Präsident:innenkarussell?

Olga Birkholz steht bereit, für die DSB-Präsidentschaft zu kandidieren. Das bestätigte die DSB-Vizepräsidentin Sport auf Anfrage dieser Seite. Birkholz ließ durchblicken, dass sie ein Szenario für möglich hält, in dem weder Ullrich Krause noch Christian Kuhn eine klare Mehrheit der Delegierten hinter sich vereinen können. In so einem Fall, sagt sie, wäre es nötig, dass jemand anderes kandidiert.

Birkholz empfindet es als unglücklich, dass ihrer Wahrnehmung nach hinter den Kulissen vor allem über Änderungen von Satzung und Struktur gesprochen wird, solche Änderungen in erster Linie, die einem Präsidenten erlauben, möglichst lange im Amt auszuharren. Ihr gehe es stattdessen um die Sache: engagiert gelebtes Ehrenamt, Ausbildung und nicht zuletzt der Sport. Sollten allerdings diese praktischen Schwerpunkte seitens der Delegierten auf kein Interesse stoßen, „würde ich das selbstverständlich akzeptieren“.

Olga Birkholz (2.v.l.). | Foto: Klaus Steffan

Als erste Frau in einem DSB-Präsidium jemals war Olga Birkholz von Beginn an außen vor, als einziges Mitglied des Präsidiums ist sie für den DSB nicht vertretungsberechtigt. Ullrich Krause hat seiner Vizepräsidentin öffentlich vorgeworfen, sie sei „kein Teamplayer“. Mittlerweile heißt es, das Verhältnis sei zerrüttet.

Olga Birkholz‘ schwerer Stand resultiert im Wesentlichen daraus, dass sie sich bei der Wahl zur Vizepräsidentin Sport gegen Klaus Deventer durchgesetzt hatte. Den hatte Krause als wesentliche Stütze seiner Präsidentschaft fest eingeplant. Deventers Niederlage zu akzeptieren, fiel ihm über Monate sichtlich schwer. Bei der Wahl 2021 soll nun Ralph Alt als eben diese Präsidentenstütze in einem ansonsten denkbar schwachen Präsidium installiert und Birkholz abgewählt werden.

Auch andere Leute beschäftigen sich mit der Möglichkeit, dass Krause und Kuhn scheitern – und mit der Frage, was dann passiert. Gerhard Köhler zum Beispiel. Dem Vernehmen nach hat der Unternehmer und Schachförderer versucht, in Sachen Präsidentenwahl eine Koalition der Schmitts und Hensels zu schmieden. Ziel: mit der vereinten Kraft der anerkanntesten Schach-Macher im Land Michael S. Langer ins Amt befördern. Der führt als niedersächsischer Schachpräsident einen fortschrittlichen Landesverband, der dem in Formalitäten, Grabenkämpfen und Bunkermentalität gefangenen DSB als Vorbild dienen könnte.

Allein, Langer wollte nicht – erst Recht nicht als einzelner Kandidat, der dann ein Präsidium mit den unvorhersehbaren Leuten bilden müsste, die ihm das Kongressroulette an die Seite stellt. Nun sind nach dieser Absage keine Signale zu hören, dass Köhler seine Initiative ausweitet, Langer auffordert, sich sein Traumteam zusammenzustellen, um dann mit all seiner Gravitas für dieses zu werben. Stattdessen scheint Köhlers Initiative versandet zu sein.  

Als Ende 2019 Robert Hübner den Schachförderer Gerhard Köhler (links) in Leipzig besuchte, entstand ein Bericht mit enormer Titel- und Doktorendichte, in dem alle darin vorkommenden Frauen mit dem Extratitel „Frau“ gekennzeichnet sind. | Foto: Schachstiftung GK

Von einem Traumteam ist auch Christian Kuhn weit entfernt. Der Berliner tut sich schwer, gute Leute zu finden, die als Teil eines „Team Kuhn“ dem DSB einen Neuanfang verordnen wollen, der als solcher gemeint ist. Öffentlich benannt hat Kuhn noch niemanden, offene Personalgeheimnisse gibt es längst einige.

