Die iranisch-israelische Partie

Seit 36 Jahren dürfen sich iranische Sportler nicht mit Sportlern aus Israel messen. Womöglich hat der Iran dieses Verbot jetzt stillschweigend aufgehoben.

Während des Blitzturniers am Rande des Opens in Sitges spielten Anfang der Woche die jungen iranischen Großmeister Parham Maghsoodloo und Amin Tabatabaei gegen den israelischen FM Ido Gorshtein. Wissentlich? Versehentlich? Noch sind die genauen Umstände unklar.

Amin Tabatabaei. (Foto: Amruta Mokal/ChessBase India)

Laut Radio Farda, einem US-finanzierten persischen Nachrichtensender, „ist es wahrscheinlich, dass beide Iraner sich mit den Behörden daheim abgestimmt hatten“. FIDE-Vizepräsident Nigel Short gratulierte den beiden spontan für ihre „mutige Entscheidung“. Später stellte Short auf Facebook klar, dass beide „bestimmt nicht“ ohne den Segen von daheim gegen einen Israeli gespielt hätten. Ein Offizieller des iranischen Verbands hingegen hat laut Farda gesagt, dass Maghsoodloo und Tabatabaei die Nationalität ihres Gegners nicht bewusst war.

„Mutig“, schrieb Nigel Short spontan. Später korrigierte er sich dahingehend, dass beide bestimmt nicht ohne den Segen von daheim gegen einen Israeli angetreten wären.

Noch im Oktober bei der Juniorenweltmeisterschaft hatte Tabatabaei im Mittelpunkt einer Affäre um iranisch-israelische Paarungen gestanden. Er und ein Landsmann waren zu solchen Partien nicht angetreten – und hatten ein Attest präsentiert, das ihnen gesundheitliche Probleme bescheinigt. Beide flogen aus dem Turnier. Nach einem Protest der iranischen Delegation durfte Titelkandidat Tabatabaei doch weiterspielen – unter der Bedingung, dass ihn beim nächsten Gesundheitsproblem ein vom Ausrichter gestellter Arzt untersucht.

Ohne Kopftuch gespielt – und gesperrt

Bislang galt für iranische Sportler, dass sie ein Bann aus der Heimat trifft, sobald sie sich einem Wettkampf mit einem Israeli stellen. Ungezählt sind deswegen die kampflosen Niederlagen, die iranische Schachspieler und andere Sportler seitdem gegen Israelis eingesteckt haben. Würden sie antreten, würde sie das ihre Existenz kosten. Beim Grenke-Open 2019 zum Beispiel gab Alireza Firouzja, Irans Nummer eins, seine Partie der dritten Runde gegen einen Israeli kampflos verloren.

Alireza Firouzja beim Grenke-Open 2019. (Foto: Grenke Chess/Georgios Souleidis)

Und es muss nicht nur eine Partie gegen einen Israeli sein, um drakonische Konsequenzen zu spüren zu bekommen. 2017 traf ein Bann des iranischen Schachverbands die 18-jährige Großmeisterin Dorsa Derakhshani, die (in Gibraltar!) ohne Kopftuch Schach gespielt hatte. Weil sie fortan keine Turniere als Iranerin mehr hätte spielen dürfen, spielt sie jetzt für die USA und lebt auch dort.

Dieselben Regeln für alle

Wenig später traf der Vorwurf, „den nationalen Interessen des Iran“ zu schaden, ihren 14-jährigen Bruder Borna. Der hatte bei demselben Open in Gibraltar gegen den israelischen Großmeister Alexander Huzman gespielt, ohne zu wissen, dass Huzman Israeli ist. Borna Derakhshani lebt jetzt in und spielt für England, und der Iran hat zwei schlaue Köpfe weniger.

Im Schach haben viele Organisatoren seit Jahrzehnten Paarungen Iran versus Israel von vornherein vermieden, um allen Beteiligten die Folgen einer solchen Paarung zu ersparen. Auch die FIDE bediente sich dieser Praxis, zuletzt bei der Schacholympiade 2018, als in der ersten Runde des Frauenturniers laut Setzliste der Iran gegen Israel hätte spielen müssen und die Auslosung geändert wurde.

Schacholympiade 2018, Frauen-Turnier, erste Runde. Eigentlich hätte der Irak gegen Israel spielen müssen, aber die FIDE änderte die Auslosung. Diese Praxis ist abgeschafft.

Diese Praxis sei zur Zeit des FIDE-Präsidenten Florencio Campomanes eingeführt worden, erklärte Short auf Twitter. Unter Arkadi Dvorkovich sei sie abgeschafft worden, siehe Junioren-WM 2019. Mit einer Anti-Iran-Politik habe das nichts zu tun. Es sollten schlicht für alle dieselben Regeln gelten.  

„Solidarität mit der palästinensischen Bevölkerung“

Ob es sich bei der Auslosung in Sitges um ein Versehen gehandelt hat, oder ob der Ausrichter sehenden Auges iranisch-israelische Partien möglich gemacht hat, ist bislang unbekannt. Eine Anfrage dieser Seite beim Veranstalter ist bislang nicht beantwortet worden.

Ein Küsschen vom Ajatollah: Als IM Aryan Gholami Anfang 2019 beim Rilton-Cup eine Partie gegen einen Israeli verweigerte, war daheim der oberste Führer Ali Khamenei derart entzückt, dass er den Schachmeister einlud, um ihn zu liebkosen. (Foto: Iranische Medien)

Nach Darstellung von Radio Farda hat eine sportpolitische Entscheidung auf höchster Ebene im Iran diese Entwicklung möglich gemacht. „Wir hatten ein Treffen mit dem Außenminister, dem Vorsitzenden des Obersten Nationalen Sicherheitsrates und Sicherheitsbeamten“, sagte laut Farda Reza Salehi-Amiri, Vorsitzender des iranischen Nationalen Olympischen Komitees, am Dienstag. Es sei ein Komitee gebildet worden, das ausloten soll, wie sich die Probleme überwinden lassen, die sich aus dem Wettkampfverbot gegen Israelis ergeben.

Das Verbot gilt seit 1983, seinerzeit erlassen aus „Solidarität mit der palästinensischen Bevölkerung“.

0 0 vote
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
1 Kommentar
Most Voted
Newest Oldest
Inline Feedbacks
View all comments