Schluss mit Stock

Die „metaphorisch nacherzählte Schachpartie“ hat Ulrich Stock in der ZEIT zur Kunstform erhoben. Wer noch nie so eine Partie gesehen hat, der mache sich auf das längste Zitat in der Geschichte dieser Seite gefasst:

„Amateure würden gleich Schach geben, unmittelbaren Zwang anzuwenden macht ja immer Spaß. Große Meister haben die Vorsicht im Blut. Nepo besetzt also die lange Diagonale. Ist das nun Glück oder Pech? Und für wen? Wir werden es gleich sehen. Ding greift mit seinem Außenturm die Dame an. Der Turm ist nicht gedeckt. Die Dame könnte ihn nehmen. Aber dann würde sie die lange Diagonale verlassen, und Nepo würde in zwei Zügen mattgesetzt. Die Dame weicht also aus, ein Sidestep entlang der Diagonalen. Ding überlegt. Die Lage ist, wie sagt man auf Mandarin, beschissen.“

Außenturm, is klar, Ulrich.

So geht das Zeile für Zeile, Seite für Seite bei der ZEIT, sobald irgendwo internationales Spitzenschach gespielt wird. Vereinsspieler können mit diesen Ergüssen wenig anfangen. Das allgemeine Publikum liebt sie, huldigt dem Autoren in der Kommentarspalte, fordert mehr davon. Und das bekommt es. Am Folgetag wird die nächste Partie metaphorisch nacherzählt, dann noch eine und noch eine, bis das Turnier zu Ende ist.

Vor dem Ehebett von Daniel Rensch

Schade eigentlich. Der Autor kann nämlich viel mehr, und das womöglich noch besser, wie wir anlässlich des jetzt abgebrochenen Kandidatenturniers gelernt haben. Porträts schreiben zum Beispiel kann er wie wenige andere. Stocks Stück über den ewigen Zeitnotkandidaten Alexander Grischuk war ein, vielleicht der Höhepunkt der deutschsprachigen Berichterstattung über das unvollendete Kandidatenturnier.

ZEIT-Autor Ulrich Stock mit FIDE-Präsident Arkadi Dvorkovich während des Grand Prix in Hamburg. | Foto: FIDE

Recherche kann Stock auch, das sehen wir heute. Der Bericht über den Abbruch des Kandidatenturniers ist gespickt mit wunderbaren Details und Perspektiven, die uns ganz nah ans Geschehen führen. So wie Stefan Löffler für die FAZ hinter die Tür von Zimmer 708 des Hyatt Jekaterinburg geschaut hat (dieses Detail haben wir natürlich sofort geklaut), legt sich Ulrich Stock morgens um halb drei vor das Ehebett von chess.com-Chef Daniel Rensch, der versucht, im Schein der Handy-Lampe Vladimir Kramnik zu erreichen, ohne die schlafende Miss Rensch zu wecken. IM Rensch wird damit leben können, dass die ZEIT ihn zum GM befördert.

Sternstunden der Schachpublizistik

Gebannt verfolgte nach dem Abbruch die Schachszene, wie sich auf Twitter Magnus Carlsen und Teimour Radjabov stritten, wie chess.com und chess24 darum rangen, als Erste und möglichst sofort die Entscheider des Schachs vor die Live-Kamera zu bekommen. Stock sah mehr, das große Ganze nämlich, und notierte: „Stunden des Echtzeitjournalismus, wie es sie im Schach noch nie gegeben hat.“ Tatsächlich, und das ist bislang nur Stock aufgefallen, führte der Tag des Abbruchs zu Sternstunden der Schachpublizistik. In Ermangelung von Wettbewerb und unabhängiger Berichterstattung ist deren Lage ansonsten nämlich, wie sagt man auf Alemannisch, beschissen.

In ein paar Wochen, Monaten womöglich, ist wieder Kandidatenturnier. Hallo, Ulrich? Mach doch bitte mehr von solchen Sachen. Es muss ja nicht jede Partie nacherzählt werden.


Wenn gerade keine Partien nachzuerzählen sind, ist bei der ZEIT seit 1982 Helmut Pfleger für die Schachabteilung zuständig. Was dort zwischen 2009 und 2015 zu lesen war, gibt es für den geneigten Schachfreund auch in Form gesammelter Werke zu erwerben, schon der zweite derartige Band.

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