Mit Jan Werner, Vorsitzender des Zweitligisten Düsseldorfer SK, soll jemand Vizepräsident Verbandsentwicklung werden, der aus der vordersten Front der Vereinsarbeit kommt und mit DSB-Gremien bislang wenig am Hut hatte, also genau die Infusion, die diese Gremien brauchen. Dem Vernehmen nach hat Kuhn außerdem zwei Großmeister für sein Team gewonnen: Georg Meier als potenziellen Vizepräsident Sport und Gerald Hertneck als Leistungssportreferenten.  

Christian Kuhn. | Foto: Frank Hoppe/DSB

Ullrich Krause setzt derweil seine Strategie des Unfallfrei-bis-zum-Kongress-Kommens fort, kombiniert mit dem taktischen Zug, in möglichst jedem Zoom-Meeting zu jedem Schachthema präsent zu sein und präsidiabel zu erscheinen. Die Präsenz von Geschäftsführer Marcus Fenner in Gremien und Gesprächsrunden ist dagegen seit dem Aufstand der Kaderspieler deutlich zurückgegangen.

Wer von Krauses Herausforderer Christian Kuhn erwartet hatte, er würde ab dem Tag der Verkündung seiner Kandidatur ebenfalls präsent sein und die reichlich vorhandenen Vorlagen und drängenden Themen aufnehmen, der musste erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass der Herausforderer stumm blieb. Schon vor Wochen hat Kuhn Workshops veranstalten lassen, in denen Ideen und Konzepte gesammelt werden sollten. Welche Ideen und Konzepte, ist seitdem nicht nach außen gedrungen.

Jetzt hat sich Kuhn zum ersten Mal seit Bekanntgabe seiner Kandidatur öffentlich geäußert. Hier einige im Krennwurzn-Interview besprochene Komplexe:

Projekt 1 Million

Als diese Seite vor zwei Jahren für ihren Wunschpräsidenten Ullrich Krause trommelte, hat sie auch im Programm des Gegenkandidaten Uwe Pfenning eine vermeintlich gute, ambitionierte Idee gefunden: Das „Projekt 100.000plus“ und das damit verbundene Ziel, die Zahl der Vereinsspieler in Deutschland ins Sechsstellige zu steigern.

Kuhn geht das nicht weit genug, er fände ein „Projekt 1 Million“ angemessen: „Ich habe von den Holländern gehört: Auf einen Vereinsspieler kommen 10 Spieler außerhalb der Organisationen, die regelmäßig spielen, und auf diese 10 Gelegenheitsspieler. Wir haben in Deutschland aktuell 82.000 Spieler mal 10 mal 10 wäre eine Zielgruppe von 8,2 Millionen.“

Vor diesem Hintergrund repräsentiere ein „Projekt 100.000 ein zu niedrig gestecktes Ziel. „Natürlich ist ein Projekt 1 Million nicht kurzfristig realisierbar, aber die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Den müssen wir jetzt machen.“

Die interessierte Öffentlichkeit

Die Fenner-Krause-Informationspolitik besteht darin, Unangenehmes möglichst stumm auszusitzen. Aktuell gibt es dafür eine Reihe von Beispielen, etwa das auch in der zweiten Saison weder benannte noch bekämpfte Cheating-Problem in der einzigen Liga, die der DSB hat. Oder die von Kuhn genannten 82.000 Mitglieder.

Die stehen für einen Rückgang um etwa zehn Prozent während der Pandemie. Nachdem es seitens unseres Schachbunds erst ein Jahr lang keine Kampagne gab, die die Leute anhält, ihren Vereinen treu zu bleiben, wird nun verschwiegen, dass nach Kuhns Angaben 10.000 aus ihren Vereinen ausgetreten sind – ein beispielloser Einbruch, der auf der DSB-Seite nicht vorkommt.

