DSOL: “90 Prozent spielen fair”

Im Lauf des Gesprächs zeigt Joop van der Hoorn eine Reihe von Statistiken, darunter diese: ein Vergleich von Weltklassespielern mit DSOL-Spielern. Mit jeweils hunderten Schnellpartien zwischen Spitzengroßmeistern und solchen zwischen Clubspielern in der Deutschen Schach-Online-Liga hat van der Hoorn seine Computer gefüttert. Dann hat er ausrechnen lassen, welche Spieler aus Sicht einer Engine am besten Schach spielen. Eine Rangliste nach „Average Centipawn Loss“ (ACPL).

Kein Weltklassegroßmeister hat es in die Top 10, nicht einmal in die Top 25 dieser kombinierten Rangliste geschafft, weder Magnus Carlsen noch Fabiano Caruana, weder Hikaru Nakamura noch Alireza Firouzja. Ganz oben stehen Spieler aus deutschen Vereinen, die in der DSOL am virtuellen Brett saßen. Die Grischuks und Nepomniachtchis müssen sich dahinter einsortieren.

„Nur damit klar ist, worüber wir reden“, sagt van der Hoorn.  

Reden wollte van der Hoorn eigentlich gar nicht. Als die Pandemie begann und Schach online immer größer wurde, hat der niederländische Informatiker und Schachamateur begonnen, sich mit dem Phänomen Cheating auseinanderzusetzen, speziell damit, Cheater zu entlarven. Van der Hoorn sah einen Markt für eine verlässliche, belastbare Cheater-Erkennung, eine, die es zum Beispiel einem Dewa_Kipas verwehren würde, binnen zwei Wochen sein Rating um 1.000 Punkte zu steigern, ohne aufzufliegen.

Wegen seines kommerziellen Interesses will van der Hoorn nicht öffentlich über Stärken und Schwächen der Systeme auf gängigen Schachseiten spekulieren, auch nicht über die auf der DSOL-Plattform playchess. Aber letztlich hat er eingewilligt, über die DSOL-Partien zu sprechen – unter der Bedingung, dass er anonym bleibt. Joop van der Hoorn heißt in Wirklichkeit anders.

Chess960 computer analysis and cheat detection - Chess.com

Eine Statistik wie der eingangs angeführte GM-DSOL-Vergleich sei kein Hexenwerk, sagt er. Mit Hilfe frei verfügbarer Software wie PGN-Spy könne sich jeder selbst davon überzeugen, dass in der DSOL hunderte Teilnehmer erstaunlich stark spielen, stärker, teilweise viel stärker als Weltklassegroßmeister. Aber eine solche Analyse allein anhand des ACPL gebe nur Anhaltspunkte. Von der notwendigen Verlässlichkeit und Belastbarkeit sei sie weit entfernt.

Für die Entwicklung eines besseren, ja, des besten Systems brauchten van der Hoorn und seine Mitstreiter Partien, idealerweise solche von Spielern, deren wahres Rating bekannt ist. Die deutsche DSOL bot sich an. Unter anderem die Online-Partien deutscher Clubspieler dienten der Entwicklung des niederländischen Anti-Cheating-Algorithmus.

Farce in den Playoffs

Wie der genau funktioniert, will der Entwickler nicht im Detail erläutern. Van der Hoorn lässt durchblicken, dass er den Ansatz von Anti-Cheating-Professor Ken Reagan gutheißt, ihn aber nur als ersten Schritt auf dem richtigen Weg betrachtet. „Reagans System lässt viel Raum für Verfeinerungen.“

Zum Beispiel lasse sich beim Schach die Wahrscheinlichkeit bestimmen, mit der Mensch einen Fehler macht: Ist es taktisch kompliziert und die Zahl der Optionen groß, ist die Fehlerwahrscheinlichkeit hoch. Ist auf dem Brett nichts los, ist die Wahrscheinlichkeit klein. Macht nun der Mensch trotz hoher Fehlerwahrscheinlichkeit einen starken Zug, ist fremde Hilfe viel wahrscheinlicher, als wenn Mensch eine staubtrockenen Stellung fehlerfrei spielt. Ein solcher Mechanismus sei bei Reagan nicht vorgesehen. Van der Hoorn hat ihn eingebaut.

Okay. Und wie viele der etwa 3.000 Spielerinnen und Spieler in der DSOL betrügen nun?

