Alireza Firouzja: „Seit acht Jahren spiele ich jeden Tag Blitz. Für irgendetwas muss das ja gut sein.“

Ohnehin wären während der Schnell- und Blitzschach-WM in Moskau alle Augen auf Alireza Firouzja gerichtet gewesen, den besten Jugendlichen der Welt und obendrein ein großer Freund der schnellen Disziplinen. Nachdem kurz zuvor der iranische Verband seinen Spielern die Teilnahme in Moskau untersagt hatte, sagte sich Firouzja von eben diesem Verband los, um trotzdem teilnehmen zu können. Nun stand er erst recht im Fokus.

Seinem Schach geschadet hat dieser Druck nicht. Beim Blitzschach wie beim Schnellschach spielte der 16-Jährige vorne mit, sicherte sich beim Schnellschach gar die Silbermedaille. Nach dem Turnier beantwortete Firouzja die Fragen des unermüdlichen Berichterstatters Sagar Shah, der während des Turniers die Kanäle von ChessBase India mit Eindrücken aus Moskau fütterte. Wir haben das Interview übersetzt, das Gesprochene ein wenig editiert und neu sortiert. Politisches kommt nicht zur Sprache, es geht um Schach.

Gegenüber der iranischen Nachrichtenagentur ISNA hat Firouzja derweil bestätigt, dass er künftig wahrscheinlich für Frankreich spielen wird, weil er dort lebt. Allerdings will der iranische Schachverband seinen hoffnungsvollsten Spieler jemals nicht kampflos ziehen lassen. Dessen Präsident sagte gegenüber der Agentur, dass Firouzja nicht einfach so den Verband wechseln kann, zumindest nicht von heute auf morgen. Das bedürfe einer Intervention des FIDE-Präsidiums.

Vizeweltmeister im Schnellschach, Sechster bei der Blitz-WM. Bist du zufrieden?

Sehr sogar. Nur die letzten drei Blitzpartien waren schlecht (0,5/3 gegen Magnus Carlsen, Vladimir Kramnik und Wang Hao, Anm. d. Red.). Aber insgesamt habe ich gut gespielt. Die Tage hier in Moskau waren eine prima Vorbereitung auf das Tata-Steel-Chess in Wijk an Zee.

Wijk ist wichtiger für dich als die Rapid-und Blitz-Weltmeisterschaften?

Na ja, dieses war natürlich eine Riesenveranstaltung. Vielleicht bewerte ich sie etwa gleich hoch, schwer zu sagen. Wijk an Zee wird mein erstes großes Turnier im klassischen Schach, eine gewaltige Herausforderung.

Beim Rapid standest du nach zwei Tagen bei sechs aus zehn. Wie bist du den dritten Tag angegangen?

Grundsätzlich wollte ich beim Rapid schon auftrumpfen. Nach dem zweiten Tag wäre ich damit zufrieden gewesen, am Ende in den Top Ten zu landen. Aber als ich am dritten Tag mit einem Sieg gestartet bin, wurde ich wieder zuversichtlich und selbstbewusst.

Das war der Sieg gegen Inarkiev, diese Stellung, du hast gerade 28.Dh3 gezogen.

„Danach wurde ich wieder zuversichtlich“: Firouzjas 28.Dh3 beantwortete Inarkiev mit 28…De6. Das sieht zwar logisch aus, lässt aber 29.Sd6! mit Materialgewinn zu.

Ja, wir hatten in einer merkwürdigen Eröffnung viel Zeit verbraucht und hier beide noch zehn Sekunden auf der Uhr. 28.Dh3 greift h6 an, wahrscheinlich war Inarkiev deswegen ganz auf den Königsflügel fokussiert, das konnte ich aus seinem Gesicht lesen. Einen Fehler habe ich trotzdem nicht erwartet, aber glücklicherweise ist ihm einer passiert. Seine Antwort 28…De6 sieht ja logisch aus. Nach 29.Dxe6 Txe6 gäbe es keine Springergabel mehr, und wegen der Schwäche c3 steht Schwarz sogar besser. Nur habe ich halt 29.Sd6!, das ist nicht besonders schwierig oder spektakulär, aber für mich ein zentraler Zug des Turniers.

