Artur Jussupow über Carlsen, Keymer, Caruana – und medialen Druck

Er war Juniorenweltmeister, die Nummer drei der Welt hinter Kasparow und Karpow, stand drei Mal im Kandidatenhalbfinale. Der Schachspieler Artur Jussupow ist in Deutschland eine Institution, wie es sie kein zweites Mal gibt.

Der Schachtrainer Artur Jussupow auch. Bevor der heute 59-Jährige 1990 nach Deutschland übersiedelte, hatte er auf dem Elite-Level die gerühmte sowjetische Schachschule durchlaufen. Als Talent wurde er von Exweltmeister Michail Botwinik in dessen Schule gefördert, später profitierte er von seiner jahrelangen Zusammenarbeit mit der Trainerlegende Mark Dworezki.

Was er dort gelernt hat, gibt er weiter. Als seine Spieler-Karriere abflaute, hat Jussupow lange als Sekundant Weltklassespieler der Generation nach ihm betreut, unter anderem Viswanathan Anand, Judit Polgar, Peter Leko. Nach und nach hat er seinen Fokus auf die Arbeit mit ambitionierten Jugendlichen gelegt.

A-Trainer und Perlen-Autor Philipp Müller traf jetzt Artur Jussupow für ein Gespräch unter Schachlehrern.

Ende 2017 mündete diese Arbeit in ein gemeinsames Projekt mit dem Deutschen Schachbund und der Deutschen Schachjugend. Mit deren Segen fahndet Jussupow nach gleichermaßen talentierten wie ambitionierten Kindern aus den Altersklassen U8 und U10. In seiner Schachakademie fördert er gezielt die vielversprechendsten, die er gefunden hat. Schon heute stehen deswegen an der Spitze der Ranglisten des jungen deutschen Nachwuchs‘ mehrheitlich angehende Meister, die durch die Jussupowsche Schule gehen.

Wer Artur Jussupow sieht, der sieht unweigerlich einen Prototypen des russischen Bären – ein Klischee. Sobald aus dem ergrauenden Gestrüpp seines Barts der Jussupowsche Bass ertönt, kommt dieser erstaunlich sanft daher.

Unser Autor Philipp Müller ist selbst Schachtrainer von Rang. Unter anderem hat er die ehemalige U16-Weltmeisterin Annmarie Mütsch betreut. Im Sinne von Fortbildung und Austausch war Müller jetzt in Jussupows Schachakademie zu Gast. Dort ergab sich die Gelegenheit, für die Perlen vom Bodensee ein Interview mit Jussupow zu führen.

Großmeister Artur Jussupow zu Gast bei der Deutschen Amateurmeisterschaft in Bergedorf. | Foto: Frank Müller/Deutscher Schachbund

Legen alle Schachkinder ihr Handy weg, wenn Schachunterricht ist?

Die Kinder wollen ja unbedingt Schach machen, sonst wären sie nicht bei uns. Wir haben da eher kein Problem, aber das Phänomen Medienablenkung registriere ich natürlich trotzdem. Nicht nur bei Kindern übrigens. Als Wesley So vor einiger Zeit bis fast an die Spitze der Weltrangliste aufgestiegen war, fragte ihn ein Interviewer, wie er das gemacht hat. So sagte, er habe sein Handy abgegeben. Er hatte so viel Zeit und Energie in seine Kommunikation investiert, dass es ihn davon abhielt voranzukommen. Als das Handy weg war, kam der schachliche Durchbruch.

Sollen Talente besser im Verborgenen wachsen? Beim Schach lässt sich die öffentliche Wahrnehmung ja noch eher steuern als in großen Sportarten.

Auch beim Schach kann der Mediendruck enorm sein. Wie groß, hatte ich nicht geahnt, bevor ich mit Vincent Keymer zusammengearbeitet habe. Hilfreich ist das nicht und damit umzugehen eine Herausforderung. Die wurde bei Vincent wahrscheinlich umso größer, als sich im Lauf des vergangenen Jahres die die dritte Großmeisternorm nicht einstellte. Aber das hat sich nun erledigt. Vincent ist ein guter Junge, er wird uns viel Freude machen.

Artur Jussupow mit Vincent Keymer. | Foto: Bernd Vökler/Schachbund

Eine öffentliche Fahndung nach dem nächsten Vincent auszurufen, hieltest du für verfrüht?

Ja, unbedingt. Nicht immer so viel reden. Lassen wir die Kinder in Ruhe spielen, sich entwickeln, und wenn es gut läuft, erfreuen wir uns daran.

Dein Ex-Schützling Vincent Keymer wird jetzt von Peter Leko betreut.