Diese Frage sähe van der Hoorn gerne andersherum gestellt. Wie jeder Algorithmus arbeitet auch seiner mit Wahrscheinlichkeiten. Den 100 Prozent kann er sich nur annähern, erreichen wird er sie nie. Mit Gewissheit sagen kann van der Hoorn dieses: „90 Prozent der Spieler in der DSOL 2 spielen fair.“ Ihre Statistiken zeigten keine Auffälligkeiten.

Allerdings gelte diese Zahl für die Vorrunden. Tendenziell setzten sich die Betrügerinnen und Betrüger durch, sodass in den Endrunden deren Quote deutlich höher liege. „Eine Farce“ sei manche Playoff-Begegnung in der DSOL 1 gewesen, sagt van der Hoorn. „Ein Match hatten wir vorab 2,5:1,5 getippt, weil abzusehen war, dass sieben Betrüger und ein ehrlicher Spieler beteiligt sind. Und so kam es: drei Remis zwischen Engines und eine Niederlage des Spielers, der es ohne Hilfe versucht hat.“

Die Viertelfinalpaarungen sind längst veröffentlicht. Gekommen ist nichts.

Die etwa 300 verdächtigen Spieler in der DSOL 2 gelte es differenziert zu betrachten. Mehr als die Hälfte von ihnen sieht van der Hoorn als, milde formuliert, dringend verdächtig. Es sei fast auszuschließen, dass sie ihre Partien ohne Hilfe produziert haben – aber eben nur fast. Jenseits der 99,99 Prozent bleibt die Mini-Möglichkeit eines „false positives“ (siehe auch Ende dieses Beitrags). Diese Mini-Möglichkeit lasse sich mit noch genauerer Prüfung des Einzelfalls weiter minimieren.

Neben den dringend Verdächtigen, die laut van der Hoorn quasi überführt sind, stehen diejenigen, deren Fall verdächtig, aber eben nicht so klar ist. Einen von denen hat uns IM Christof Sielecki aufgezeigt. Betroffen war einer seiner Schachschüler, der in einem Sechstligamatch gegen jemanden mit DWZ 1700 unterging, eine brillante, strategisch tiefe Partie der Gegnerin, die obendrein kaum Zeit verbrauchte.

Christof Sielecki spielt für den SV Dinslaken in der DSOL. Nach dieser Saison will er aufhören. | Foto: privat

„Außerirdisch, ein eindeutiger Fall“, sagt Schachtrainer Sielecki, Elo gut 2400. „Ich habe eine Vorstellung davon, was jemand mit 1700 kann. Eine konzeptionell derart tiefe Partie zu spielen, ist ausgeschlossen.“ 

Der Fall wurde gemeldet – und der Protest abgewiesen. Das Ergebnis steht.

Besagte Partie war die zweite der Verdächtigen in der DSOL 2. In der ersten hatte sie sehr menschlich eine Figur eingestellt und verloren. Mittlerweile – nach dem abgewiesenen Protest – hat sie eine dritte gespielt und gewonnen, dieses Mal wieder brillant und mutmaßlich übermenschlich.

Ihre beiden Gewinnpartien, wir müssten sie eigentlich zeigen, berühren ein verbreitetes Missverständnis. Wenn eine Maschine gegen einen Menschen spielt, führt das in aller Regel eben nicht zu dem taktischen Feuerwerk, das der unbedarfte Beobachter erwarten mag. Stattdessen spielt die von Sielecki angeführte “konzeptionelle Tiefe” die Hauptrolle. Der Mensch wird vom überlegenen “Verständnis” der Maschine nach und nach erdrückt, bis er und seine Stellung kollabieren. Raj Tischbierek hat das Phänomen in der “Schach” anhand einer Partie beleuchtet, in der er von einem 600 Punkte schwächeren Gegner genüsslich zerquetscht worden ist.

Sperren auf Grundlage einer Partie?

Wir haben Joop van der Hoorn mit einigen dieser Seite zugespielten Fällen von abgewiesenen Protesten aus der DSOL konfrontiert, unter anderem mit dem von Sielecki aufgezeigten. Und der zeigt exemplarisch die Tücke des Umgangs mit Verdächtigen.

„Verdächtig“ sei besagte Spielerin allemal, sagt van der Hoorn, aber längst nicht dringend verdächtig – noch nicht. Für einen dringenden Verdacht und eine belastbare Konsequenz liege seiner Einschätzung nach zu wenig Partiematerial vor.

