Absturz an der Börse gestoppt: „Jetzt liegt es an Grenke, sich das Vertrauen der Anleger neu zu verdienen“

Mitte September sah sich die Grenke AG mit einer Reihe unerhörter Vorwürfe konfrontiert, und der Kurs der Aktie brach ein. „Abzocke“, „Scheingeschäfte“, „Betrug“, „Geldwäsche“ waren nur einige der Begriffe, die im Zusammenhang mit der dem Schach verbundenen Baden-Badener Unternehmensgruppe kursierten. Was ist davon übrig geblieben?

Schachmeister, Finanz- und Börsenexperte Thorsten Cmiel hat die Vorgänge seitdem im Detail verfolgt. Wir haben ihn gebeten, uns ein Bild der gegenwärtigen Lage zu zeichnen. Was ist der Stand der Dinge? Was bedeutet es, dass die Grenke AG jetzt aus dem Aktienindex MDAX gestrichen worden ist? Diese und andere Fragen beantwortet Cmiel im Interview:

Thorsten, wir haben vor einigen Wochen über Vorwürfe gegen die Grenke AG gesprochen – und festgestellt, dass die Lage undurchsichtig ist. Wie sieht das heute aus?

Beginnen wir mit dem Geschehen auf dem Parkett und etwas Positivem: Der Kurs hat sich zuletzt stabilisiert, knapp unter 40 Euro. Das ist zwar ein ganzes Stück weg von alten Höchstkursen, aber die alten Kurse an der Börse sollte man nicht überbewerten in ihrer Indikatorwirkung für den Wert eines Unternehmens. Wichtiger als die absolute Höhe scheint mir zu sein, dass der Abwärtsschub gestoppt wurde. Jetzt liegt es am Unternehmen, sich das Vertrauen der Anleger neu zu verdienen.

Am Freitag kam die Meldung, dass Grenke bald nicht mehr Teil des MDAX sein wird.

Grenke ist sozusagen an der Börse abgestiegen. Ab dem 21. Dezember 2020 wird die Gruppe nicht mehr im MDAX, zweite Liga, notieren, sondern im SDAX, der dritten. Ersetzt wird Grenke durch die Siemens-Abspaltung, Siemens Energy. Dieses Unternehmen ist jedoch eine ganz andere Hausnummer mit über 90.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 27 Milliarden Euro. Ein Vergleich zwischen Siemens Energy und Grenke stellt sich nicht. Man müsste also fragen, gegen wen hat Grenke im Abstiegskampf verloren? Das war wohl die Aareal Bank. Der Indexabstieg hat vordergründig nichts mit den Vorwürfen gegen Grenke zu tun.

Vordergründig?

Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Entscheidung mit den aktuellen Vorwürfen gegen die Grenke AG zusammenhängt. Wie die internen Gespräche, die zu der Indexumbildung geführt haben, abgelaufen sind, wissen wir natürlich nicht. Daher: vordergründig.

Was bedeutet solch ein Abstieg?

Wenig. Aufmerksamkeit geht verloren und damit erschweren sich eventuell in Zukunft die Refinanzierungsmöglichkeiten des Unternehmens. Zudem müssen Indexfonds, die bislang den MDAX gespiegelt haben, ihre Grenke-Papiere verkaufen. Dafür kaufen SDAX-Fonds Aktien der Grenke AG.

Die Firmenzentrale in Baden-Baden. | Foto via Wikipedia

Kannst du die heftigen Vorwürfe gegen die Grenke AG mittlerweile einordnen?

Darauf hat das Unternehmen inzwischen reagiert. Daher können wir jetzt die Lage etwas genauer beschreiben. Anfangs war Grenke mit Wirecard, dem größten Skandalunternehmen der deutschen Börsengeschichte, verglichen worden. Das erscheint doch etwas zu dick aufgetragen. Liquide Mittel sind vorhanden und wurden durch Bestätigungen öffentlich nachgewiesen. Bilanzbetrug liegt also nicht vor. Und das dürfte die Anleger beruhigen.

Ist die Grenke AG jetzt rehabilitiert?

So schnell geht das nicht an der Börse. Eine Bilanzmanipulation wie bei Wirecard scheint inzwischen vom Tisch zu sein. Aber es bleiben Vorwürfe und Kritik am Wachstumsmodell. Positiv ist: Der Vorstand der Grenke AG will die Organisation nachschärfen und einige Baustellen bei der Transparenz des Wachstumsmodells beheben. Ende Oktober gab das Unternehmen bekannt, dass man den Vorstand um einen Chief Risk Officer (CRO) erweitert hat. Der CRO ist für Recht und Compliance zuständig, also für das Einhalten von Regeln.

Wie geht das Unternehmen mit der Kritik am Wachstumsmodell um?

Es reagiert darauf. Grenke will künftig Unternehmen, die vor allem im Ausland für Wachstum sorgen sollen, stärker und früher in die eigene Struktur einbinden. Diese Reaktion zeigt übrigens, dass die Kritik des Short Sellers Fraser Perring sogar vom Unternehmen anerkannt wurde. Die Grenke AG will künftig transparenter agieren, das ist immer erfreulich.

ARD-Porträt von Fraser Perring.

Sind noch weitere Vorwürfe übriggeblieben?

