Hast du den Punch? Und die Technik? Mach den Kandidaten-Test!

Warum die acht Burschen in Jekaterinburg so unendlich viel besser sind als wir Ottonormalschachspieler, lässt sich leicht an vielen Faktoren festmachen.

Nach 20 Versuchen Anish Giris erster Sieg in einem Kandidatenturnier überhaupt. Mit ein wenig fundamentaler Endspieltechnik solltest auch du diese Stellung gewinnen können. Klick aufs Diagramm und probiere aus, ob du es schaffst. Wir haben diese und die sieben folgenden Gewinnstellungen in eine Lichess-Studie gepackt. Dort kannst an deiner Technik feilen und gegen den Computer ausprobieren, ob du gewonnen hättest, wo die Supergroßmeister aufgegeben haben.

Sie wissen viel mehr über Schach, sie können viel schneller und präziser rechnen, sie verstehen jede Phase des Spiels viel tiefer, weil sie jahrzehntelang ihr Talent, ihren Fleiß und ihren Ehrgeiz auf dieses eine Ziel fokussiert haben: so gut im Schach zu werden, wie es eben geht.

Die Zerstörung des Kirill Alekseenko: Mit 34…f6 den Lg5 zu verteidigen, geht nicht, dann ist es Matt in 7. Also wirst du hier an Caruanas Stelle mit einer Mehrfigur weiterspielen. Das sollte reichen, oder? Aber bevor du übereilt mit der Dame auf g5 zuschlägst, willst du vielleicht noch einmal nachdenken, ob du in deinem fehlgeleiteten Drang abzutauschen wirklich deinen Königsangriff wegschenken willst. Keine Zugeständnisse! Schon gar nicht in Gewinnstellung!

Wenn wir nun versuchen zu ergründen, was die acht in Jekaterinburg kasernierten Könner der Extraklasse vom Ottonormalprofi unterscheidet, dann wird das schon schwieriger.

Figur mehr, 100.000 Freibauern, das sollte nun wirklich reichen, oder? Fabiano Caruana wollte hier jedenfalls gegen Ding Liren nicht weiterspielen. Klick aufs Diagramm, Stockfish freut sich schon darauf, die Stellung gegen dich zu verteidigen und dir zu zeigen, dass dein König ein wenig entblößt ist.

Mancher bei 2600 Elo aufgeschlagene Profispieler hat ebenso wie diese acht sein Talent, seinen Fleiß und seinen Ehrgeiz auf dieses eine Ziel fokussiert, so gut im Schach zu werden, wie es eben geht.

Hmm, Qualle weniger, ist das mit den beiden verbundenen Freibauern wirklich so einfach gewonnen für Schwarz? Ding Liren ging jedenfalls davon aus, er streckte an dieser Stelle die Waffen. Kannst du die schwarze Stellung gegen Stockfish gewinnen?

Vielleicht ist der „Punch“ ein Faktor, der dazu beiträgt, den Unterschied zu machen? Die Fähigkeit, eine sehr gute, fast gewonnene Stellung nach Hause zu schieben, ein Problem, unter dem mit Anish Giri sogar einer der acht Kandidaten leidet.

Mit dem König auf e2 hätte Weiß eine Festung, das wäre remis. Mit dem König auf g2 ist es für Schwarz gewonnen. Nepomniachtchi zeigt warum: …Dd3!, dann mit dem König reinlaufen, den f-Bauern einsammeln, fertig. Oder wird sich herausstellen, dass es so trivial gar nicht ist? Falls du in diesem Endspiel scheiterst, möchtest du vielleicht den Buchtipp am Ende dieses Beitrags genauer anschauen. Dort wird es erklärt.

„Nichts ist schwieriger, als eine gewonnene Stellung zu gewinnen“, hat sinngemäß Emanuel Lasker gesagt. Wer Schach spielt, ob in der Bodensee- oder in der Bundesliga, der weiß, Lasker hatte Recht.

Allemal wirst du dich hier noch entknoten müssen, bevor du das Ding nach Hause schiebst. Und du wirst keine Freude an deiner Bauernstruktur haben. Ding wollte sich das von Nepomniachtchi nicht zeigen lassen. Stockfish lässt es sich von dir nur zu gerne zeigen.

Gewiss macht die Zähigkeit in schlechten Stellungen einen wesentlichen Teil des Unterschieds aus. Dem 2600er wie dem 2700er passiert es gelegentlich, dass eine Partie misslingt. Aber der 2700er wird mehr als sein 100 Punkte schwächerer Kollege dem Gegner immer neue Probleme stellen, nicht nachlassen, Ressourcen aufspüren und auf Gegenchancen lauern. Und eben die eine oder andere dieser Partien retten.

„Ich sehe keinen klaren Gewinn“, sagte ein norwegischer Schachfreund namens Carlsen, als hier Wang Hao mit Schwarz die Waffen streckte, anstatt weiterzukämpfen. Wahrscheinlich ist die Stellung gewonnen, bestimmt ist dieses die schwierigste der acht Aufgaben.

Acht Partien des Kandidatenturniers waren entschiedene. Das führt zu acht Stellungen, in denen ein Supergroßmeister gegen einen anderen aufgegeben hat, weil er nicht den Hauch einer Chance sah, dass sein Gegenüber eine derartige Gewinnstellung noch verdaddelt.

Statt acht Gewinnstellungen sehen wir acht Trainingsaufgaben. Hast du den Punch (und die Endspieltechnik!), die acht Gewinnstellungen aus Jekaterinburg gegen zähen Widerstand zum Gewinn zu führen?

Bei Schwarz fällt Material um, darum gab Ding an dieser Stelle auf. Andererseits: Er bekommt zwei Bauern für die Figur, vielleicht geht da ja noch was?

Der Schreiber dieser Zeilen hat es ausprobiert und ist gegen Schachfreund Stockfish trotz 8 Gewinnstellungen nicht einmal in die Nähe von 8 Punkten aus 8 Partien gekommen. Ahnungslosigkeit im Endspiel, taktische Stümperhaftigkeit und fehlender Punch führten dazu, dass sich diese acht vermeintlich klaren Angelegenheiten aus Amateurperspektive gar nicht so klar anfühlten.

Oh! Mein! Gott! Wie konnte ich das nicht gewinnen? | Foto: Lennart Ootes/Saint Louis Chess

Schaffst du acht aus acht? Melde dich in den Kommentaren, hol dir ein virtuelles Schulterklopfen ab 😉 Viel Spaß!

Gehört in jeden Bücherschrank, steht nicht in jedem Bücherschrank. Wir gucken uns ja viel lieber irgendwelchen Eröffnungskram an, und darum scheitern wir sogar an gewonnen Endspielen, die anderswo aufgegeben werden.
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chesshans
chesshans
2 Monate zuvor

Ja, schöner Praxistest.. werde ich noch probiereren. Einige traue ich mir zu, bei einigen ist für uns „Normalsterbliche“ noch viel Arbeit und gegen Silikongegner (respektive Weltklasspieler) alles andere als einfach und wir würden womöglich hier und da gar noch verlieren..

P.S.: War die Überschrift und das Teaserfoto gar der neuesten Schachgeflüsterfolge geschuldet?!