Und wenn Sielecki noch so oft „eindeutiger Fall“ sagt: Leute anhand von einer Partie und 20 Zügen zu sperren, ist heikel, das versteht auch der Laie, das sah auch Sielecki ein, als wir ihm van der Hoorns Rückmeldung zu seinem Fall erläutert haben.

Wann ist eine Wahrscheinlichkeit “sehr hoch”?

Aber: Wie vieler außerirdischer Partien bedarf es, um einen Spieler zu sperren und seine Partien zu nullen? Und reicht dafür eine maschinelle Einschätzung? Oder muss zwingend ein Mensch draufschauen? Und falls ja, welcher? Hat die Liga dafür überhaupt Ressourcen? Reicht die Expertise von Anti-Cheating-Chef Ralph Alt, Elo 1525? Oder sollte bei schachlichen Fragen besser jemand aus der Sielecki-Tischbierek-Liga assistieren, wenn nicht den Ton angeben?

Nach Einschätzung der DSOL-Verantwortlichen bedarf es offenbar sehr vieler Partien, um Verdächtige zu sperren, womöglich mehr, als in einer Saison gespielt werden. Angesichts einiger der ihm von dieser Seite vorgelegten, zurückgewiesenen Proteste schüttelt der niederländische Anti-Cheating-Detektiv mit dem Kopf. Selbst für ihn, den Mann der Wahrscheinlichkeiten, seien eindeutige darunter, solche, die er als überführt betrachtet.

In Anbetracht der bevorstehenden Playoffs, in Anbetracht der dort zu erwartenden höheren Quote von Betrügerinnen und Betrügern haben wir beim Anti-Cheating-Team der DSOL nachgefragt:

  • Sind alle Anzeigen/Proteste bearbeitet worden?
  • Wie viele Spieler sind insgesamt gesperrt worden?
  • Wird das Anti-Cheating-Team von sich aus oder nur nach Protesten tätig?

Die Antwort von Ralph Alt:

„Das Anti Cheating-Team wird nach Abschluss des Turniers die bearbeiteten Verfahren statistisch auswerten, Bilanz ziehen und Schlussfolgerungen für die Behandlung von Anti Cheating-Verfahren und möglicherweise für die Turnierregeln einer von zahlreichen Teilnehmern gewünschten dritten Auflage des Turniers ziehen. Vor Abschluss des Turniers will das Anti Cheating-Team keine – möglicherweise voreiligen – Schlussfolgerungen ziehen oder Anlass hierfür bieten. Wegen der geltenden Verfahrensregeln darf ich auf die veröffentlichte Turnierausschreibung verweisen.“

Über inoffizielle Kanäle hören wir, dass die Zahl der Proteste, auch die Zahl der von der ChessBase-eigenen Anti-Cheating-Software ausgespuckten Verdachtsfälle in der DSOL 2 die Verantwortlichen schlicht überwältigt und überfordert hat. Das, gepaart mit der Intention, niemanden voreilig zu verurteilen, hat zu einem verständlichen, gleichwohl denkbar falschen Signal geführt:

Alts Mitteilung nach der dritten Runde, nachzulesen auf der DSOL-Startseite.

Belästigt uns nicht mit euren Anzeigen? Beschäftigt euch lieber damit, wie schlecht ihr Schach spielt?

Zu rechtfertigen wäre eine solche Ansage gegenüber den Spielern, gäbe die DSOL-Spielleitung Anlass anzunehmen, dass sie von sich aus Dingen nachgeht – auch ohne Anzeige. Dass zumindest die Mehrzahl der Falschspielerinnen und Falschspieler aussortiert wird. Stattdessen gibt es Anlass anzunehmen, dass reihenweise Cheater Partie um Partie spielen, teilweise sogar, nachdem sie angezeigt worden waren. Dass die erklärte Absicht, voreilige Sperren zu vermeiden, auch ein Feigenblatt für den nicht zu bewältigenden, unerwartet hohen Aufwand ist.

Ralph Alt. | via Wikipedia

Natürlich besteht unter Schachspielern eine erhebliche Cheating-Paranoia, natürlich ist das ein Problem. Eindämmen lässt es sich nicht mit Beschwerden der Spielleitung über „rundweg zurückzuweisende Anzeigen“ (von denen mehrere mit hoher Wahrscheinlichkeit Substanz hatten), sondern mit einem transparenten und konsistenten Verfahren.