Danach hast du weitere starke Spieler besiegt, angefangen mit Quang Liem Le…

…gefolgt von einem Remis gegen Andreikin, sehr interessante Partie. Dann die Riesenpartie gegen Wang Hao, den ich mit Schwarz geschlagen habe. Dieser Sieg war noch wichtiger als der in der letzten Runde. Ich hatte eigentlich gedacht, gegen einen so starken Spieler sollte mit Schwarz ein Remis in Ordnung sein. In erster Linie habe ich erst einmal solide gestanden und darauf gewartet, dass er etwas versucht. Wang Hao war so gut ins Turnier gestartet, hatte immer vorne gelegen bis dahin, er war ambitioniert, das war klar. Aber ich habe Gegenspiel gefunden, bin in der Partie geblieben, und dann hat er sie in Zeitnot eingestellt.

Danach Weiß gegen Mamedyarov, noch ein Weltklassespieler.

Komplizierte Partie. Er hat nach der Eröffnung eine Qualität geopfert und dachte wahrscheinlich er würde auf der h-Linie Spiel gegen meinen König bekommen. Aber ich hatte diese feine Ressource 35.Lf3 nebst 36.Dh2, die Damentausch erzwingt, weil ich selbst auf h8 matt drohe. Danach hatte ich einfach nur eine Qualität mehr, ein besonderer Moment für mich…

„Feine Ressource“: 35.Lf3 nebst 36.Dh2 erzwingt Damentausch, und Weiß steht mit einer Mehrqualität auf Gewinn.

…und du warst Vizeweltmeister. Der größte Erfolg deiner Karriere?

Ja, klar.

Unter Zeitdruck begehst du kaum Fehler, siehst die Schlüsselzüge enorm schnell. Und dein Spiel wirkt solide. Selbst gegen Topspieler lässt du selten etwas anbrennen. Wie machst du das?

Seitdem ich vor acht Jahren mit Schach angefangen habe, spiele ich jeden Tag Blitz. Für irgendetwas muss das ja gut sein. (Lacht)

Ist Blitz dein Lieblingsformat?

Rapid fällt mir sogar leichter, aber Blitz mag ich am liebsten.

Und auch dort hast du eine gute WM abgeliefert.

Der erste Tag war nicht gut. Okay, ich habe Hikaru geschlagen, das war riesig, aber abseits davon lief es nicht so toll. Immerhin ist es mir halbwegs gelungen, bis zum Ende des Tages vorne dabei zu sein. Acht aus zwölf, das war okay. Aber mir war klar, dass ich am zweiten Tag in jeder Partie hart würde arbeiten müssen.

„An meinem Schach arbeite ich im Wesentlichen allein“: Vor einem Jahr bei der Blitz- und Rapid-WM merkte Alireza Firouzja, dass er mithalten kann. Dieses Mal wollte er vorne mitspielen. || Foto: Lennart Ootes/FIDE

Auch wenn dir Weltklassespieler gegenübersitzen, wirkst du selbstbewusst. Woher kommt das?

Ich habe ja bei der Rapid- und Blitz-WM vor einem Jahr gegen einige von ihnen gespielt und schon da gemerkt, dass ich mithalten kann. Vor diesem Turnier habe ich hart an mir gearbeitet, ich sollte also besser sein als vor einem Jahr. Das Selbstvertrauen habe ich mir erarbeitet.

Wirst du eines Tages Weltmeister?

Es gab schon viele starke, junge Spieler, die es nicht geschafft haben. Ich werde einfach weiterhin versuchen, so gut wie möglich zu spielen, und dann werden wir sehen, was passiert.

Hattest du Hilfe, um hier so gut abzuschneiden?

An meinem Schach arbeite ich im Wesentlichen allein. Aber um Erfolg zu haben, muss alles stimmen, auch das Umfeld. Darum möchte ich meine Eltern erwähnen, die mich unterstützen und immer für mich da sind. Und den iranischen Verband. Mit dem war es bis zu diesem Punkt … (überlegt) … gut.

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