Kein Frühling, keine Erleichterung: Iran verbietet seinen Großmeistern WM-Teilnahme / Firouzja bald Franzose?

Der Iran hat seinen Spitzenspielern die Teilnahme an der Rapid- und Blitz-Weltmeisterschaft Ende Dezember in Moskau untersagt. Der iranische Superstar Alireza Firouzja wird in Moskau trotzdem antreten. Um das Verbot zu umgehen, wird er unter FIDE-Flagge spielen.

Dieser neueste Bannspruch des iranischen Sportministeriums ist eine Reaktion auf einen Vorfall Mitte Dezember während eines Turniers in Spanien. Die Großmeister Parham Maghsoodloo und Amin Tabatabaei hatten im Lauf eines Blitzturniers gegen einen israelischen FIDE-Meister gespielt. Wettbewerb mit Israelis ist iranischen Sportlern seit 36 Jahren untersagt.

Damit entwickelt sich die Geschichte in genau die entgegengesetzte Richtung, als allgemein spekuliert worden war. Von einem möglichen iranischen Sportfrühling, von einem Ende des Banns war die Rede, nachdem bekannt worden war, dass Maghsoodloo und Tabatabaei im Lauf des Blitzturniers FM Ido Gorshtein gegenübergesessen hatten. FIDE-Vizepräsident Nigel Short hatte den beiden Iranern spontan für ihren Mut gratuliert. Später spekulierte der Brite, ohne Absprache mit den heimischen Behörden hätten die beiden Iraner kaum einen solchen Schritt gewagt.

Amin Tabatabaei (links) schaut seinem Landsmann, dem ehemaligen Juniorenweltmeister Parham Maghsoodloo über die Schulter. (Foto: Sunway Sitges Ches Festival 2019)

Der US-finanzierte Nachrichtenkanal Radio Farda berichtete derweil, dass die höchsten Sportinstanzen des Landes involviert seien, das Sportministerium sowie das nationale olympische Komitee. Das stimmt auch, nur spielten die Behörden eben nicht die Rolle, wie es die internationale Schach- und Sportfamilie erhofft hatte. Stattdessen zementierten sie einmal mehr eine Regelung, die seit Jahrzehnten immer wieder für kampflose Niederlagen iranischer Sportler und Kopfschütteln von Beobachtern sorgt.

Mittlerweile haben Radio Farda sowie der persische BBC-Ableger die Geschichte noch einmal aufgegriffen. Demnach wussten Maghsoodloo und Tabatabaei tatsächlich nicht, dass ihnen ein Israeli gegenübersitzt, und kein Funktionär war in der Nähe, um sie zu warnen. Als das iranische Sportministerium Aufklärung vom Schachverband verlangte, mussten die beiden Großmeister Schlimmstes befürchten. Sie wären nicht die ersten, denen für den Rest ihres Lebens verboten wird, ihrem Sport nachzugehen.

Maghsoodloos Argumentation, dass man bei einem Blitzturnier oft nicht einmal den Namen seines Gegners kennt geschweige denn dessen Nationalität, scheint verfangen zu haben. Eine drakonische Strafe blieb aus. Statt den beiden „Übeltätern“ bestraft der Iran nun seine gesamte Riege von Spitzenspielern, indem er ihnen die Teilnahme an der Rapid- und Blitzweltmeisterschaft untersagt. Die iranischen Spitzenspielerinnen dürfen in Moskau am Frauenwettbewerb teilnehmen. Dort sind keine Israelis angemeldet.

Was ist mit Firouzja?

Bei den Männern spielen mehrere Israelis. Weil es beim Rapid und erst recht beim Blitz schnell zugeht, weil zudem die FIDE die Politik abgeschafft hat, israelisch-iranische Paarungen gar nicht erst zuzulassen, hätten es zu weiteren Begegnungen kommen können. Dieser Möglichkeit schiebt das iranische Sportministerium nun einen Riegel vor, indem es seinen Leuten das Mitspielen verbietet.

Kein Zahltag, kein Wettbewerb mit der Weltklasse: Großmeister Pouya Idani, Nummer vier des Iran, bei den Offenen Internationalen Bayerischen Meisterschaften 2019. (Foto: Thomas Müller/Tegernseer Tal Tourismus)

Gäbe es dieses Verbot nicht, mehrere Iraner wären mit von der Partie gewesen. Großmeister Pouya Idani,  Nummer vier des Iran, hatte unlängst im Interview mit dieser Seite (noch nicht veröffentlich) gesagt, die Schnell- und Blitzschach-WM sei in seinem persönlichen Turnierkalender fest vorgemerkt.

Unklar war, wie es um den iranischen Superstar Alireza Firouzja steht, den ersten 16-Jährigen überhaupt, der die 2700 Elo geknackt hat. Sein Name stand auf der Teilnehmerliste, dann verschwand er während der vergangenen Tage, nun steht er wieder drauf. Mittlerweile zeichnet sich ab, dass sich der angehende Weltklassespieler dem Bann aus der Heimat widersetzt, indem er in Moskau unter FIDE-Flagge spielt.

Dies mag ein erster Schritt auf dem Weg zu einem Föderationswechsel sein. Alireza Firouzja lebt in Paris. Seit einiger Zeit geht das Gerücht, die französische Schachföderation versuche, das Supertalent zu einem Föderationswechsel zu bewegen. Je mehr Steine ihm der Iran in den Weg legt, desto eher mag er geneigt sein, dem Werben anderer nachzugeben.

Das eskalierte schnell: Alireza Firouzja von der Föderation FIDE.

Die iranische Reformzeitung Shargh hat jetzt per Twitter berichtet, dass Firouzja bereits beschlossen hat, nicht mehr für den Iran zu spielen. Noch gibt es keine Aussage dazu, in welche Richtung seine Reise stattdessen gehen soll. Für einen Föderationswechsel würde die FIDE eine Gebühr von gut 50.000 Euro aufrufen.

Dem Rest der jungen iranischen Großmeistergarde entgeht eine Chance, sich über mehrere Tage in den schnellen Disziplinen mit der Weltklasse zu messen. Ein potenziell gewaltiger Zahltag entgeht den iranischen Profis obrendrein. Gesamtpreisfonds der Weltmeisterschaften: eine Million Dollar.

(Dieser Bericht ist angesichts der neuesten Entwicklungen um Firouzja am 24. Dezember aktualisiert worden.)

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