Matthias Blübaum, die neue Nummer eins: „Erstmal das Studium. Dass ich Schachprofi werde, ist für mich nicht klar.“

Nach seinem Sieg beim Masters in Magdeburg hatte Matthias Blübaum Alexander Donchenko den Spitzenplatz der deutschen Eloliste entrissen. Donchenko konterte sogleich, gewann ein GM-Turnier in der Slowakei und war wieder vorne – nicht für lange. In den Tagen danach glänzte Matthias Blübaum mit 5,5/8 am zweiten Brett in der polnischen Ekstraliga und holte sich mit einer hauchdünnen Führung den Nummer-eins-Spot zurück. So sieht der aus deutscher Sicht zentrale Abschnitt der Live-Weltrangliste jetzt aus:

Blübaum hauchdünn vor Donchenko. Liviu Dieter Nisipeanu liegt mit 2657 Elo auf Platz 88 der Live-Weltrangliste in Sichtweite der beiden Youngster.

Die Schachwoche rund um das Masters war für Matthias Blübaum eine überaus erfolgreiche. Erst siegte er bei der Deutschen Blitzmeisterschaft, dann gewann er das Turnier der besten deutschen Schachmeister und erklomm zum ersten Mal in seiner Karriere Platz eins in der nationalen Eloliste. Für uns ein Anlass, mit dem 23-jährigen Mathematikstudenten über die Corona-Zeit, seine jüngsten Erfolge, seine Ziele und Pläne zu sprechen.

Heute Teil eins des großen Blübaum-Interviews:

Matthias Blübaum beim Masters in Magedeburg. | Foto: Arne Jachmann/Deutscher Schachbund

Matthias, wie ist es dir in den Corona-Monaten ergangen?

Schachlich war nicht viel los. Im März habe ich noch Pokal gespielt, danach nur online. Meine zusätzliche freie Zeit habe ich in mein Mathematikstudium gesteckt. Auch das war ein wenig surreal. Trotz Studium habe ich die Universität lange nicht von innen gesehen.

Das Studium läuft ausschließlich online?

Im Prinzip schon. Für Prüfungen muss ich wahrscheinlich in die Uni kommen. Eine mündliche Prüfung hatte ich jetzt via Zoom, das war eine merkwürdige Veranstaltung.

Als ich neulich Alexander Donchenko gefragt habe, was er in den Corona-Monaten gemacht hat, sagte er, er habe die freie Zeit ins Schach gesteckt. Du scheinst da anders aufgestellt zu sein.

Für mich zählt erstmal, dass ich meinen Master mache. Wie es dann weitergeht, werden wir sehen. Zumindest ist für mich nicht klar, dass ich Schachprofi werde. Aber aufhören mit dem Schach möchte ich natürlich auch nicht.

Vor dem Masters in Magdeburg hattest du fünf Monate nicht am Brett gesessen …

… die Deutsche Blitzmeisterschaft hatte ich zum Aufwärmen.

Die Deutsche Blitzmeisterschaft: Für Matthias Blübaum (ganz hinten links) spielten sich die 29 Runden ohne Pause leicht, sie dienten ihm als Indikator für seine gute Form, die er später beim Masters bestätigen sollte. | Foto: Deutscher Schachbund.

29 Runden am Stück! Das könnte man auch als Strapaze statt als Aufwärmprogramm sehen.

Ja, vorher weiß man das nicht. Wäre es furchtbar gelaufen, dann wäre es wahrscheinlich anstrengend, 29 Runden durchhalten zu müssen. Aber wenn man alles gewinnt, spielt es sich leicht. So, wie es lief, war es für mich ein schönes Aufwärmen.

Mit einem grandiosen Endspurt. 12 Siege aus 12 Partien zum Schluss.

Und ich hatte noch das Glück, dass Rasmus Svane während meiner Serie Punkte abgegeben hat. Gegen den hatte ich verloren, ich musste ihm lange nachlaufen. Am Schluss habe ich ihn doch noch überholt. Und hinsichtlich des Masters habe ich gespürt, dass ich wohl in Form bin. Davon kann man ja nach so einer langen Pause nicht ausgehen.

Ich mag es nicht besonders, gegen Bekannte oder Freunde zu spielen.

Mit welcher Erwartung hast du das Masters begonnen? Auch mit der gewonnenen Blitzmeisterschaft im Rücken bist du wahrscheinlich nicht davon ausgegangen, die anderen wegzuhauen. Nominell war das Feld ja recht ausgeglichen.

Keine Erwartung. Ich wollte einfach schauen, wie es läuft.

Wie bereitet man sich auf ein Turnier vor, bei dem alle Teilnehmer einander in- und auswendig kennen?

