Keymer, Covid, Kandidaten

Vincent Keymer wird am Grand Swiss in Riga ab dem 27. Oktober teilnehmen. Das hat sich der Journalist Stefan Löffler jetzt bestätigen lassen. Mit Sicherheit zu erwarten war diese Entscheidung nicht. Den unter ähnlichen Bedingungen abgehaltenen World Cup im September hatte Keymer abgesagt.

Voraussichtlich werden auch die anderen deutschen Teilnehmer Alexander Donchenko, Matthias Blübaum und Elisabeth Pähtz (Frauen-Grand-Swiss) in Riga am Brett sitzen, zumindest ist nichts Gegenteiliges bekannt. Mindestens zwei Mitfavoriten werden im Kampf um die Plätze fürs Kandidatenturnier fehlen: Hikaru Nakamura (USA) und Vidit Gujrathi (Indien) haben umständehalber abgesagt.

Hikaru Nakamura (links) und Vidit Gujrathi werden in Riga fehlen. | via ChessBase India/YouTube

In Lettland gilt seit dieser Woche ein Lockdown: Schulen sind geschlossen, Geschäfte und jegliche Versammlungsstätten. Nachts gilt eine Ausgangssperre. Trotzdem hat die FIDE für beide Grand Swiss’ mit ihren gut 160 Teilnehmern (plus Schiedsrichter/Organisationspersonal) eine Ausnahmegenehmigung erwirkt.

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Das Schachturnier ist eine von 30 Veranstaltungen im Land, die stattfinden dürfen, wenngleich unter strikten Bedingungen: Zuschauer sind nicht zugelassen und nur eine kleine Zahl Journalisten. Mutmaßlich hat FIDE-Geschäftsführerin Dana Reizniece-Ozola als ehemalige lettische Finanzministerin geholfen, diese Ausnahme zu erwirken.

Unter Beobachtern und Spielern läuft nun die Debatte, ob es nicht sinnvoll gewesen wäre, die Veranstaltung zu verschieben oder sie hybrid auszutragen. Zur Frage, ob die Ausrichtung unter den gegenwärtigen Umständen in Lettland eine verantwortungsvolle Entscheidung ist, haben Nakamura und Vidit klare Meinung:

Mit der Absage oder dem Ausrichten internationaler Wettbewerbe unter Pandemiebedingungen und der daraus resultierenden Kritk hat die FIDE in den vergangenen Monaten Erfahrung gesammelt. Auch der Grand Swiss war schon betroffen, er sollte urpsrünglich Ende Oktober 2021 auf der Isle of Man stattfinden.

Die Kandidaten-Covid-Geschichte begann im März 2020, als weltweit fast alle Sportverbände und -organisationen ihre Wettbewerbe absagen. Die FIDE hielt an ihrem Kandidatenturnier fest, das dann zur einzigen internationalen Spitzensportveranstaltung überhaupt wurde, allerdings einer von Problemen überschatteten.

Teimour Radjabov sagte ab, bekam dafür viel Applaus. Er wurde durch Maxime Vachier-Lagrave ersetzt. Mit dem Franzosen im achtköpfigen Feld gelang es, die erste Hälfte des Turniers zu spielen, bevor die FIDE es doch ab- bzw. unterbrach. Russland hatte angekündigt, seine Grenzen zu schließen, die Teilnehmer wären auf nicht absehbare Zeit in Jekaterinburg gestrandet gewesen.

Als die FIDE unlängst ihren WM-Zyklus neu sortierte, bekam Radjabov, Gewinner des World Cups 2019, einen Freiplatz fürs Kandidatenturnier 2022:

Die Turniere liefen wieder, aber Covid war noch längst nicht vorbei. Das war im Juli beim umstrittenen, von Rücktritten und Nichtantritten überschatteten World Cup in Sotschi zu spüren, den unter anderem Keymer absagte, nachdem er kurzfristig einen Platz im Feld bekommen hatte.

Trotz dieser fantastischen Partie (bzw. wegen ihres “falschen” Ausgangs) flog Vincent Keymer aus der Qualifikation für den Covid-World-Cup in Sotschi. Wenig später bekam er einen Freiplatz, den er ablehnte.

Ein Großteil der indonesischen Delegation reiste infiziert in Russland an – und zog sich schließlich vom Wettbewerb zurück. Zwar wurden die Spieler vor den Partien getestet, aber im Fall des indonesischen GM Susanto Megaranto offenbarte sich das positive Testergebnis erst, als seine Partie gegen Fabiano Caruana schon lief. Die FIDE ließ die Partie abbrechen. Als der Amerikaner negativ getestet war, durfte er den World Cup fortsetzen. Levon Aronian zog sich derweil mit Covid-Symptomen aus dem Wettbewerb zurück.

Die späteren Runden des Schachspektakels mit seinen 206 Teilnehmern verliefen ohne Covid-Fall. Am Ende siegte im Finale Jan-Krzysztof Duda über Sergej Karjakin. Der Pole (in Diensten unter anderem des Bundesligisten Hamburger SK) und der Russe stehen als erste WM-Kandidaten 2022 fest:

In Riga werden zwei weitere gekürt. Nominelle Favoriten werden Fabiano Caruana und Levon Aronian sein – wenn sie denn spielen. Ob sich die Absagen tatsächlich auf Hikaru Nakamura und Vidit Gujrathi beschränken, wird sich erst zeigen, wenn am 25. Oktober die Teilnehmer anreisen, um an der Eröffnungsfeier am 26. Oktober teilzunehmen und tags darauf in den elfrundigen Wettbewerb zu starten.

Die Teilnehmerliste auf der offiziellen Grand-Swiss-Seite ist noch nicht aktualisiert. Die Top 10:

Ein erlesenes Feld, auch wenn Nakamura und Vidit fehlen werden. Matthias Blübaum, Alexander Donchenko und Vincent Keymer können sich auf ausgesuchte Gegnerschaft freuen.

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