nachfolgend beabsichtigte Zug 9…fxe5 an sich ist noch kein wirklich schlimmer Fehler, aber der Plan ist falsch. Und es sieht merkwürdig aus, die gegnerische Bauernkette an ihrer Spitze und nicht an ihrer Basis anzugreifen, insbesondere, da der komplette schwarze Damenflügel noch im Tiefschlaf ist. 

Um den „richtigen“ Weg für Schwarz zu zeigen, will ich für die folgenden Variante nochmals das Buch von Eingorn bemühen:

„8…c5 9. h4?! (Der Computer empfiehlt hier, mit 9.dxc5 das Zentrum aufzugeben, aber auch dann kann Schwarz zufrieden in die Zukunft schauen: er hat die Bauernmehrheit im Zentrum und für einen weißen Königsangriff stehen dessen Klötze nicht richtig.) 9…cxd4! 10. Lxh7+ Kxh7 11. Sg5+ Kh6 Schwarz pariert problemlos die weißen Drohungen.“

Adolf Anderssens 5.Lxf6 bringt nichts. Aber Schwarz muss wissen, wie es weitergeht.

9. h4 Sd7??

Auf diese „Gurke“ verfiel ich, weil ich im nächsten Zug auf e5 schlagen wollte, ohne das anschließend der weiße Springer dort landen kann. Obwohl nach dem letzten weißen Zug bei mir alle Alarmglocken hätten schrillen müssen, erkannte ich keine Gefahr. Im Gegenteil, ich verstand meinen Gegner und seinen Zug 9.h4 nicht.

Insbesondere, da er eine niedrigere Wertungszahl hatte, erwartete ich nichts Gefährliches. Ein ganz großer Fehler – man sollte immer den Erfordernissen der Stellung gemäß spielen und nicht Mutmaßungen über den Gegner anstellen. Ich bin mir relativ sicher, dass ich bei einem Gegenüber mit einer höheren Wertungszahl gründlicher nachgedacht hätte, anstatt 9.h4 einfach als einen schwachen Zug abzutun. Das macht den Rest der Partie allerdings auch nicht besser.

10.Lxh7+! 

Da knallte also schon wieder ein Läufer vor meinem König rein! Nur diesmal im Gegensatz zu meinen 1…e5-Partien nicht auf f7, sondern zwei Felder daneben. Richtig aufgewacht war ich aus meinem Tiefschlaf allerdings immer noch nicht, denn … 

10… Kxh7 11. Sg5+! 

… wenn ich das nun Folgende durchschaut hätte, hätte ich hier vielleicht eher zu 1…Kg8 12. Sxe6 De8 13. Sxc7 gegriffen, wonach die Partie zwar auch total kaputt, aber zumindest noch am Laufen ist. 

11…fxg5 12. hxg5+ Kg8 

Nach diesem Zug musste ich mal den Raum verlassen. Auf dem Rückweg begegnete mir ein Mitspieler und fragte im Vorübergehen, wie bei mir die Lage sei. An meine Antwort erinnere ich mich noch sehr gut: „Materiell stehe ich total auf Gewinn. Wenn ich nicht gleich mattgesetzt werde. Aber ich sehe es noch nicht.“ Als ich ans Brett zurückkam, erwartet mich eine weiterer Keulenschlag:  

13.Th8+ Kxh8 14. Dh5+ Kg8 15. g6 

Diesen Sargnagel hatte viel zu spät kommen sehen. Natürlich kann man auch hier aufgeben, ich weiß nicht mehr, warum ich den folgenden Zug noch ausgeführt habe. Vielleicht war es der Schock?

15.…Sf6 16. exf6

1-0    

Eine nicht nur sehr schmerzliche, sondern für mich damals auch außergewöhnlich peinliche Niederlage. In den zwei Jahren zuvor hatte ich einiges getan, um mich nach oben in unsere Bezirksligamannschaft zu spielen. Nun war ich am hintersten Brett bereits vermöbelt worden, als sich alle anderen Partien noch im Eröffnungstadium befanden. Am liebsten wäre ich in den Boden versunken.

Anstatt zu triumphieren, schien meinem Gegner der Partiegewinn zu meinem Erstaunen fast ein bisschen peinlich zu sein. „Ich habe gar nicht selber gewonnen, ich musste nichts leisten. Diese Züge gab es vor über achtzig Jahren schon“, sagte er mit einer entschuldigenden Geste. Er nannte dann auch noch irgendeine Partie, an die ich mich nicht mehr erinnere.

Tatsächlich fand ich im Nachhinein zwei Simultanpartien von Aljechin, die für diese Partie als Blaupause angesehen werden können. Mein Gegner hat alle wesentlichen Züge von dort übernommen.

Aljechin hatte mich für meine Ignoranz bestraft.  

Hätte nicht das Buchwissen unseres Autors nach acht Zügen geendet, wäre er Eingorns Empfehlungen gefolgt, er hätte wahrscheinlich nicht verloren. Aber dann wäre auch dieser instruktive Beitrag nie entstanden.

Unter seinem Pseudonym „Nathan Rihm“ hat Martin Hahn bereits zwei Gedichtbände veröffentlicht. Mehr über ihn auf der Nathan-Rihm-Fanpage bei Facebook. Kontakt: nathanrihm@gmx.de

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