Das ist tatsächlich nicht so leicht. Dazu kommt noch, dass ich es nicht besonders mag, gegen Bekannte oder Freunde zu spielen. Wahrscheinlich waren deswegen meine bisherigen Masters-Ergebnisse nicht gerade überragend. Auch diesmal musste ich mir doppelt und dreifach überlegen, was ich gegen die Leute spiele.

Den Partien nach hast du dich und die Gegner eher nicht auf exotische Nebengleise geführt, sondern bist nahe an dem geblieben, was du regulär spielst.

Stimmt schon. Trotzdem habe ich geschaut, dass ich die anderen überrasche. Weil wir einander so gut kennen, konnte ich ja jeweils ahnen, was sie erwarten. Und ich habe durchaus einige Zeit damit verbracht, mir überraschende Lösungen zurechtzulegen. Nur kamen meine Überraschungen eher später in vertrauten Varianten oder Systemen. Das war eigentlich in jeder Partie mein Ansatz. Gegen Alexander ist das leider schief gegangen.

Lass uns mit Runde eins beginnen. Aus der Partie gegen Andreas Heimann ist mir vor allem dein kurioses Gegenspiel mit den Türmen auf der ersten und zweiten Reihe in Erinnerung.

In das Endspiel bin ich mit 15…Db6 freiwillig gegangen. Das war gefährlich, weil so ein Endspiel sehr schlecht für Schwarz werden kann, wenn man es nicht gut spielt. Und ich habe es nicht gut gespielt. Aber dann bekam ich halt dieses Gegenspiel. In der Zeitnot fühlte es sich sogar an, als würde ich auf Gewinn spielen. Objektiv hatte ich zwar nicht viel, aber praktisch spielte es sich angenehm. Ich hatte die bessere Zeit, und es lagen einige Tricks für mich in der Luft. Leider hat nie einer von denen funktioniert. In der Schlussstellung hatte ich dann wieder Glück, dass er die Remisschaukel genommen hat. Da hätte er in Vorteil kommen können. Aber wir hatten schon mehrmals die Züge wiederholt, wir waren beide im Remis-Modus.

Mit dem Remis in der zweiten Runde gegen Dmitrij Kollars warst du wahrscheinlich nicht glücklich.

Die Stellung nach der Eröffnung muss man einfach gewinnen. Peinlich, dass mir das nicht gelungen ist. Halbe Gewinnstellung, bessere Zeit, einfach zu spielen. Aber ich habe nur Blödsinn gemacht.

In der Runde danach habe ich nach der Eröffnung kurz reingeschaut und gedacht „Das wird er gegen Fridman nicht gewinnen“. Als ich ein paar Stunden später wieder reinschaute, stand da 0:1. Wie kam das?

Mit seiner supersoliden Eröffnungswahl war ich unglücklich, weil die Variante als so sicher für Weiß gilt. Eigentlich geht es nur darum, ob es remis ausgeht, oder ob es einer der seltenen Fälle ist, in denen Weiß einen Weg findet, auf Gewinn zu kneten. Mit 12…Le6 habe ich ihn ein wenig überrascht, 12…Sd7 ist der geläufigere Zug.  Vielleicht hat diese Überraschung dazu geführt, dass er erst mit 14.Tb1 ungenau gespielt und bald danach einen Fehler gemacht hat. Im 17. Zug muss er auf d5 nehmen, anstatt mich auf c4 nehmen zu lassen. Remis sollte es zwar immer noch sein, aber ab diesem Punkt spielt Schwarz auf Gewinn. Interessante Stellung: Die schwarze Struktur ist schlechter, trotzdem steht Schwarz besser.

Besserer König, entfernter Freibauer?

Genau. Den Freibauern habe ich laufen lassen und meinen Königsflügel aufgegeben. Dann kam die kritische Stellung, in der er seinen Läufer gegeben hat. Die Engine sagt natürlich 0,00 und will den Läufer behalten, aber am Brett ist das unheimlich schwierig zu entscheiden, es sieht aus der weißen Perspektive sehr gefährlich aus. Ich habe zu dem Zeitpunkt auch nur gesehen, dass ich immer mindestens Remis habe. Wie groß meine Gewinnchance ist, konnte ich nicht abschätzen. Aber die schwierige, kritische Entscheidung lag halt bei ihm. Auch nach 32.Lxa4 sollte es noch remis sein, nur ist es ihm nicht gelungen, das zu forcieren. Und so stand da halt am Ende 0:1.

In der nächsten Runde noch ein Punkt. Nisipeanus Leningrad-Stonewall-Mix sah komisch aus.

(Wird fortgesetzt. Demnächst: Matthias Blübaum über die entscheidende Partie des Masters, seinen Konkurrenzkampf mit Alexander Donchenko und Pläne für alles Weitere.)

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