Statt Krisensitzung: So geht Schachverein!

Der SC Überlingen ist wahrscheinlich eine ähnliche Ansammlung von Schnarchnasen wie die meisten anderen kleinen Vereine. Hätten wir nicht eine gute Seele, die sich verlässlich kümmert, wir könnten den Laden zumachen.

Eine derart dünne Personaldecke wird leicht zur existenziellen Gefahr. Wenn alles immer auf denselben zwei Schultern abgeladen wird, kann es passieren, dass dieser Mensch irgendwann nicht mehr mag. Er fühlt sich im Stich gelassen, ihm fehlt die Anerkennung, er sieht keinen Grund, sich für die anderen krumm zu machen. Es kommt ja nichts zurück.

Struktur und Ziele

Bei uns wäre das neulich fast passiert. Bevor der Laden implodiert, sollte eine Krisensitzung die Sache retten. Unmittelbares Ziel war, mehr als zwei Schultern zu finden, auf denen sich Sachen abladen lassen. Unerwartet, aber höchst willkommen fanden wir bei dieser Gelegenheit Hilfe, die dazu beitragen könnte, unsere Ansammlung von Schnarchnasen in ein funktionierendes Gebilde zu verwandeln.

Ort der Krisensitzung war das Wohnzimmer eines Schachfreunds, dessen Partnerin so freundlich war, die versammelten Denksportler zu bewirten. Ihren Mann kannte sie als verpeilten Klötzchenschieber. Dass solche Spezies im Schach die Regel sind, nicht die Ausnahme, wurde ihr erst an diesem Abend klar.

Personalführung und Ressourcenmanagement

Zwangsläufig hörte sie, was gesprochen wird. Bald brachte sie sich ein, gab hier einen Hinweis, dort eine Anregung, um unserem orientierungslosen Driften ein wenig Struktur zu verleihen, um uns Ziele aufzuzeigen, die wir ansteuern sollten. Am Ende saßen wir ganz klein da und lauschten mit großen Augen dem Vortrag einer Managerin, die erläuterte, wie sie einen Schachverein auf dem Dorf führen würde.

Hallelujah!

Der Bodensee: Eine Oase, einerseits. Andererseits eine Schachwüste. Aber daran arbeiten wir, und seit neuestem wissen wir sogar, wie Verein geht. | Foto: Rebecca Beiter

Einiges war zu spezifisch, anderes würde zu weit führen, aber drei einfache, praxisnahe Punkte sollten an dieser Stelle festgehalten werden, weil jeder Verein und Verband davon profitieren kann:

E-Mail-Verteiler funktionieren nicht

Jeder Mannschaftsführer kennt es: Am Sonntagabend geht die Mail an die acht Spieler raus, damit sie ihre Teilnahme am Mannschaftskampf in einer Woche zusagen. Fünf Tage später liegen vier, vielleicht fünf Zusagen vor. Am sechsten Tag hätte sich das nicht geändert, hätte nicht der Mannschaftsführer seine Leute direkt angerufen. So läuft das vor jedem Mannschaftskampf.

Das deutsche Schach ist voll mit E-Mail-Verteilern. Ganz oben gibt es den Verteiler für den Hauptgeschäftsführer, das Präsidium und die Landespräsidenten. Ganz unten gibt es den zwischen Lothar, Klaus und Conrad. Wenn Lothar darin schreibt „Dieses oder jenes liegt an, kümmert Ihr Euch?!“, dann legt Conrad die Mail beiseite. Klaus wird sich schon kümmern. Nur legt der die Mail auch beiseite, am Ende passiert nichts, und Lothar fühlt sich veralbert.

Wieder eine Mail von Lothar. Ach, so viel anderes zu tun, die lass ich mal liegen. Klaus oder Klaus werden sich schon kümmern.

E-Mails mit einer Handlungsaufforderung verpuffen in Verteilern. Die Empfänger sehen, dass die Nachricht an mehrere gerichtet ist, und sie denken, jemand anderes wird sich des Falles schon annehmen. Wer erreichen möchte, dass Leute ihren Hintern bewegen, der muss sie direkt ansprechen. Wie das erfolgreich geht, dazu später mehr.

Zum Verbreiten von Informationen an einen gezielten Kreis von Leuten taugen E-Mail-Verteiler durchaus, hervorragend sogar. Der Absender darf nur nicht erwarten, eine Reaktion auszulösen.

Menschen helfen gerne

Im Prinzip ist der Mensch ein soziales, empathisches Wesen. Das gilt sogar für den Schachspieler. Wird dessen menschliche Ader gezielt angezapft, besteht eine gute Chance, dass der Schachspieler wie ein normaler Mensch reagiert. Aufgeschlossen nämlich.

Lothar wäre schlecht beraten, wieder und wieder mit Klaus und Conrad zu schimpfen, wenn die sich gar nicht oder viel zu spät gerührt haben. Klar, er wird schlechtes Gewissen auslösen, verschämte Blicke auf den Boden, vielleicht sogar eine Entschuldigung, aber die Sache bringt das nicht voran.

Der Grundfehler ist ein anderer, und der ist schon vorher passiert. Lothar hatte in den Verteiler geschrieben: „Kümmert euch.“ Stattdessen hätte Lothar gezielt einzelne Leute ansprechen und sagen sollen: „Das schaffe ich nicht alleine. Hilfst du mir?“ Er könnte auch sagen: „Damit kennst du dich besser aus als ich. Hilfst du mir?“

Das würde funktionieren. Menschen helfen gerne, und sie zeigen gerne, was sie können. Es muss nur jemand gezielt an die Hilfsbereitschaft des Einzelnen appellieren, anstatt einer Gruppe eine Aufgabe hinzuknallen.

Ressourcen, Ressourcen

Jedes Mitglied des SC Überlingen wie jedes anderen Vereins verfügt über spezielle Fähigkeiten und Werkzeuge, die der Gruppe nutzen könnten. Klaus kann Zahlen in Formulare eintragen, Conrad Buchstaben aneinanderreihen. Ramadan hat einen Bulli für Transporte, Uli eine riesige Garage, Arno malt besser als Picasso.

Jeder von denen kennt jemanden (der jemanden kennt), der sich gezielt um Hilfe bitten lassen könnte. Selbst ein Trupp von 20 verpeilten Männeken am See kann gewaltige Ressourcen mobilisieren.

Das Seminar „Personalführung und Ressourcenmanagement“ für den Überlinger Vereinsvorstand  zum Beispiel hätte sich nicht zufällig bei einer Krisensitzung im Wohnzimmer ergeben müssen. Der dort lebende Schachfreund hätte im Sinne des Vereins längst erzählen sollen, mit wem er sich das Wohnzimmer teilt und was die Dame einbringen könnte. Und schon hätte Lothar sie seiner Liste mit zur Verfügung stehenden Ressourcen hinzugefügt, die sich bei Bedarf aktivieren lassen.

Der Umstand, dass alles bei wenigen hängenbleibt, wird ja nicht weggehen. Dafür haben wir einen Vorstand und einen Vorsitzenden. Wichtig ist, dass diese wenigen gezielt delegieren können (Menschen helfen gerne!). An Ressourcen mangelt es nicht einmal im kleinsten Dorfverein, es müssen nur alle davon wissen.

Und sie zu nutzen verstehen.

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