Mit Peter hat Vincent einen exzellenten Trainer gefunden, der zu ihm passt. Das war ein guter Übergang, den ich gerne gesehen habe, weil ich früher auch mit Peter gearbeitet hatte. Von ihm wird Vincent viel lernen. Mir gefällt die Entwicklung.

Du hast Peter Leko trainiert?

Ach, das ist lange her, noch vor Peters WM-Kampf gegen Kramnik – und vielleicht war es trotzdem ein bisschen spät. Peter war schon ein gestandener Spieler. Je älter der Spieler, desto schwieriger ist es, die eine oder andere Korrektur zu machen. Jedenfalls haben wir für einige Jahre zusammengearbeitet, und ich schätze sein großes Talent. Mit Vincent kann Peter auch die Erfahrung teilen, wie es ist, als Wunderkind zu gelten. Peter war sehr früh sehr reif, auch in dieser Hinsicht passt er zu Vincent.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Persönlichkeit und dem Schachstil?

Lass mich dir dazu eine Geschichte erzählen. 1978, ich war 18, spielte ich ein Turnier in Holland, das B-Turnier. Im A-Turnier waren die Stars versammelt. Am freien Tag haben wir Fußball gespielt. Für mich war es hochinteressant zu sehen, wie das Fußballspiel der großen Meister ihr Schach spiegelte. Ulf Andersson zum Beispiel, am Brett ein Techniker und Endspielkünstler, ist in die Verteidigung gegangen. Der hat die gegnerische Hälfte nicht betreten. Ljubomir Ljubojevic dagegen war immer im Angriff unterwegs, der hat nur den gegnerischen Strafraum gesehen. Und Larry Christiansen, am Brett ein gefürchteter Angreifer, hat den Torschuss gesucht, sobald er den Ball hatte.

In Wijk an Zee ließ Fabiano Caruana Magnus Carlsen jetzt deutlich hinter sich. „Magnus muss das als Bedrohung wahrnehmen“, sagt Artur Jussupow. | Foto: Alina l’Ami/Tata Steel Chess

Das Kandidatenturnier steht bevor, wer gewinnt?

Fabiano Caruana. Das Niveau, das Caruana zeigt, muss Carlsen als Bedrohung wahrnehmen, was für ihn wiederum Motivation sein wird. Ein Caruana in Hochform wäre ein würdiger, sehr, sehr schwieriger Gegner für Carlsen. Kaum jemand auf der Welt kann es sich leisten, gegen Magnus ein wenig Risiko zu gehen. Caruana kann das. Und Magnus könnte sich nicht erlauben, gegen Caruana nur 80 Prozent abzurufen.

2018 gegen Caruana wirkte Carlsen lustlos. Wie kam das?

Die Motivation zu halten, ist eine Kunst. Vor allem, wenn es keine Entwicklung mehr gibt und die Ziele ausgehen. So lange du ein Ziel anstrebst, den Weltmeistertitel zum Beispiel, ist es leichter. Deswegen nötigt mir der Carlsen des vergangenen Jahres Respekt ab. Er hat alles erreicht und versucht trotzdem, noch besser zu werden. Die richtige Einstellung dafür zu finden, ist schwierig. Konkurrenz hilft natürlich, insofern hat Fabiano Caruana einen Anteil daran, dass Carlsen so ein starkes Jahr hinter sich hat…

„…auf 1500“ ist natürlich Quatsch, das Ziel ist höher gesteckt und das Level von Beginn an beachtlich. Allein beim SC Überlingen laufen reihenweise 1600er herum, die von fast allen Grundlagen, die dieses erste Buch vermittelt, noch nie gehört haben. Auch wenn sie sich auf dem Titel gut macht, es geht bei der „Tigersprung“-Reihe weniger um die Zahl als darum, systematisch ein Spielstärke-Fundament zu bauen. Mancher Kritiker bemäkelt an der Reihe, dass viele Aufgaben oder Analysen einem Engine-Check nicht standhalten. Das stimmt tatsächlich, aber wer den Rechenknecht ausschaltet und die Aufgaben oder Fragmente auf Gehalt und die zu vermittelnde Idee prüft, der sieht den Wert des Werks und die Aha-Erlebnisse, die es Seite für Seite vermittelt. Gleichwohl wäre Jussupow gut beraten, seine gepriesene und mehrfach ausgezeichnete Buchreihe für die nächste Auflage einem Engine-Check zu unterziehen, damit Ruhe ist.

(Wird fortgesetzt. Im zweiten Teil: Artur Jussupow über den internationalen Wettbewerb der Wunderkinder, die Polgar-Schwestern und seinen Weg durch die russische Schachschule.)

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