Und mit zielführender Kommunikation. Die Heile-Welt-Besser-nichts-sagen-Fachleute vom DSB und ChessBase investieren erhebliche Ressourcen in ihr Vorzeigeprojekt DSOL, die einzige Liga, die sie auf absehbare Zeit haben. Und sie hätten ja, siehe Überschrift über diesem Text, sogar etwas, mit dem zu arbeiten sich anböte:

90 Prozent spielen ehrlich. Eine gute Nachricht!

Warum, bitte, muss eine Seite vom Bodensee diese Nachricht in der Schachszene bekannt machen? Und darüber aufklären, warum der Umgang mit den 10 Prozent alles andere als trivial ist? Warum ist das Thema seit der dritten Runde nicht wieder zur Sprache gekommen? Nicht einmal vor den Playoffs?

GM Raj Tischbierek hat der DSOL schon den Rücken gekehrt. IM Christof Sielecki will nach der Erfahrung mit dem abgelehnten Protest seines Schülers diese Saison noch zu Ende spielen, und das sei es dann gewesen.

Tischbierek vermutet, dass in der DSOL nur auf Zuruf reagiert wird.

Vielleicht ließe er sich umstimmen, würde die DSOL nachvollziehbar vermitteln, wie sich das Thema aus ihrer Sicht darstellt und wie sie damit umgeht. Vielleicht kämen in der nächsten Saison sogar einige der Vereine ins Boot, die der Cheatingsorge wegen bislang auf eine DSOL-Teilnahme verzichtet haben.

Die 90 Prozent fairer Sportsleute ließen sich ja noch steigern, es müsste nur gemacht werden. Ein einfaches Cheating-Präventionsmittel wäre die Verwarnung: „Wir sehen, was du tust. Hör auf damit, sonst ziehen wir dich aus dem Verkehr.“ In der britischen 4NCL wird davon Gebrauch gemacht, allem Anschein nach erfolgreich. In der deutschen DSOL wird allenfalls sehr zurückhaltend verwarnt.

Zu hören ist, dass die Organisatoren der deutschen Liga das massenhafte Wehklagen der Verwarnten fürchten, wenn massenhaft verwarnt wird. Die Geschichte des Cheatings beim Schach, von Clemens Allwermann bis Dewa_Kipas, zeigt, dass kein Cheater sein Fehlverhalten zugibt. Stattdessen wäre zu erwarten, dass nach Verwarnungen massenhaft Mannschaftsführer und Vereinsvorsitzende mit der immergleichen Botschaft in Hamburg anrufen: „Aber der doch nicht!“

Sich dem Thema ernsthaft zu stellen, würde für die DSOL-Macher bedeuten, diese massenhaften Anrufe auszuhalten. Das Kreuz durchzudrücken und zu entgegnen: „Doch, der.“ Mit der Zeit würde die Zahl der Anrufe sinken.

“Unser Verein spielt fair”

Steigern ließe sich die 90-Prozent-Fair-Play-Quote auch, würde das Thema offensiv und transparent in die Vereine getragen, um Identifikation mit der Sache zu erzeugen. Menschen helfen gerne, ein einfaches Prinzip.

Würde die DSOL deutlich machen, dass sich das Cheatingproblem nur bewältigen lässt, wenn alle helfen, wäre viel gewonnen. Es müsste in die Vereine getragen werden, dass sich vor der Saison, besser noch vor jedem Mannschaftskampf, die Spieler in die Augen schauen und auf Fair Play einschwören sollten: „Unser Verein spielt fair.“

Was bislang in dieser Sache in die Vereine getragen worden ist? – Nichts. Und das erzeugt Unsicherheit, das steigert die Paranoia. Seit Monaten vernehmen wir auf allen Kanälen landauf, landab, dass in den Vereinen in erster Linie Ungewissheit besteht. Grassiert eine Cheating-Epidemie in der DSOL? Wenn ja, was wird dagegen gemacht? Das Internet und die Vereins-Chats sind voll mit Beiträgen, in denen solche Fragen gestellt werden. Antworten gibt es keine, von verklausulierten Verlautbarungen abgesehen.

Ralph Alts ausführlicher Nichtantwort auf die akuten Fragen entnehmen wir eine gute Nachricht: Es wird eine DSOL 3 geben. Und noch eine gute Nachricht: Es wird von offizieller Seite Anlass gesehen, auszuwerten und Schlüsse zu ziehen.

Nach der Saison. Jetzt spielen wir erstmal die Playoffs.

(Titelbild via Schachdeutschland TV)

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