Anzeichen, dass jemand aus der gegenwärtigen Führungsmannschaft gewillt ist, sich der Krise zu stellen, die besorgniserregende Entwicklung zu analysieren, geschweige denn Ideen zu entwickeln, ihr zu begegnen, gibt es nicht (außer „die Vereine müssen es machen“). Und die nächste Krise steht bevor: Wer die Altersstatistik der deutschen Vereinsspieler anschaut, der sieht, dass mittelfristig auf natürliche Weise tausende von Vereinsmitgliedschaften erlöschen werden, während aus jüngeren Jahrgängen weniger nachkommt, als in den älteren abtritt.

Arkadij Naiditsch.

Anstatt sich damit zu beschäftigen und gegenzusteuern, wird der schrumpfende Mitgliederbestand verwaltet, als ob nichts wäre. Das DSB-Präsidium hat jetzt einen Auftrag vergeben, eine neue Software für die Verwaltung dieses schrumpfenden Bestands zu entwickeln. Fragen bei Ullrich „Ich hab‘ kein Budget“ Krause und Hans-Jürgen „Den Gürtel enger schnallen“ Weyer, was das kostet, sind bislang unbeantwortet geblieben.

Fünfstellig oder sechsstellig? Man weiß es nicht – Verschlusssache, ebenso wie der Fall Arkadij Naiditsch. Der wird ausgesessen, Krause hofft, dass er von alleine weggeht. Die schon vor Monaten gestellte Frage einiger Landespräsidenten nach einer Begründung für die Naiditsch-Entscheidung des Präsidiums ignoriert er bislang. „Mir, der interessierten Öffentlichkeit und anscheinend auch Herrn Naiditsch hat noch niemand erklärt, wieso man einem Staatsbürger und Mitglied eines DSB-Vereins die Föderationszugehörigkeit verweigert“, sagt Kuhn.

Der Berliner Schachpräsident kündigt die Selbstverständlichkeit an, dass er als DSB-Präsident mitteilen würde, was er denkt und tut, sei es per präsidialem Newsletter, sei es per „Townhall Meeting“ via Twitch.

Die Fenner-Frage

Und wenn Walter Rädler noch so sehr über dieser Frage obsessiert: Wo Marcus Fenner seinen Doktor-Titel erworben hat, ist für das deutsche Schach nicht von Bedeutung. Ob Marcus Fenner neben dem Geschäftsführer, dem Sportdirektor, dem Doktor und dem Professor den FIDE-Titel „Internationaler Organisator“ trägt, ist für das deutsche Schach auch nicht von Bedeutung. Leider bewegen in erster Linie diese beiden Fragen den Fragesteller beim Kuhn-Interview.

Darum bleibt das Nachhaken aus, wenn Christian Kuhn sagt: „Ich kündige keinem Angestellten, ohne dass dieser sich etwas hat zu Schulden kommen lassen.“ Die Krennwurzn hätte sogleich aufzählen können: die katastrophale Außendarstellung, die über zwei Jahre ohne Not und ohne Maß eskalierten Konflikte, die daraus folgende zweijährige Lähmung, die Reihe der über Bord gegangenen Leute, die Reihe der kaltgestellten Leute, die Reihe der gegeneinander aufgebrachten Leute, die Abneigung, Teams zu formen, Vertrauen zu fassen, Menschen einzubinden, Menschen zu stärken, die Neigung zu Misstrauen, Kontrolle, Kleinstmanagement, das Fehlen von Fantasie und gestalterischer Ambition – und wenn es nur eine Kampagne gewesen wäre, die die Leute in den Vereinen hält.

Wie viel Schaden muss angerichtet werden, bis Christian Kuhn eine Schuld erkennt? Leider wurde das nicht gefragt.

Lässt sich unser Geschäftsführer gemäß seinen Stärken auf spezifischen, klar definierten Feldern einsetzen? Lässt er sich auf diese Felder beschränken, so dass auf anderen Feldern kein Porzellan zu Bruch geht, keine Keime ersticken? Jede neue DSB-Präsidentin, jeder neue Präsident muss als Allererstes diese Fragen beantworten.

Kuhn diagnostiziert eine „sehr lange Leine“ und lässt durchblicken, dass sich ihm anders als dem Amtsinhaber die Fenner-Frage zumindest stellt. Antwort: offen.

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