Riesenchance, Riesenherausforderung: Donchenko spielt in Wijk

Neulich beim Schachfestival in Krakau hat Alexander Donchenko im A-Turnier ein Feld von fast 70 Schachmeistern deutlich distanziert. Am Ende standen acht Punkte aus neun Partien und eine Performance nahe der 2800 – Weltklasse. Ob das der Maßstab ist, an dem wir die deutsche Nummer eins jetzt schon messen können und sollten, wird sich im Lauf der kommenden Wochen zeigen. Alexander Donchenko wird Teil des Elite-Felds beim Tata Steel Chess in Wijk an Zee sein. Samstag geht’s los.

Vielleicht hat ja der Ruf vom Bodensee bis an die niederländische Küste geschallt? Zehn Tage nach diesem Tweet klingelte Alexander Donchenkos Telefon, und ihn erreichte eine Einladung zum ersten Superturnier seines Lebens. | Foto: Deutscher Schachbund

Am gestrigen Donnerstag, zwei Tage vor Turnierbeginn, sagte Großmeister Daniil Dubov seine Teilnahme ab. Jemand aus dem Umfeld des genialischen Russen war positiv auf Covid-19 getestet worden, die Reise nach Wijk und die Teilnahme am „Wimbledon des Schachs“ waren unmöglich geworden.

Was tun? Turnierdirektor Jeroen van den Berg brauchte von jetzt auf gleich einen Ersatzspieler, möglichst einen, dessen Teilnahme die Attraktivität des Felds nicht schmälert. Van den Berg zückte sein Handy und wählte Donchenkos Nummer. Er erreichte den 22-Jährigen daheim in Gießen.

Die Mischung machts: Youngster vs. Elite

Lange überlegen musste Donchenko nicht, als ihm van den Berg das Angebot seines Lebens machte. Donchenko sagte auf Anhieb zu, organisierte sich einen aktuellen Covid-Test (negativ), und van den Berg schickte eine Limousine nach Gießen, um den neuen Mitspieler abzuholen. Für Donchenko werde „ein Traum wahr“, meldeten die Organisatoren am heutigen Freitag.

Die Begegnung mit Magnus Carlsen in Wijk 2021 wird nicht Alexander Donchenkos erste Partie gegen den Weltmeister sein. Schon vor zwei Jahren genoss Donchenko die Gelegenheit, mit dem besten Spieler auf dem Planeten Erde ein messerscharfes Duell auszufechten – auf Augenhöhe.

Donchenko wird in den kommenden Wochen bis zum 31. Januar ein Who is Who des internationalen Schachs gegenübersitzen. Allen voran natürlich Weltmeister Magnus Carlsen, Nummer eins der Welt, dessen Kronprinz Fabiano Caruana, die Nummer zwei, und WM-Kandidat Maxime Vachier-Lagrave, der als Co-Führender des unterbrochenen Kandidatenturniers gute Aussichten hat, Carlsens nächster Herausforderer zu werden.

Dazu die jungen Wilden, deren Teilnahme in Wijk Tradition hat, der entscheidende Faktor, der das Turnier attraktiver macht als solche, in denen der Elite-Zirkel der 2800er unter sich bleibt. Allen voran Alireza Firouzja (17), schachlich staatenloser, potenziell bald französischer Iraner, der derzeit heißeste Kandidat, Carlsen dereinst vom Thron zu stoßen. Bald-2700er Andrey Esipenko (18) ist nach Dubovs Ausscheiden der einzige Vertreter Russlands im Feld. Obwohl jung an Jahren, haben diese beiden mehr Superturniererfahrung als Donchenko. Esipenko zum Beispiel hat zuletzt im russischen Superfinale gespielt, der nach wie vor stärksten Landesmeisterschaft der Welt.

Firouzja und Carlsen beim Tata Steel Chess 2020. | Foto: Alina L’Ami

Deutsche waren in der Wijk-Kronengruppe in den 2000er-Jahren rare Gäste. Nur Arkadij Naiditsch (dessen auf dieser Seite längst gemeldete Trennung vom aserbaidschanischen Verband nun offiziell ist) durfte 2014 mitspielen, nachdem er sich 2013 durch den Gewinn der B-Gruppe fürs A-Turnier qualifiziert hatte.

Bis Ende der 90er-Jahre, als Robert Hübner noch im Saft stand, bekam die damalige deutsche Nummer eins regelmäßig eine Einladung. Seitdem haben die Organisatoren im holländischen Küstendorf keinen Schachspieler aus dem großen Nachbarland für gut genug befunden, und aus eigener Kraft qualifiziert hat sich außer Naiditsch niemand. Zu stark ist mittlerweile auch das B-Turnier.

Wijk 1971 mit Robert Hübner. | Foto via Wikipedia

Gleichwohl waren die Ausrichter oft so freundlich, einen Deutschen für das B-Turnier einzuladen. Liviu Dieter Nisipeanu hat dort schon mitgespielt, Matthias Blübaum auch. Vor zwei Jahren waren sogar zwei Schächer aus Duitsland am Start: Vincent Keymer und Elisabeth Pähtz, der ihr zeitweises Vordringen in die Top-Ten der Welt eine Einladung beschert hatte.

Weder dieses B-Turnier (für das Roven Vogel qualifiziert und für das Vincent Keymer wahrscheinlich eingeladen worden wäre) noch das C-Turnier noch der Rest des Festivals werden stattfinden. Die 2021er-Auflage, die 83. schon, beschränkt sich auf das Eliteturnier in einem abgeschirmten Spielsaal, in dem dieses Mal nicht hunderte Besucher und Amateure die unmittelbare Nähe zu den Allerbesten unseres Sports genießen.

„Keiner konnte sich auf ihn vorbereiten“

Immerhin kann das Superturnier trotz Pandemie stattfinden, aber unter strikten Bedingungen. Spieler wie Organisatoren erwarten während des Wettbewerbs mehrere Covid-Tests.

Abgeschirmt und COVID-sicher: Der Spielsaal bei der 83. Auflage des Traditionsturniers.

Nun stehen wir vor der bangen Frage, ob Alexander Donchenko in diesem für ihn neuen Umfeld bestehen, vielleicht sogar glänzen kann. „Ich bin gespannt“, sagt Georg Meier, der mit Alexander Donchenko in der Deizisauer Bundesliga- und der DSOL-Mannschaft spielt.

Großmeister Meier sieht zwei Faktoren, die sich zugunsten seines Mannschaftskameraden auswirken können: „Niemand konnte sich auf ihn vorbereiten.“ Hätte Donchenkos Name schon seit Wochen auf der Liste gestanden, die Eröffnungen hätten sich als Schwachpunkt für so ein Turnier erweisen können. Außerdem die kurzfristige Anreise: „Dass er nicht schon eine Woche in Wijk versauern musste, kann vorteilhaft sein“, sagt Meier lachend.

5 4 votes
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments