Gelbe Karte für den Iran

Die 46. Schacholympiade 2024 wird in Ungarns Hauptstadt Budapest ausgetragen. Das ist einer der Beschlüsse der 91. FIDE-Generalversammlung, die in weiten Teilen im Zeichen eines möglichen Ausschlusses des iranischen Verbands aus der weltweiten Schachgemeinschaft stand. Weitere Beschlüsse: Der Schachverband der Isle of Man ist ab sofort Teil der FIDE, und Exweltmeister Boris Spassky ist ab sofort deren Ehrenmitglied.

Viel gespielt wurde nicht, gleichwohl war es ein mit Schach reich gefülltes Wochenende. Vom stellvertretenden Jugendwart des SC Überlingen bis zum Präsidenten des Weltschachverbands trafen sich hunderte Schach-Macher aller Ebenen bei der zweitägigen ChessTech2020 und produzierten eine Fülle von Ideen, Konzepten, Anstößen und Perspektiven im Sinne unseres Spiels. Davon wird hier wie auf unserer Partnerseite ChessTech noch die Rede sein.

National tagte die Kommission Leistungssport, von der im Kontext des jüngsten Leistungssportdesasters noch zu berichten sein wird (dem Vernehmen nach haben wir ab 2021 vier statt wie bisher zwei A-Kader-Spieler). Regional erreicht uns eine bemerkenswerte Personalie vom Niedersächsischen Schachkongress: Kevin Högy, hauptamtlich in der Berliner Geschäftsstelle für den DSJ e.V. tätig, wird Leistungssportreferent in Niedersachsen. Im deutschen Schach wird es diese Woche weitergehen: Am Freitag tagt der Arbeitskreis der Landesverbände, tags darauf der Hauptausschuss unseres DSB mit den Themen DSJ-Umlage und Jagodzinsky-Rücktritt.

Die FIDE hat sich bei ihrer erstmals in ihrer Geschichte online abgehaltenen Generalversammlung eines Themas angenommen, das seit Jahren gärt: Iranische Schachspieler dürfen nicht gegen israelische antreten, wollen sie nicht in ihrer Heimat erhebliche Repressionen erleiden. Ein Antrag von Malcolm Pein, Delegierter des englischen Schachverbands ECF, und Nigel Short, Vizepräsident der FIDE, besagte, die Iraner sollten ihre Spieler anweisen, gegen andere Spieler jeglicher Nationalitäten anzutreten, andernfalls solle die FIDE die Iraner ab dem 1. Januar 2021 von jeglichem Wettbewerbsgeschehen ausschließen.

Wie der Iran seine besten Köpfe verliert

Ganz so hart kam es letztlich nicht. FIDE-Präsident Arkadi Dvorkovich präsentierte einen Alternativantrag, der auf beiden Seiten kurzfristig Raum für Diplomatie lässt, der aber mittelfristig Sanktionen bis hin zu einem Ausschluss des Iran nicht vom Tisch nimmt. „Eine gelbe statt der roten Karte für den Iran“, kommentierte Pein den Antrag seines Präsidenten. Die beiden Briten zogen ihren Vorschlag zurück, Dvorkovichs Modell wurde mit 75 Prozent Ja-Stimmen von den Delegierten beschlossen. Nun ist der Iran am Zug.

Die iranische Regierung erkennt die Legitimität Israels als Staat nicht an, und das führt zu einem in beinahe jedem Sport auftretenden Phänomen: Sollen Iraner gegen Israelis antreten, verweigern die Iraner den Wettkampf, und der Iraner verliert kampflos. Letzteres allerdings war beim Schach lange nicht die Regel, stattdessen versuchten Schiedsrichter von vornherein, iranisch-israelische Paarungen zu vermeiden. Die Dvorkovich-FIDE, anders als ihre Vorgänger, ist erklärter Gegner dieser Praxis.

Strafen für Verstöße von Sportlern gegen politisch oder religiös geprägte Vorschriften lassen sich im Schach leicht finden. Den iranischen FM Borna Derakhshani traf es, nachdem er beim Gibraltar Chess Festival 2017 gegen den israelischen GM Alexander Huzman gespielt hatte. Der iranische Schachverband strich Derakhshani aus der Nationalmannschaft und für künftige Turniere im Iran. Seine Schwester Dorsa, als Irans nationale Nummer zwei ebenfalls in Gibraltar 2017 am Start, traf dieselbe Strafe, weil sie kein Kopftuch getragen hatte. Sie lebt jetzt in den USA und spielt für die USA.

Die iranische Schiedsrichterin Shohreh Bayat repräsentiert ein weiteres Beispiel dafür, wie der Iran seine besten Köpfe verliert. Bayat mochte nach der jüngsten Frauen-WM aus Furcht vor Repressalien nicht zurück in ihre Heimat zu ihrer Familie reisen. Im Iran war ein Foto kursiert, das den Anschein erweckte, die WM-Schiedsrichterin trage ihr Kopftuch nicht (sie trug es). Bayat lebt mittlerweile in London und hat sich das Recht erstritten, dort bleiben zu dürfen.

Ein Küsschen vom Ajatollah

Verhalten sich iranische Schachspieler konform der ihnen mit Druck aufgezwungenen Regeln, finden sie sich nicht selten in iranischen Medien als positive Beispiele für ihre „politiische Entscheidung“ wieder. Manchmal gibt es sogar ein Küsschen vom Ajatollah für die kampflose Null gegen einen Israeli.

Im Dezember 2019 machte der Fall der iranischen GM Parham Maghsoodloo und Amin Tabatabaei während des Sunway Sitges Chess Festivals Schlagzeigen. Bei einem Blitzturnier im Rahmen des Festivals hatten beide gegen Israeli gespielt, wahrscheinlich ohne deren Nationalität zu kennen. „Dies verursachte ihnen große Probleme“, schrieben Pein und Short in ihrem Antrag: „Noch bevor sie in den Iran zurückkehrten, mussten sie sich entschuldigen. Um sich zu schützen, musste Parham die israelische Regierung kritisieren.“

Trotzdem beschlossen das iranische Sportministerium und der iranische Schachverband, die Teilnahme ihrer Männer an der wenig später ausgetragenen Blitz- und Schnellschach-WM abzusagen. Das wiederum hatte zur Folge, dass sich der iranische Schach-Superstar Alireza Firouzja vom iranischen Verband lossagte. Die Blitz- und Schnellschach-WM spielte er unter FIDE Flagge. Unter der spielt er immer noch.

Firouzja war auch am bekanntesten Beispiel für eine kampflose Niederlage eines Iraners gegen einen Israeli aus der jüngeren Vergangenheit beteiligt. Beim Grenke Open 2019 verlor er seine Drittrundenpartie gegen den israelischen FIDE-Meister Or Bronstein.

Diese und andere Beispiele waren im Antrag der beiden Briten aufgeführt. Diesen Antrag beantwortete der iranische Schachverband mit einer bemerkenswerten Stellungnahme. Nie habe man gegen die olympische Charta verstoßen, behaupteten die Iraner. Im Iran gebe es kein Verbot, sich mit Sportlern anderer Nationen zu messen. Alle Entscheidungen von Spielern, nicht anzutreten, seien persönlicher Natur gewesen, sie spiegelten die persönliche Überzeugung der Spieler.

Mittelfristig ist keine Option vom Tisch

Angesichts dieser Stellungnahme fragte FIDE-Vizepräsident Short den iranischen Delegierten Farhad Nikoukhesal, ob er iranischen Spielern erlauben würde, gegen Israeli zu spielen. „Ja oder Nein“, insistierte Short. Eine klare Antwort bekam er einem Bericht über die Generalversammlung von chess.com zufolge nicht.

Ein Küsschen vom Ajatollah: Als IM Aryan Gholami Anfang 2019 beim Rilton-Cup eine Partie gegen einen Israeli verweigerte, war daheim der oberste Führer Ali Khamenei derart entzückt, dass er den Schachmeister einlud, um ihn zu liebkosen. (Foto: Iranische Medien)

FIDE-Präsident Dvorkovich wollte die Angelegenheit gleichwohl noch nicht eskalieren lassen. In seinem Antrag wird der Iran ebenso wie alle anderen nationalen Schachverbände aufgefordert, seine Spieler anzuweisen, die Grundsätze der olympischen Bewegung und der FIDE-Charta zu respektieren. Außerdem solle der Iran „sicherstellen, dass es keine weiteren Fälle von Boykott gibt, dass die Website des nationalen Verbands nicht mehr als politisches Medium verwendet wird und dass während FIDE-Veranstaltungen Funktionäre und Spieler keine diskriminierenden Kommentare abgeben“.

Ein sofortiger Ausschluss des Iran war damit vom Tisch. Mittelfristig droht dieser Ausschluss durchaus. Die FIDE-Generalversammlung unterstützt zwar entsprechend Dvorkovichs Antrag diplomatische Wege zur Lösung der verbleibenden Differenzen, behält sich aber Restriktionen gegen den Iran vor, sollten es „die Umstände rechtfertigen“. Der Antrag ist aber nicht explizit gegen den Iran gerichtet, er betrifft alle nationalen Verbände.


Dieser Beitrag ist ein erweiterter Auszug aus der Kolumne „Schachgezwitscher“ in der kommenden Ausgabe der Rochade Europa.

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