Die verbliebene Kritik ist vor allem auf vergangene Transaktionen gerichtet. Es gab Zweifel und Kritik an den Kaufpreisen von Franchise-Unternehmen. Es gibt da eine Beteiligungsgesellschaft, die ebenfalls den Besitzer wechselte. Bei Kaufvorgängen von Unternehmen entsteht immer das Problem, dass Preise für konsolidierte Unternehmen eventuell nicht angemessen sind. Der Verdacht steht besonders dann im Raum, wenn beteiligte Personen miteinander verbunden, also Bekannte sind. Da gibt es bei vergangenen Transaktionen zumindest Zweifel. Zumal der Vorstand in der Analysten- und Pressekonferenz in dieser Frage keine „bella figura“ gemacht hat. Der Vorstand wich Fragen zu den Verkäufern einer Gesellschaft aus.

Wie geht es weiter?

Das kann man noch nicht beurteilen. Zurzeit prüft eine unabhängigen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, und die Finanzaufsicht geht ebenfalls Fragen nach. Die Verflechtungen mit Wolfgang Grenke und ihm zugeordnet seiner Lebenspartnerin lassen solche Verdachtsmomente jedenfalls nicht völlig absurd erscheinen. Er streitet dahingehende Vorwürfe ab. Das wird man also sehen. Wolfgang Grenke lässt seinen Job im Aufsichtsrat ruhen. Er hat zudem angekündigt, man wolle Fraser Perring und seine Gesellschaft Viceroy Research nicht verklagen. Dadurch hat man an der Front sozusagen erst einmal Ruhe im Unternehmen, das ist positiv.

„Verdachtsmomente zumindest nicht absurd“: GrenkeChess-Sponsor und Schachbundesliga-Mäzen Wolfgang Grenke im Gespräch mit Viswanathan Anand. | Foto via chess tigers/DSB

Was bleibt vom Vergleich mit Wirecard?

Entfernt könnte man einen Vergleich anstellen: Bei Wirecard war Geld der Aktionäre aus dem Unternehmen abgeflossen durch eine Art „Round-Tripping“. Das ging so: Das Unternehmen kaufte überteuert eine Gesellschaft im Ausland, die kurz zuvor für einen Bruchteil in eine andere Gesellschaft eingebracht worden war. Bei Wirecard wird vermutet, dass unter anderem Jan Marsalek einer der Begünstigten dieses Geschäftes war. Es handelte sich um einen Fonds auf Mauritius, der seine Beteiligung an einem indischen Unternehmen mit einem Aufschlag von etwa 800 Prozent in wenigen Wochen weiterreichte. Andere Vorgänge bei Wirecard sind noch etwas komplizierter. Offenkundig haben Wirtschaftsprüfer dort komplett versagt. Bei Grenke wäre zumindest die Größenordnung eine völlig andere. Die Grenke AG sagt zudem, man habe die Unternehmen mit einer vorher festgelegten Preisformel bewertet, und die Preise seien angemessen gewesen. Das hört sich viel besser und weniger konspirativ an. Aber das räumt in der aktuellen hitzigen Situation die Zweifel an der Angemessenheit der gezahlten Kaufpreise nicht gänzlich aus. Die Grenke AG hat selbst ein Gutachten dazu in Auftrag gegeben, das sich mit diesen Fragen beschäftigen soll. Noch sind die Ergebnisse nicht bekannt.

Ist das alles? Fraser Perring hatte ja einen ganzen Strauß von Vorwürfen präsentiert.

Die behauptete Fehlbewertung und überhöhte Preise sind die aus meiner Sicht zumindest ernsthaftesten Vorwürfe. Es gibt von dem britischen Shortseller noch weitere, die nach meiner Einschätzung etwas mehr an die unternehmerische Ehre gehen. Dabei geht es um das Thema Vertragsmanagement im Ausland. Eine Gesellschaft in Großbritannien, mit der Grenke zusammenarbeitete, soll teure Verträge an Geschäfte verkauft haben, die über Werbung refinanziert wurden. Das scheint nicht geklappt zu haben, und die Vertragspartner haben jetzt teure Verträge mit Grenke am Hals.

Dieser Schuss geht eher in Richtung Grenke-Partner als an Grenke selbst.

Das kann man so sehen. Aber in Italien gibt es ebenfalls Vorwürfe, adressiert direkt an Grenke. Falls solche Vorwürfe zutreffen, wäre das für das Renommee des Unternehmens natürlich nicht gerade förderlich. Solche Dinge einzuschätzen, indem man einige unzufriedene Kunden anekdotisch heranzieht, wie es Fraser Perring tut, muss jedoch kein aussagekräftiges Gesamtbild ergeben. Vielleicht hat es sich die Grenke AG schlicht bei der Partnerwahl in der Vergangenheit zu einfach gemacht, oder die Beschreibung seitens Fraser Perring ist einfach übertrieben. Das wird man sehen.

Sollte ich jetzt Grenke-Aktien kaufen?

Das bleibt weiter deine Entscheidung. Die Alternative könnte übrigens der Kauf von Grenke-Anleihen sein. Da ist zumindest das Risiko geringer, und da die Anleihen ebenfalls unter Druck geraten sind, könntest du eine ordentliche Rendite mit Anleihen erwirtschaften. Die besten Chancen hast du allerdings schon verpasst. Teilweise notierten Anleihen direkt nach den Vorwürfen mit nur noch 60 Prozent des Nominalwertes. Jetzt stehen sie bereits wieder bei über 90 Prozent.

Der Vergleich Grenke-Wirecard liegt nahe, weil die Vorwürfe aus derselben Ecke kommen. Aber für ein Buch über eine Milliarden-Lüge wird es in Sachen Grenke sicher nicht reichen.
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